Das leise Surren des Propellers

3. Mai 2010, 17:07
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Mehr als 1100 Mühlen gibt es in den Niederlanden, einige werden nun als Ferienhäuser vermietet

Diesen Nachmittag versucht der Wind es wieder, fährt plötzlich durch die Äste der Bäume der Umgebung, lässt seine Böen wild um die alte Mühle auf dem Hügel am Ortsrand fauchen. Er drückt gegen die kleinen Fensterscheiben, schmirgelt über den Backstein des alles in allem gut 25 Meter hohen Gebäudes - und rüttelt an den gewaltigen Flügeln. Es ruckt ein bisschen. Und es knarzt gewaltig im obersten Stockwerk der Mühle, wo sich eines der sechs Schlafzimmer befindet. Dicke Fußbodenbalken aus Eichenholz quietschen, als johlte das ganze Gebäude „Hurra, es geht endlich wieder los", als fühlte sich der robuste Bau an alte Zeiten erinnert, ans Arbeitsleben von einst, an viele Stürme - und darf diesmal doch nicht mitmischen.

Das Räderwerk in der Kuppel der alten Windmühle De Verrekijker von Bergharen in der niederländischen Provinz Gelderland ist vollständig intakt, doch die Flügel sind mit einer schweren Eisenkette und so etwas wie einem Anker am Erdboden fixiert. So rucken sie im Wind nur ein paar Zentimeter. De Verrekijker (der Weitgucker) knapp hinter der Grenze zu Nordrhein-Westfalen, ist in Pension und scheint es doch nicht ganz wahrhaben zu wollen.

Einen Mühlstein im Inneren gibt es nicht mehr, stattdessen eine riesige Wohndiele mit Küchenzeile, großem Esstisch und Leseecke mit Musikanlage im grasbewachsenen Sockel des Mühlenbaus, weiter oben im eigentlichen Erdgeschoß ein modern eingerichtetes Wohnzimmer mit Tür zum Garten, darüber zwei Etagen mit Schlafzimmern. 220 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich auf alles in allem fünf Etagen.

Lieblingsplatz

Das restaurierte und im Inneren völlig entkernte Gebäude ist eine von etwa elfhundert in ganz Holland erhaltenen Windmühlen. Zu ihren Glanzzeiten waren es mehr als 10.000. Was diese so besonders macht: Sie wird inzwischen als Ferienhaus vermietet. Winifred Broeder aus Rotterdam hat De Verrekijker vor ein paar Jahren gekauft und gemeinsam mit Mann, den fünf Kindern und ein paar fachkundigen Helfern restauriert. Ihr Lieblingsplatz?

„Das Bett ganz oben im höchstgelegenen Schlafzimmer: weil man dem weiten Himmel und den Vogelstimmen am nächsten ist" - und dem knarzenden Räderwerk, der speziellen Mühlenromantik. Holländischer geht es jedenfalls nicht: in der Windmühle wohnen, um das Lebensgefühl der Niederlande zu spüren, den Wind, die Geschichte - und um zwischendurch ganz nebenbei unten am Herd typische Pannekoek mit Puderzucker und Sirup zu backen.

Winifred Broeder lacht, fährt sich mit der rechten Hand durch die Locken und öffnet die Luke zum Räderwerk in der Kuppel. Fast liebevoll streicht sie über die Originalteile einer älteren Mühle aus dem 17. Jahrhundert, die hier verbaut sind. Verrekijker selbst bringt es erst auf knapp mehr als 100 Jahre. „Manchmal", erzählt sie, „binde ich die Flügel los, setze mich draußen in den Gartenstuhl und schaue ihnen einfach beim Drehen zu. Das ist ungeheuer entspannend".

Überraschender Besuch

Und weil die Flügel bei durchschnittlich vierzig Stundenkilometern kaum hörbar nur mit einem leichten Surren rotieren, muss sie jedes Mal aufpassen, dass nicht überraschend Besuch kommt und in Reichweite des Propellers gerät: „Ein paar Mal ist das fast passiert. Weil Leute irgendwie denken, in Holland ist bestimmt jede Mühle öffentlich. Sie laufen dann einfach in den Garten, machen Fotos - und nehmen vor lauter Begeisterung gar nicht wahr, dass sich die Flügel drehen."

Einmal seien sogar Fremde wie selbstverständlich in die Diele getreten, während sie mit der ganzen Familie beim Essen saß. Die Leute haben sich dazugesetzt und dachten, die Broeders betrieben ein Restaurant - vielleicht weil es inzwischen die kuriosesten Nutzungen entkernter Mühlen gibt und die des Wohn- oder Ferienhauses eher die Ausnahme ist. In einer im Nachbardorf ist eine Tierfutterhandlung untergebracht, eine andere ist tatsächlich Restaurant, in wieder einer anderen werden Klaviere verkauft. Winifred Broeder hat ihres dort erstanden. Es steht heute in der Mühlendiele in Bergharen - und müsste mal wieder gestimmt werden. (Helge Sobik/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 1./2./5.2010)

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    Windmühlen zum Wohnen.

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