Wie alt ist das denn?! Das heurige Donaufestival in Krems beschäftigt sich in seiner Kuratorenprosa mit "Failed Revolutions" und schickt die Hamburger Band Deichkind auf die Müllhalde
Krems - "Gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise würde man sich erwarten, dass die Welt aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und die Wirtschaftssysteme zum Positiven revolutionieren würde. Diese Erneuerungs- und Veränderungskraft und vor allem das Bewusstsein und der Wille, bestehende Systeme und Handlungsweisen zu hinterfragen, zu verbessern und ihnen wenn nötig auch etwas Neues entgegenzusetzen, fehlt jedoch vielfach."
Da musste wohl auch Comandante en Jefe Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll schmunzeln, als man ihm sein Geleitwort zum heurigen Donaufestival in Krems zur Lektüre vorlegte. Das ist gerade auch angesichts aktueller wirtschaftlicher "Vorkommnisse" im Land unter dem Giebelkreuz schließlich hochbrisanter, aufrührerischer Stoff. Gott sei Dank versteckt sich dieser in einem harmlosen Programmheft, das gewöhnlich eh niemand liest.
Immerhin aber befindet sich der erste Diener Niederösterreichs dabei in guter Gesellschaft. So wie jedes musik- und performancelastige Festival mit Anspruch will schließlich auch die jährliche Frühjahrsunterhaltung auf dem idyllischen Gussbetonareal des Kremser Messegeländes mit dem noch immer relativ jungen literarischen Genre der Kuratorenprosa legitimiert werden.
Gar nicht daran zu denken, wenn man Künstler und Bands wie Rufus Wainwright oder Ja, Panik einfach so buchen und Eintritt kassieren würde. 2010 geht es laut dem als "Kuratoren-Popstar" gehandelten Festival-Chef Thomas Zierhofer-Kin um nichts weniger als Failed Revolutions / Gescheiterte Revolutionen. Dass der Revolutionsbegriff heute zwar auch nur noch eine weitere Applikation für Power-Misuser auf dem iBlöd darstellt, hält selbst der Intendant schmunzelnd in seinem eigenen Vorwort fest. Irgendetwas muss man ja sagen, wenn man gefragt wird. Zum Beispiel: Warum? Das ist Kommunikation. Was dann prompt zu Sex und Revolution und physischen wie psychischen Grenzen, also zur rüstigen Electroclash-Feministin Peaches führt. Sie wird in Krems zum Kehraus am 8. Mai neueste Entwicklungen auf dem Groovebox- und Godemiche-Sektor präsentieren.
Am Abend aller Tage
Vorher rocken die Laptops unter anderem bei Techno-Veteran Alec Empire. Es setzt gesetzten Weltschmerz von den Tindersticks, Slacker-Ahnherr J. Mascis kreischt in die Rente - und dass es in New York vor Sonic Youth einmal Glenn Branca und seine Gitarrenlärmwände gegeben hat, daran wird Glenn Branca (nach Sonic Youth im Vorjahr) heuer selbst erinnern. Die Revolution vergisst nicht auf ihre ältesten Kinder.
Wie man am bescheiden besuchten Eröffnungsabend des Festivals allerdings bemerken durfte, können sich solch wirkungsmächtige Worthülsen wie "Revolution", "System" und "Hinterfragen" im spätkapitalistischen Wiederkäuer- und Selbstverwertungsgewerbe als metaphorischer Treibsand erweisen. Auf dem fahren wir alle talwärts, weil die Revolution ihre Kinder zum Brunnen trägt, bis es zum Abend aller Tage gelangt.
Deichkind in Müll nannte sich der Hauptquatsch des Donaufestivals 2010. Nach diesem Debakel kann von künftigen Generationen vielleicht ernsthaft an diesem Thema gearbeitet werden. Eine Diskursoperette über Starkult, Starmania, Starobrno und die "Macht der Inszenierung" wollte die Hamburger HipHop-Band mit dem deutschen Welthit Arbeit nervt auf die Bühne stellen. Verkauft wurde das als "Wiedergeburt der griechischen Tragödie aus dem Spätkapitalismus".
Herausgekommen ist, anders als bei der Kinderjause mit Damenspitz, die es sonst bei Auftritten von Deichkind setzt, Studententheater mit Publikumseinbindung über Fragebögen: "Wie viele Deichkind-Besucher halten sich für depressiv?" LED-Helme blinkten. Die Stille wurde mit Pantomime hörbar gemacht. Dazwischen kasperlte man in Billa-Sackerl-Kostümen auf den Müllhalden unserer Zivilisation herum und regte das Publikum mit Sternstunden privater Sachbuchlektüre zum Nachdenken an.
Das erste Mal seit den 1970er-Jahren wurden schließlich sogar die guten alten "Produktionsbedingungen" wieder "transparent" gemacht. Was man sich als laut von einem Tennis-Schiedsrichtersessel gesprochene Regieanweisungen vorstellen muss. Um es mit Blog-Star Airen zu sagen: "In meinem Dorf gab's einen Esel, der ist vom Denken gestorben." (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5./2.5.2010)