Langsam im Dunkel verschwinden

2. Mai 2010, 18:35
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Die Ursachen der Alzheimer Demenz sind unbekannt - Die Forschung konzentriert sich darauf, die Krankheit erträglich zu machen - Heilung ist noch nicht möglich

Kurt Wallander vergisst nicht nur den Herd abzuschalten, er lässt sogar seine Dienstwaffe in einem Lokal liegen. Er fährt Zug und weiß nicht mehr, wohin. Henning Mankell, schwedischer Autor, wie sein Krimiheld 62 Jahre alt, lässt im letzten Wallander-Krimi den Kult-kommissar nicht sterben, sondern "langsam im Dunkel verschwinden". In ein "leeres Universum, das Alzheimer heißt". Er habe keine Angst vor dem Tod, sagt Mankell, aber große Angst, den Verstand zu verlieren. Die Angst vor Demenz (Dementia heißt "ohne Geist") ist nicht unbegründet.

Weltweit leiden 36 Millionen Menschen an Morbus Alzheimer, der häufigsten Demenzerkrankung. Die Hauptsymptome sind langsam fortschreitende Gedächtnis- und Denkstörungen, die Alltagsaktivitäten beeinträchtigen. Alzheimer schleicht sich ein, zum Ausbruch kommt die Krankheit meist erst nach dem 65. Lebensjahr. Im Frühstadium schwindet die Merkfähigkeit, Termine, Namen werden vergessen. Besonders betroffen ist das episodische Neugedächtnis - man kann sich nicht mehr an Situationen, Ereignisse erinnern, die erst kürzlich passiert sind. Die Sprache verarmt, man findet die richtigen Worte nicht mehr. Später kommt es zu örtlicher und zeitlicher Desorientierung, man verirrt sich. Im letzten Stadium verliert der Patient auch sich selbst, die Orientierung zur eigenen Person.

Fragliche Risikogruppe

Als Risikogruppe gelten Menschen mit einer leichten kognitiven Beeinträchtigung. Bei MCI (Mild Cognitive Impairment) schwindet das Erinnerungsvermögen. In Österreich leiden 500.000 Menschen an MCI. 15 Prozent davon entwickeln jährlich eine Demenz. Ob die aktuelle Definition von MCI ideal ist, bezweifelt Reinhold Schmidt, Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Neurologie an der Uni-Klinik Graz: "Es gibt relativ viele Personen, die mit MCI diagnostiziert werden, aber stabil bleiben, oder bei denen sich die Symptome auch wieder rückbilden."

Die Diagnose von Alzheimer-Vorstufen ist für Schmidt ein ambivalentes Unterfangen: "Es gibt eine starke Tendenz, möglichst früh jene Leute herauszufiltern, die in naher Zukunft Alzheimer entwickeln werden. Von Erfolg gekrönt waren die medikamentösen Therapieansätze bei Patienten mit MCI bisher leider nicht. Wir brauchen daher eine bessere Definition der Alzheimervorstufen."

Symptomatische Therapie

Frühsymptome kann man über Gedächtnistests erkennen, bildgebende Verfahren können Veränderungen im Gehirn, wie die Verkleinerung des Hippocampus, nachweisen, über genetische Tests lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung errechnen. Untersuchungen der Gehirn-Rückenmarkflüssigkeit zeigen Eiweißveränderungen, die Hinweise auf frühen Alzheimer geben können. Schmidt: "Das alles wird aber im klinischen Alltag erst relevant, wenn es auch Therapiemöglichkeiten für das Prodromalstadium gibt."

Noch beschränkt sich die Therapie auf bereits an Alzheimer Erkrankte, behandelt werden Symptome. Im Frühstadium versucht man das über Cholinesterase-Hemmer, die den Signalaustausch zwischen Nervenzellen verbessern, indem sie den Abbau des Botenstoffes Acetylcholin hemmen. Zum Einsatz kommt auch der Wirkstoff Memantine, er beeinflusst die durch den Botenstoff Glutamat vermittelte Signalübertragung zwischen Nervenzellen.

Zerstörerische Plaques

Obwohl die Krankheit bereits 1906 vom deutschen Neuropathologen und Psychiater Alois Alzheimer beschrieben wurde, kennt man ihre Ursache noch nicht. Aktuell konzentriert sich die Forschung auf die Beta-Amyloid-Eiweißstoffe, "dieses kleine Peptid, das bei Alzheimer Demenz eine Rolle spielen könnte" (Schmidt). Das Protein bildet im Gehirn von Alzheimerpatienten Ablagerungen, Plaques, aus. Dadurch werden vermutlich die Nervenzellen in bestimmten Regionen des Gehirns nach und nach zerstört. Ziel der Forschung ist, Therapien zu finden, um Plaques zu verhindern oder aufzulösen. Am weitesten fortgeschritten sind Studien zur Immuntherapie oder "Impfung".

Die neueste Theorie kommt aus New York. Wissenschafter der Mount Sinai School of Medicine haben durch Mäuse-Experimente festgestellt, dass nicht erst die Plaques die Hirnleistung vermindern, sondern bereits die Vorstufe, lösliche Molekülverbände, die Oligomere. Es gelte, Medikamente zu entwickeln, die bereits die Oligomere verhindern, schreiben die Wissenschafter im Fachmagazin Annals of Neurology. Für Alzheimer-Betroffene heißt es, weiterhin zu warten. Schmidt: "Jetzt zu versprechen, wir werden in ein paar Jahren die Krankheit heilen können, wäre nicht seriös." (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 3.5.2010)

Wissen:

Alzheimer ist die häufigste Demenzerkrankung. In Österreich leiden 100.000 Menschen an der langsam fortschreitenden Gedächtnis- und Denkstörung. In den nächsten 20 Jahren wird sich die Zahl verdoppeln. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Ab dem 60. Lebensjahr verdoppelt sich die Häufigkeit alle fünf Jahre. Für die Versorgung Demenzkranker gibt Österreich jährlich eine Milliarde Euro aus.

Von Alzheimer spricht man, wenn die Symptome länger als sechs Monate andauern. Frühsymptom ist der Verlust des episodischen Neugedächtnisses (man erinnert sich nicht an aktuelle Alltagsereignisse). Was genau zur Entstehung von Morbus Alzheimer führt, ist noch ungewiss. Am intensivsten erforscht wird das Beta-Amyloid-Protein, das Plaques, Ablagerungen, verursacht, die vermutlich Nervenzellen im Gehirn absterben lassen. Seit 1999 wird an Impfstoffen geforscht, die Plaques-Bildungen verhindern oder Plaques auflösen können. Aktuell wird der Impfstoff AD02 des österreichischen Erzeugers Affiris in mehreren europä-ischen Staaten klinisch erprobt. Durch die Impfung kann Alzheimer weder verhindert noch geheilt werden. Ziel der Behandlung ist, den Krankheitsverlauf zu bremsen. (jub)

der Standard Webtipp:

alzheimer angehörige austria

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Strukturen im Gehirn beginnen sich bei Alzheimer-Patienten langsam aufzulösen.

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