Im Interview: Die deutsche Sopranistin ist ein Opernstar, der allerdings keinen Extremrummel verträgt
Ljubisa Tosic sprach mit ihr über die CD-Branche, der sie den Rücken kehrte, Kollegin Anna Netrebko und den Opernregisseur Michael Haneke.
Wien - Dort, wo die Netrebko ist, war sie schon - bei der Deutschen Grammophon, also an der Spitze des global verbreiteten gehobenen Klassikkommerzes. Christine Schäfer allerdings zog sich bewusst aus dieser CD-Welt zurück, und: Es hat ihr keinesfalls geschadet. Sie reüssiert nach wie vor an allen Opernbühnen, gibt auch Liederabende - und gern auch im kleineren Rahmen, wie beim Swarovski-Festival Musik im Riesen in Wattens (am 8. Mai).
Standard: Der CD-Branche geht es schlecht. Andererseits - Stichwort Digital Concert Hall und Youtube - kann man die meisten Künstlerauftritte gleich global sehen.
Schäfer: Für uns ist das schlecht, da man kein Konzert mehr hat, bei dem man quasi unbeobachtet ist. Mich stört das. Außerdem: Wer das ins Netz stellt, sollte auch etwas dafür zahlen. Muss nicht viel sein, es geht ums Prinzip. Ein Liederabend, den ich in den USA gab, war gleich auf Youtube. Ein Ausschnitt ist ja charmant. Aber gleich das Ganze? Was ich lustig finde, sind die Kommentare, die zu den Ausschnitten von Usern abgegeben werden. Da sind Kritiker noch ganz milde ...
Standard: Einst waren Sie im Zentrum des CD-Business und haben den Vertrag gekündigt. Warum?
Schäfer: Ich kann mit dem Gefühl nicht so gut umgehen, als besonderes Produkt vermarktet zu werden. Das muss man auch einlösen, das war für meine Nerven zu anstrengend. Ich bin eher für Überraschung zu haben als dafür, hohe Erwartungen zu erfüllen. Das setzt mich unter Druck, ich kann dann nicht frei agieren. Für die CDs, die ich dann selbst umgesetzt habe, konnte ich mir jeweils drei Jahre Zeit nehmen. Schöner Luxus.
Als ich den Vertrag bei der DG gekündigt habe, hatte ich nicht das Gefühl, dass man mir besonders nachgetrauert hat. Klar: In den Augenblick, da man die Medienmaschine nicht mitbedient, sind die Verkaufszahlen nicht mehr berauschend. Und eine große Firma braucht schon 30.000 Exemplare, damit sich das rechnet. Meine CDs habe ich selbst finanziert, habe das Studio gemietet und aufgenommen, wenn ich Zeit hatte. Manchmal gab es drei Monate Pause, aber dieser Abstand hilft, Distanz zu gewinnen.
Standard: Beim Salzburger Figaro vor Jahren gab es großen Rummel um Anna Netrebko, hat das die Proben gestört?
Schäfer: Gar nicht, da sie so ein normaler Mensch ist, auch eine fantastische Sängerin mit Qualitäten, die wenige von uns haben. Die hat ein anderes Gemüt als ich, ich hatte nicht das Gefühl, dass sie leidet. Als nach der Premiere die Kameras auf uns losgingen, machte ihr das Spaß. Mir nicht. Ich will Ruhe haben, nach einer Vorstellung brauche ich eine Stunde, bis ich wieder da bin.
Standard: Dieser Figaro wurde zu einem Sängerinnenmatch hochstilisiert, den Sie gewannen.
Schäfer: Das war unmöglich, so etwas kann grundsätzlich fatale Folgen zwischen Kollegen haben. Aber wir mögen einander.
Standard: Unter den Regisseuren, mit denen Sie zusammengearbeitet haben, war auch Filmemacher Michael Haneke. Er war ja beim Don Giovanni eher sehr genau.
Schäfer: Der war total vorbereitet, das war unglaublich durchinszeniert, wir waren eigentlich in drei Wochen fertig mit den Proben. Normalerweise arbeitet man ja an großen Inszenierungen sechs Wochen, und als Sängerin weiß man manchmal gar nicht, warum eigentlich so lange. Haneke hatte in Paris Angst, dass ihm die Zeit davonläuft, dann waren wir aber früher fertig. Er hatte allerdings ganz strenge Vorstellungen, die er umsetzen wollte. Etwas ganz anderes konnte man als Sänger nicht machen.
Eine gewisse Unerfahrenheit im Umgang mit Sängern war sogar gut, auch was gewisse stereotype Gesten anbelangt, gegen die man als Sänger nie ganz gefeit ist. Ich finde es toll, wenn Sänger wie Schauspieler agieren. Manchmal merkt man halt nicht, dass beim Singen der Arm theatral unbrauchbar hochgeht. Das sieht ja dann doof aus. Das Singen bindet eben Kräfte.
Standard: Hatten Sie von Anfang an das Gefühl, dass Sie mit Ihrer Stimme Karriere machen könnten?
Schäfer: Am Anfang, denkt man, man sei die zweite Callas, dann kommt man auf den Boden der Tatsachen zurück und sieht: Es gibt tausende andere, und dann beginnt die harte Arbeit. Ich gehöre nicht zu jenen, bei denen die Stimme von Anfang an da war, sie war wirklich sehr zart. Jetzt fängt es eigentlich erst an. So wie jetzt hätte ich meine Stimme gerne vor zwanzig Jahren gehabt!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5./2.5.2010)