Hausärzte oft Opfer von Stalkern

Ungerechte Behandlung oder falsche Diagnosen lassen manche Patienten zu Tyrannen werden - Wenig Problembewusstsein für das Phänomen Stalking unter der Ärzteschaft

Edmonton/Darmstadt - Immer wieder tyrannisieren, bedrohen oder belästigen Patienten ihre Ärzte. Das zeigt erstmals die Medizinerin Donna Manca von der University of Alberta in einer Befragung von Hausärzten. "Stalking kommt bei Ärzten und Therapeuten öfters vor als bei der Durchschnittsbevölkerung. Viele werden bedroht, dazu kommen sogar körperliche Übergriffe", erklärt Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement.

Anlass für die Studie war das persönliche Erlebnis der Studienleiterin. Nachdem sie einer Patientin Antidepressiva für eine Woche verschrieben hatte, dachte jene, ihre Ärztin hätte ihr damit das Gehirn geschrumpft. Daraufhin begann die Patientin, Manca über deren Pager rund um die Uhr Nachrichten zu schicken, die schließlich in Drohbotschaften ausarteten. Sie rief in der Ordination und sogar in der Privatwohnung der Medizinerin an und bescherte ihr Alpträume.

Jeder Achte wurde gestalkt

Als auch Ärztekollegen über ähnliche Vorfälle berichteten, ging Manca dem Problem auf den Grund. Sie kontaktierte 3.800 Hausärzte in Kanada, wobei 770 den Fragebogen zurücksandten. 98 Prozent davon berichten über eine oder mehr Misshandlungen durch Patienten in zumindest "geringem" Ausmaß, wozu Manca respektloses Verhalten, Tyrannisierung, verbale Frustäußerung, Bedrohung und Erniedrigung zählte.

Als Zwischenfälle "größeren" Ausmaßes wurden Aggressionen gegen die Person, destruktives Verhalten und sexuelle Belästigung gezählt. Die dritte Kategorie betraf schließlich "schwere" Vorfälle wie Angriffe und Stalking. 40 Prozent der antwortenden Ärzte waren davon zumindest irgendwann einmal im Berufsleben betroffen, 13 Prozent davon von Stalking, wobei weibliche und männliche Ärzte gleichermaßen Opfer wurden.

Krankheit macht Patienten aggressiv

Dass Patienten oder ihre Angehörigen solche Verhaltensweisen zeigen, kann für den Stalking-Experten Hoffmann mehrere Gründe haben. "Manche fühlen sich vom Arzt ungerecht behandelt oder falsch diagnostiziert. Allerdings bedeutet ein Unfall oder eine Krankheit auch erhöhten Stress, der zu aggressivem Verhalten beitragen kann." In manchen Fällen sei allerdings auch psychische Krankheit mit im Spiel oder eine Fixiertheit, etwa wenn sich ein Patient in den Arzt verliebt. "Hausärzte haben noch einen hohen sozialen Status und sind zudem Berufs wegen freundlich, unterstützend und offen", deutet Hoffmann an.

Als Vorsichtmaßnahmen rät der Experte, private Daten nicht öffentlich anzugeben, um auch etwa die eigene Familie vor möglichen Übergriffen zu schützen. Im Bedarfsfall sollte man die Polizei rufen. "Viele schrecken davor zurück, da sie es nicht mit ihrem Berufsethos des Helfers vereinbaren können. Leicht sind derartige Entscheidungen nie - doch ist es wichtig, so einen Schritt nicht als Versagen wahrzunehmen", so Hoffmann. Die kanadische Studienleiterin Manca schlägt zudem vor, das Behandlungszimmer derart einzurichten, dass das Eingesperrt-werden im Raum nicht möglich ist.

Problem noch wenig bekannt

Damit es nicht so weit komme, sollte ein Arzt schon früh Grenzen ziehen um in keine unangenehme Position zu kommen. "Hilfreich bei Verbal-Entgleisungen kann der Hinweis sein, dass in der Ordination ein freundlicher Umgangston herrscht, an den sich der Patient bitte halten soll", empfiehlt Hoffmann. Andernfalls sei es ratsam, den Kontakt abzubrechen oder an Kollegen weiterzuverweisen. "Die Frage, die sich ein Arzt stellen sollte, ist: Muss ich mir das wirklich antun?", so der Experte.

Hoffmann hat mit seinem Institut das Phänomen bei Psychotherapeuten untersucht und konnte bei dieser Gruppe eine erhöhte Gefährdung bestätigen. In der Ärzteschaft gibt es noch wenig Problembewusstsein dafür, wie eine Anfrage beim deutschen Hausärzteverband und der österreichischen Ärztekammer zeigen. "Bestätigt sich das Problem bei Hausärzten, so wäre es sinnvoll, den Umgang damit in der Ausbildung zu verankern oder eine Beratungsstelle einzurichten. In einzelnen Krankenhäusern gibt es bereits Eskalationstraining", so Hoffmann.  (pte)

  • Krankheit erzeugt Stress, der zu aggressivem Verhalten beitragen kann.
    foto: apa/rolf vennenbernd

    Krankheit erzeugt Stress, der zu aggressivem Verhalten beitragen kann.

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