Die Arbeit nieder!

29. April 2010 16:50

Plädoyer gegen eine Verherrlichung von Arbeit und für das Recht auf Faulheit - Von Stephan Grigat

Arbeit macht krank, Arbeit schändet, Arbeit ist Mühsal und macht hässlich. Karl Marx wusste das und hat allen Kritikern gesellschaftlicher Elendsproduktion ins Stammbuch geschrieben: "Das Reich der Freiheit beginnt erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört." Die sich merkwürdigerweise immer wieder auf Marx berufende Arbeiterbewegung hat die Vernutzung der Arbeitskräfte zum Zwecke der Verwertung des Kapitals hingegen zur anbetungswürdigen Selbstverwirklichung geadelt. Das proletarische Schaffen sei gut, und der eigentliche Skandal des Kapitalismus bestünde darin, nicht jedem Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen.

Ob Sozialdemokraten oder Bolschewisten, ob christliche Soziallehre oder faschistischer Produktivitätswahn, ob Leninisten oder Strache-Fans - sie alle konnten und können sich für die elende Parole "Die Arbeit hoch!" begeistern. Anstatt sich an Paul Lafargue, den Schwiegersohn von Marx, zu erinnern, der das "Recht auf Faulheit" hochhielt, soll es ein "Recht auf Arbeit" sein, für das am 1. Mai gestritten wird.

Gegen Arbeitsfanatiker

Hitler proklamierte in Mein Kampf "den Sieg des Gedankens der schaffenden Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemitisch sein wird". Wie ernst er das gemeint hatte, konnte man später über den Toren der Vernichtungslager nachlesen. Die Linke hingegen polemisierte gegen die schmarotzenden Müßiggänger und wünschte sich "Arbeiter- und Bauernstaaten", anstatt die Menschen vom elenden Dasein als Arbeiter zu befreien.

Der Arbeitsfanatismus von links bis rechts sieht die ehrliche Arbeit um ihren gerechten Lohn betrogen, sei es durch die "Zinsknechtschaft" oder durch die keineswegs nur von der Antiglobalisierungsbewegung so inbrünstig gehassten "Spekulanten". Die Agitation geht gegen "die da oben", gegen die "Bonzen und Parasiten", die lieber konspirieren als eben durch anständige Arbeit selbst etwas zum Volkswohlstand beizutragen.

Der Hass auf das unterstellte oder tatsächliche arbeitslose Einkommen ist nicht nur eine falsche, sondern angesichts seiner Ressentimenthaftigkeit und seiner Verherrlichung des Staates eine äußerst gefährliche Antwort auf gesellschaftliche Krisenerscheinungen und ungleiche Reichtumsverteilung. Der in jedem arbeitsfetischistischen 1.-Mai-Aufruf artikulierte Sozialneid ist das exakte Gegenteil von dringend notwendiger Sozialkritik.

Das zynische Achselzucken des Liberalismus, der angesichts der schlechten Einrichtung der Welt erklärt, die Menschen seien nun einmal so, und der über seine eigenen Konstitutionsbedingungen nichts wissen will, ist aber nicht viel besser als das linke Geraunze. Gegen liberale Konkurrenzverherrlichung und linken Staatsfetischismus ginge es um eine Kritik der Arbeit, die weder mit dem traditionellen Marxismus noch mit alternativen Verzichtsideologien etwas zu tun hat. Ihr geht es nicht um eine gleichmäßige Verteilung des Elends, sondern um seine globale Abschaffung. Sie will nicht Konsumverzicht, sondern Luxus für alle. Solch eine Kritik skandalisiert, dass Luxus und Genuss den meisten Menschen vorenthalten werden, obwohl das angesichts der weit entwickelten menschlichen und gesellschaftlichen Fähigkeiten nicht notwendig wäre.

Für diese Vorenthaltung bedarf es nicht des bösen Willens von "Heuschrecken", wie die Charaktermasken des Finanzkapitals, welche die vermeintliche Würde der Arbeit beschmutzen würden, in zahlreichen Reden am 1. Mai in sehr eindeutiger Tradition wieder tituliert werden dürften, sondern allein der Logik eines Systems, das sich nicht an den Bedürfnissen der Menschen, sondern der Verwertbarkeit des Kapitals orientiert.

Freiheit des Individuums

Eine Kritik der Arbeit richtet sich nicht gegen das Glücksversprechen der Bürger, sondern versucht, seinen ideologischen Gehalt aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass dieses Versprechen in der bürgerlichen Gesellschaft kaum eingelöst werden kann. Solcherart Gesellschaftskritik will keinen falschen Kollektivismus oder gar Gemeinschaftssinn, sondern die verwirklichte Freiheit des Individuums, das sich über seine gesellschaftliche Konstitution bewusst ist.

Dementsprechend verachtet solch eine Kritik die Parole "Die Arbeit hoch!" und setzt dagegen die Vorstellung Theodor W. Adornos von einem befreiten gesellschaftlichen Zustand: "auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen", was übrigens auch eine schöne Alternative zu den drögen Gewerkschaftsaufmärschen oder der Klassenkampfsimulation linker Splittergruppen am 1. Mai ist. (Stephan Grigat, DER STANDARD, Printausgabe, 30.4.2010)

Zur Person: Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Uni Wien und Autor von "Fetisch und Freiheit" (ça ira Verlag, 2007). Im Mai erscheint der von ihm mitherausgegebene Band "Iran im Weltsystem" im Studienverlag.

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    Posting 1 bis 25 von 344
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    PatriotInnen sind IdiotInnen
    03.05.2010 14:39

    Hehe sehr schön ... hät ich nicht gedacht das da Standard was vom Grigat veröffentlicht.
    Guter Kommentar jedenfalls, ich denke da ist nichts hinzuzufügen.

    more more
    05.05.2010 10:48

    Doch.
    a)Das Wohlstand nicht bloß verteilt, sondern täglich neu geschaffen werden muss.
    b)Das, solange menschliche Arbeit notwendig ist, diese auch solidarisch erledigt werden sollte.
    Ein Super-System in dem eine Gruppe arbeitet und die andere Gruppe davon profitiert gab es schon: Sklaverei
    Und wenn jene die arbeiten müssen mit jenen die nicht arbeiten wollen die Früchte ihrer Arbeit teilen sollen, WARUM sollten sie dann weiterhin arbeiten?
    Da geht es nicht um Ressentiments, sondern schlicht um Gerechtigkeit.

    PatriotInnen sind IdiotInnen
    05.05.2010 10:54

    es ging in dem Artikel um eine Kritik an Arbeit im Kapitalismus (Lohnarbeit als rein Wert schöpfende Komponente der Kapitalverwertung)... und nicht wie diese anders erledigt werden könnte oder wie es "Gerechtigkeit" (im Kapitalismus gar nicht btw ...) geben könnte.
    Nicht bös sein, ich geb dir recht, selbstverständlich muss die Arbeit welche den Wohlstand aufrecht erhält und nicht automatisiert erledigt werden kann solidarisch aufgeteilt sein.
    Ich glaub du hast die Arbeitskritik nicht verstanden wenn du da Sklaverei raus liest.

    mikromalist
     
    03.05.2010 10:05
    Fantastischer Kommentar.

    Wie so oft: gegen-die-Intuition ist richtig.
    So lange die Linke Hygiene- und nicht Motivationsfaktoren predigt, ist sie verloren (und WIR natürlich).

    Ich, ein Linker, neige mein altes Kreuz Herr Grigat.

    Publius C. Pulcher
    02.05.2010 21:33
    ausbeutung und so

    dieser grigat hat wohl ein massives problem mit der linken,
    dass er hingeht und den tag der arbeit mit auschwitz gleichsetzt.

    ihm scheint in seinem delirium oder elfenbeinturm (wo auch immer er sich befindet) entgangen zu sein, dass dieser marx, den er ja selbst zitiert, dem Arbeitsbegriff den Ausbeutungsbegriff zur seite stellt.
    und wer die Ausbeuter kritisiert, wird bei grigat zum Neider und potentiellen Massenmörder.

    äußerst unsaubere arbeit, äußerst unsaubere argumentation. setzen fünf herr Lehrbeauftragter

    francgustav
    05.05.2010 09:40
    Marx hat vor allem auch gewusst, dass Arbeit

    die Quelle von Wertschöpfung ist und diese nicht wie Manna vom Himmel fällt, was offensichtlich der Herr Grigat glaubt!

    Träume sind Schäume.
    02.05.2010 17:04
    Die Geschichte der sozialistischen Arbeitsdeffinition.

    - Karl Marx propagiert: Diktatur des Proletariats!

    - Marx Kumpann Engels setzte sich für strenge Disziplinierung der Arbeit für den wissenschaftlichen "sozialistischen Aufbau" ein.

    - Lenin gibt die Parole aus:
    "Wer nicht arbeitet, soll nicht essen"

    - Leon Trotzky, von Idio''ten immer noch verehrt, führte die Militarisierung der Arbeit ein.
    Arbeiter sollen nicht einach Dienst tun, sondern "Produktionsschlachten" führen.
    Bummler oder gar Streikende werden öffentlich erschossen.

    - Den Höhepunkt stellt sicher Väterchen Stalin dar.
    Nichterfüllung von unmöglichen Planarbeitszielen wird als "Sabotage" bewertet, "überführte" Arbeiter werden sammt ihrer Familien als Sklaven in sibirische KZ''s deportiert.

    Es lebe der 1 Mai, Tag der Arbeit ;)

    desillusionierend
    03.05.2010 02:39
    und das passt wie zum artikel?

    gar nicht.

    desillusionierend
    02.05.2010 19:51
    kann bitte mal diesen spamer stoppen

    der checkt nicht mal ansatzweise, dass diese sichtweisen abgelehnt werden vom autor.

    redram
    02.05.2010 14:26
    Luxus fuer alle durch bedingungsloses Grundeinkommen

    Da bleibt mir die Spucke weg, so jemand ist Lehrbeauftragter an der Uni. Und nicht etwa im Schlaraffenland sondern in Oesterreich.

    Simplicius Simplicissimus
    02.05.2010 16:38
    Schon jetzt leben ...

    ... um die 60% ohne Arbeit. Pensionisten, Hausfrauen, Hausmänner, Kinder, SchülerInnen, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger. Das Grundeinkommen hat auch den Vorteil, dass es regional wieder in den Umlauf kommt. Von Luxus kann man aber keinesfalls sprechen, sondern eher von einer Befreiung von Druck und somit ein Hin zu freien Entscheidungen. Kontraproduktiv wäre eine Grundsicherung, die an Bedingungen geknüpft ist.
    Weil in Deutschland ähnliche Bedingungen herrschen, wie in Österreich, hier eine ganz annehmbare Erklärung, was Grundsicherung eigentlich ist: http://nuoviso.tv/wirtschaf... ommen.html

    Träume sind Schäume.
    02.05.2010 18:23

    Das ist eine Sache die viele nicht kapieren.

    Was wir in einer Gesellschaft haben wollen ist NICHT dass Menschen Geldscheine haben.
    Das ist bloß buntes Papier.

    Was wir wollen ist das man damit verläßlich möglichst viele Güter und Dienstleistungen eintauschen kann.

    Falls schlagartig große Teile der Bevölkerung sich nicht am Arbeitsprozess beteiligen gibt es weniger Güter und Dienstleistungen zu kaufen.
    Egal mit wieviel bedruckten Papier man anrückt.

    Außerdem würden der nichtarbeitende Teil die Kaufkraft der Arbeitenden aufsagen.
    Egal ob man über Steuern den Arbeitenden ihren Lohn wegnimmt oder das Geld druckt und Nicht Arbeitenden gibt - Effekt ist derselbe.

    Jene die arbeiten würden sich zurecht fragen, warum?

    Faun
    04.05.2010 23:11

    Wenn die Arbeit nicht mehr ausschließlich der Existenzsicherung dienen muß gibt es viele Leute die einer Tätigkeit nachgehen die hohen sozialen Wert hat, jedoch nur ohne Kosten/Nutzen Rechnung durchführbar ist. Somit hätte die Gesellschaft nicht weniger erwerbstätige Menschen sondern eine größere Vielfalt davon. Bsp.: keiner kann es sich jetzt leisten einer Tätigkeit nachzugehen, bei der man nur 200 euro im Monat bei Vollzeit lukriert. Mit 800 Euro Grundsicherung wäre das schon eine existenzsichernde Tätigkeit. Plötzlich gäbe es genug einheimische Altenbetreuer, Kindertagesstätten, ehrenamtliche Mitarbeiter, künstlerisch tätige Menschen... kurz: Leute, die ohne das große Geld machen zu müssen Gemeinwohlfunktionen ausüben können.

    desillusionierend
    02.05.2010 14:57
    wo ist denn das BGE gefordert?

    = 8-b......
    02.05.2010 13:58
    arbeit

    ist das opium des volkes.

    ökonomics
    02.05.2010 15:27

    arbeit ist die quelle des reichtums eines landes.....

    leider wissen das nicht die griechen.

    Vito
     
    02.05.2010 22:58
    "arbeit ist die quelle des reichtums eines landes....."

    sic!
    ich bin mir aber sicher, dass sie sich über die konsequenzen ihrer eigenen aussage nicht bewußt sind. (denn in der verteilungsfrage würden sie uns wahrscheinlich andere sachen erzählen wollen.)
    und: vielleicht wissen das "die griechen" sehr wohl. - und protestieren und streiken gerade deswegen.


    ps. ihr nick schmerzt: entweder "ökonomik", oder "economics".

    Kantojyrsin
    02.05.2010 13:32
    Kleine sprachgeschichtliche Anmerkung am Rande, die irgendwie zum Thema passt

    Im Mittelhochdeutschen, also vor ca. 800 Jahren bedeutete das Wort, das sich später zur Form "Arbeit" entwickelt hatte, auch - neben "Arbeit" - noch "Mühsal, Not" udgl.

    Publius C. Pulcher
    02.05.2010 13:22
    "Drop the bomb"?

    ist das der stephan grigat der zum krieg gegen den iran aufruft?


    teilweise eine ganz interessante analyse.

    wie man aber die kritik am Kapital und den "KapitalistInnen" auf "neidgesellschaft" reduzieren kann, und dann von der befreiung des individuums sprechen kann...

    was immer er schluckt. er sollte sich neu einstellen lassen ...

    sturmy
    02.05.2010 12:46
    bei den meisten Naturvölkern genügen 3-3,5 Stunden Arbeit zum Leben....

    Träume sind Schäume.
    02.05.2010 17:18
    Sagen wir 14h Arbeit am Tag zum Überleben

    Und eine Lebenserwartung von 30 Jahren.

    Beute jagen ist zeitaufwenig, sie liegen da stundenlang auf der Lauer und um einen Korb mit Wildfrüchten vollzubekommen marschieren sie schnell mal den Nachmittag im Wald.

    Außerdem muss jeden Tag die baufällige Unterkunft ausgebessert, Kleidung produziert, Werkzeuge geschärft, Feuerholz gestappelt und das Anlegen der Wintervorräte geplant werden.

    Den man übrigens oft nicht überlebt, noch früher gab es die Phrase "Über den Winter kommen" bei uns ;)

    A. E. Neumann
    02.05.2010 13:54

    Wenn das ein Durchschnittswert ist, dann muss eine 4köpfige "Naturvolkfamilie" (2 Erwachsene, 2 Kinder) am Tag 14h arbeiten um durchzukommen. Das heißt, Mann und Frau jeweils 7h. Und da regen sich die Leute auf, wenn bei uns die Frauen auch arbeiten gehen, weil eigentlich der 8h Job des Mannes reichen sollte.

    Abgesehen davon haben die "Naturvolkfamilien" keine iPhones, keine Fernreisen, keine Autos, keine wohlig warmen Wohnungen im Winter und keine 42% Abgabenquote. Das heisst im direkten Vergleich arbeitet unser System extrem effizient - bezogen auf die Stunden Arbeit die man leisten muss um das alles finanzieren zu können.

    sturmy
    02.05.2010 15:02
    Kleinkinder haben schon sehr früh Spass die Eltern zu kopieren sei es beim Beerenpflücken oder die Jagd und ob das wohnen Betonklötzen dem Iglu, der Jurte oder einer Baumhütte vorzuziehen ist, hat ehender mit Degeneration zu tun als mit Bedürfniss

    oder Zufriedenheit. Ihre unten angeführten Glücklichmacher sind natürlich unverzichtbar und unentberlich für Zufriedenheit Wohlbefinden.

    Grantscherben
    02.05.2010 02:31

    Nichtstun macht meist nur dann Spass, wenn man etwas zu tun hätte.

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