Mark E. Smith, der Punk im Altherrentuch, legt sich wieder einmal mit der modernen Welt an
"Der gaunze Rock-'n'-Roll-Schmäh
is gonna way vorüber."
Joe Zawinul
Zu diesem Thema hat der britische Grantscherben Mark E. Smith nun bereits seit den 1970er-Jahren einiges zu sagen. Man darf ruhig von einem ausgehen: Mit seinem über die Jahre eine Hundertschaft von Musikern durchreichenden künstlerischen Alleinstellungsmerkmal The Fall hat Smith einige der wenigen Bastionen geschaffen, die sich innerhalb der Populärkultur strikt gegen deren beigestellte Verhaltens- und Verkaufsmuster wenden. Das zielt allerdings nicht auf eine Ablehnung der ursprünglich damit verbundenen Haltung ab.
Mark E. Smith widersetzt sich konsequent selbstzerstörerisch etwaig einschleichenden Wiederholungsmustern. Achtung: Repetition nicht gleich Wiederholung! Er legt den Urgeist dieser Musik frei: Renitenz, Aufbegehren gegen Ordnungs- und sittliche Mächte, Nihilismus, Verweigerung von Bank- und gesellschaftlichen Verbindlichkeiten, der Jim Morrison'sche "Durchbruch zur anderen Seite" - und sei es nur das Hotelzimmer nebenan. Man kann Mark E. Smith also ruhigen Gewissens als letzten lebenden Punk bezeichnen.
Das wird in dieser Zeitung gern seit Jahr und Tag betrieben, führt aber leider ebenso oft zu Missverständnissen. Weil Smith als stolzer Abkömmling der britischen Arbeiterklasse lieber feines Altherrentuch als ein traurig unwürdiges Kasperlleben im Stile Green Days oder der Beatsteaks vor sich her trägt. Und er kommerzielle Luschen wie die diesbezüglich stilprägenden The Clash schon vor mehr als 30 Jahren gern öffentlich als Idioten anspuckte, die die Weltrevolution forderten und ihre Tonträger bei globalen Konzernen veröffentlichten.
Gesund ist eine derart bockige und nicht auf soziale Kontakte außerhalb des Stammlokals, geschweige denn auf Liebe und Verständnis angelegte Existenz nicht. Mark E. Smith ist gerade 52 Jahre alt geworden, sieht aber für einen Mann mit Ende 60 ziemlich schlecht aus.
Mit den neun neuen Songs von "Your Future Our Clutter", dem sehr wahrscheinlich 28. regulären Studioalbum von The Fall, hat sich Mark E. Smith nach ruhigeren und sperrigeren und nach Verdauungsproblemen aufgrund von Krautrock-Konsumation klingenden Alben wie "Fall Heads Roll" wieder einmal auf Abspeckung begeben. Titel wie "O.F.Y.C. Showcase" oder "Bury Pts. 1+3" zerlegen klassische Rock-'n'-Roll-Riffs aus der Gründerzeit des Genres im US-Süden in ihre Einzelteile. Sie setzen diese allerdings nur rudimentär mit Handtacker und Gaffa-Tape neu zusammen.
In diesen rohen, rauen, kraftvollen Anti-Songs, die auf Verbindlichkeiten wie Refrains, Melodien oder nette Worte weitgehend verzichten und lieber auf bis zu achtminütige Repetition im Geiste von das Gute in der Welt nicht finden könnenden Garagenrockern wie The Sonics ("Strychnine") oder den Protopunks The Monks ("I hate you") vertrauen, herrscht gegenüber der sogenannten modernen Welt und deren Anforderungen grundsätzlich nur das allergrößte Misstrauen.
Mit dem geifernden Predigerdiskant einer Kirche der letzten Klage macht sich Mark E. Smith, der alte Speed-Fresser, über Barbiturate lustig. Er saß während der Aufnahmen aufgrund eines Hüftbruchs im Rollstuhl. Smith höhnt über Chino-Hosen und Whirlpools. Er macht sich benebelte Gedanken über Nachrichtensprecher und Cowboy George. Und er kommt nach einer gestelzten Version von Wanda Jacksons "Funnel Of Love" zur finalen Publikumsbeschimpfung: "You don't deserve Rock 'n' Roll!" (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.4./1.5.2010)