Ex-Wahlkampfguru Rennard erklärt im derStandard.at-Interview, wie Clegg auch in der dritten TV-Debatte reüssieren kann - und was das mit Obama zu tun hat
Gordon Brown wird auf seine lange Erfahrung pochen, David Cameron den Zweikampf um die Führung des Landes herbeireden - das zumindest erwartet Chris Rennard, seines Zeichens Lord und bis vor einem Jahr Generalsekretär und Wahlkampfmanager der Liberaldemokraten. Deren Parteichef und Spitzenkandidat Nick Clegg ("It can!"), der in den beiden ersten Fernsehdebatten für Furore gesorgt und seine Partei in Umfragen bis auf Platz eins geführt hat, ist für Rennard aus einem ähnlichen Holz geschnitzt wie US-Präsident Barack Obama. Was sich Campaign-Zampano Rennard sonst noch von der TV-Konfrontation heute Abend erwartet und wie er sich ein liberaldemokratisches Großbritannien vorstellt, legt er im derStandard.at-Interview dar.
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derStandard.at: Vor einem Jahr sind Sie als Generalsekretär der Liberaldemokraten zurückgetreten. In den Papieren, die unlängst in einem Taxi gefunden wurden, ist von Ihrem Comeback die Rede. Was nun?
Chris Rennard: Ich bin in diesem Sinne nicht zurück, ich bin ein jetzt ein einfaches Parteimitglied und helfe meinen Freunden im Wahlkampf. Einen offiziellen Posten im Wahlkampf habe ich nicht.
derStandard.at: Schaffen es die Liberaldemokraten etwa ohne Sie nicht?
Chris Rennard: Doch, natürlich, ich habe in meiner Zeit als Wahlkampfmanager und Generalsekretär ein starkes Team mit einer starken Führungspersönlichkeit aufgebaut.
derStandard.at: Umfragen zufolge ist es Nick Clegg gelungen, das "Momentum" der ersten Fernsehdebatte auch in die Zweite hinüberzuretten. Was wünschen Sie als einfaches Parteimitglied Ihrem Chef, um auch in der dritten Konfrontation heute Abend zu reüssieren?
Chris Rennard: Clegg ist es in beiden bisherigen Debatten gelungen, anders zu sein als Brown und Cameron. Und er hat es geschafft, sowohl Labour als auch die Konservativen als Parteien der Vergangenheit dastehen zu lassen, die zum Scheitern verdammt sind und das Land nicht weiterbringen wollen. Heute wird Clegg zeigen, dass beide Parteien bisher in allen wirtschaftlichen Belangen im Vergleich zu vielen anderen Ländern gescheitert sind. Die Liberaldemokraten waren die einzige Partei, die früh vor der jetzigen Rezession gewarnt hat.
derStandard.at: Und wie will Clegg das anstellen?
Chris Rennard: Unser Haushaltsdefizit war schon in den fünf Jahren vor 2007 sehr hoch, Gordon Brown kann sich deshalb nicht auf die internationale Situation ausreden. Wir werden aber auch anmerken, dass David Cameron im bisher letzten konservativen Kabinett von 1992 bis 1997 Berater des Finanzministers war und wir während dessen Amtszeit den "Schwarzen Mittwoch" erlebt haben, als das Pfund niedergestreckt wurde.
derStandard.at: Welche Strategien erwarten Sie von Seiten Camerons und Browns bei der dritten Fernsehdebatte?
Chris Rennard: Brown wird sicher mit seiner großen Erfahrung bei der Bewältigung der aktuellen Krise argumentieren. Allerdings hat er während seiner Zeit als Finanzminister genau die jetzigen Probleme verursacht und sie im Gegensatz zu den Liberaldemokraten nicht einmal vorhergesehen. David Cameron wird versuchen zu suggerieren, seine Konservativen seien die einzige Alternative zu Gordon Brown. Ein Kampf Tories gegen Labour ist aber einfach nicht der Fall, was man auch in den nationalen Umfragen lesen kann, wo alle drei Parteien sehr knapp beieinander liegen und Labour in den meisten Polls sogar nur auf dem dritten Platz.
derStandard.at: Wem hilft "Bigot-Gate" mehr, den Konservativen oder den Liberaldemokraten?
Chris Rennard: Den Umfragen zufolge wohl eher uns. Das war auch gelinde gesagt ziemlich peinlich. So etwas sollte den Menschen zu denken geben, ob Gordon Brown wirklich die geeignete Person ist, die dieses Land weiter führen soll. Umfragen zufolge wechseln Labour-Wähler eher zu den Liberaldemokraten als zu den Konservativen.
derStandard.at: Ihre Partei hat jahrelang gemeinsam mit Labour in Schottland regiert. Falls das Wahlergebnis es anbietet: machen Sie Gordon Brown wieder zum Premier?
Chris Rennard: Das hat Nick Clegg diese Woche recht klar mitgeteilt: wenn Labour zum ersten Mal in der Geschichte nur als dritte Kraft aus der Wahl hervorgeht, wäre es unvorstellbar, Brown zum Premierminister zu machen. Es liegt also nicht wirklich an den Liberaldemokraten, sondern an Labour.
derStandard.at: Und wenn Labour auf Platz zwei kommt?
Chris Rennard: Auch dann muss man ganz genau darauf hören, welche Botschaft der Wähler versendet. Was jetzt schon recht wahrscheinlich scheint ist, dass keine der drei Parteien eine absolute Mehrheit erreichen wird. Das ist auch gar nicht schlecht, die meisten AAA-eingestuften Länder werden von Koalitionsregierungen geführt. Aber, und das ist auch logisch, wir haben jetzt einen anderen Ehrgeiz entwickelt als bei Wahlkämpfen in der Vergangenheit. Nick Clegg will Premierminister werden.
derStandard.at: A propos Ehrgeiz: Cleggs Abschlussstatement bei der zweiten TV-Debatte endete mit den Worten „It can". Die Ähnlichkeit zu Barack Obamas "Yes We Can!" ist wohl eher kein Zufall. Waren Sie auf der Suche nach einem griffigen Slogan oder glaubt Nick Clegg wirklich, er sei ein zweiter Obama?
Chris Rennard: Das würde er nie sagen. Aber Paddy Ashdown sagte einmal, Clegg habe "eine Spur Obama" an sich, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er hat aber auf jeden Fall diesen neuen, erfrischenden Stil, den sich die Menschen wünschen.
derStandard.at: Ihre Partei hat sich als einzige gegen den Irakkrieg ausgesprochen. Wie halten Sie es mit dem britischen Einsatz in Afghanistan? Sind Ihnen die guten Beziehungen zu den USA nicht so wichtig?
Chris Rennard: Wir hätten die Probleme in Afghanistan jetzt nicht in diesem Maße, wenn wir nicht den Fehler begangen hätten und in den Irak einmarschiert wären. Das hat eine Menge Geld gekostet und zu einem großen Blutvergießen und Instabilität geführt. Die Situation in Afghanistan wurde so natürlich nicht einfacher. Wir haben immer danach gehandelt, was für prinzipiell für richtig halten. Die Konservativen und Labour waren viel zu unterwürfig gegenüber der US-Außenpolitik unter George W. Bush. Wir glauben, dass dies ein Fehler war. Das heißt keinesfalls, dass wir Anti-Amerikaner sind, aber Großbritannien sollte nicht automatisch nach dem Geheiß der USA handeln, wenn es um unsere Außenpolitik geht.
derStandard.at: Sie haben sich gegen Atomkraftwerke ausgesprochen und haben ein umfangreiches Umweltmanifest entwickelt. Sind die LibDems die besseren Grünen?
Chris Rennard: Ja, genauso sehen wir das. Auch viele Umweltschutzorganisationen stimmen mit uns überein. Die Grünen hier in Großbritannien haben kaum Chancen, viele Mandate zu gewinnen, was an unserem Wahlsystem liegt. Die Liberaldemokraten haben hingegen gerade bei dieser Wahl gute Aussichten, viele Sitze im Parlament zu erobern. Wir haben Ideen, die ein nachhaltiges, grünes Wachstum fördern, die Grünen machen einen Fehler, wenn sie Wachstum generell ablehnen. Wir sind die einzige große Partei, die Dinge wie Klimawandel und Umweltschutz ernst nimmt. 2005 hat David Cameron alle Umweltschutzangelegenheiten aus dem Parteiprogramm der Konservativen gestrichen.
derStandard.at: In Ihrem Wahlprogramm kommt auffällig oft das Wort "local responsibility" vor. Wenn Nick Clegg in London regiert, unterstützt er dann eine allfällige schottische Unabhängigkeit?
Chris Rennard: Wenn schon, dann würde unsere Partei in Schottland das entscheiden. Aber dort ist man gegen eine Unabhängigkeit Schottlands, sondern glaubt an die Erweiterung des so genannten "Home Rule" (Selbstverwaltung, Anm), das mehr Macht für das schottische Parlament vorsieht. Diese Option ist in Schottland auch sehr populär, und sie ist eine liberaldemokratische Idee. Das heißt aber nicht, dass wir eine komplette Trennung von Großbritannien befürworten.
derStandard.at: Wollen Sie den Euro in Großbritannien einführen?
Chris Rennard: Im Moment stellt sich die Frage nicht, weil die wirtschaftliche Situation nicht entsprechend ist. Sollte sich das ändern und es wirtschaftlich notwendig werden, dem Euro beizutreten, würden wir das nicht ohne Referendum tun. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 29.4.2010)
Zur Person:
Lord Chris Rennard war bis 2009 Generalsekretär (Chief Executive) und Wahlkampfmanager der Liberaldemokraten. Sein Rücktritt wurde offiziell mit gesundheitlichen Problemen begründet, gerüchtehalber waren Unregelmäßigkeiten bei Spesenabrechnungen der Grund.