Für Robert Menasse ist Bildung Bedingung funktionierender Demokratie
UniStandard: In Ihrem Roman "Don Juan de la Mancha" kommentieren Sie einen versuchten Uni-Aufstand süffisant mit dem Satz: "Die Welt ist ein Seminar und die meisten werden sitzen bleiben." Jetzt sind im letzten Herbst doch untypisch viele Menschen aufgestanden - und gescheitert sind sie trotzdem.
Menasse: Man muss sich leider damit abfinden, dass das Kräfteverhältnis so ist: Die absolute Mehrheit der Menschen bleibt sitzen. Mittlerweile glaube ich, es ist fast ontologisch so, dass die allermeisten Menschen nichts anderes wollen, als ihr Auskommen zu finden in der Welt, so wie sie ist. Aufstehen produziert Unsicherheiten, verlangt jedem viel mehr ab. Die Studentenbewegung vom Herbst hat mich deshalb so fasziniert, weil sie die breiteste und offenste seit 20 Jahren war, weil Funken international übergesprungen sind und weil sie lange genug andauerte, um wertvolle politische Erfahrungen zu produzieren. Gescheitert aber ist sie letztlich an einer Aporie: Es ist nicht möglich, die Notwendigkeit von Bildung einer Mehrheit von ungebildeten Menschen begreiflich zu machen.
UniStandard: Wie rechtfertigen Sie angesichts dieser Aporie Ihren Einsatz für die Bewegung?
Menasse: Ich bin bedingungslos für funktionierende, freie und frei zugängliche Bildungsinstitutionen, weil das die Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie ist. Eine Demokratie setzt den gebildeten Citoyen voraus und wenn der verlorengeht, wird Demokratie gemeingefährlich.
UniStandard: Hat es Sie überrascht, dass die Besetzung dann doch so folgenlos korrodiert ist?
Menasse: Nein. Es war von Anfang an deutlich, dass die Medien entschlossen waren, die Bewegung zu denunzieren, die Stimmung der Öffentlichkeit gegen die Besetzer aufzubringen. Auf der einen Seite zeigte man die Ungewaschenen mit den Obdachlosen, auf der anderen die adretten Wunsch-Schwiegersöhne und -töchter, die doch nur studieren wollen und dabei so tüchtig und fit sind, sich gegen Massen durchzusetzen. Und das Ministerium konnte sich darauf verlassen, dass Massen-Drop-outs auf den Unis bei der Mehrheit bloß sozialdarwinistisches Ressentiment auslösen: Die waren halt nicht fit genug, die sollen das Maul halten, hackeln gehen, und nicht stören. - Allerdings würde ich das Scheitern der Bewegung nicht als folgenlos bezeichnen: Die Hörsaalbesetzer haben ganz sicher mehr gelernt als die Studieren-statt-blockieren-Studis.
UniStandard: Gesiegt haben also Medien und Politik?
Menasse: Ja, doch ich glaube, dass hier ein Pyrrhussieg errungen wurde. Man hat keines der bildungspolitischen Probleme, die objektiv existieren, gelöst und noch größere künftige demokratiepolitische und soziale Probleme vorprogrammiert. Aber Schadenfreude ist unangebracht, denn es geht um jeden Einzelnen, der um seine Bildungschancen, um die Herausbildung einer entfalteten Persönlichkeit betrogen wird.
UniStandard: Wie wären die Protestaktionen ausgegangen, wenn zentrale Medien hinter ihnen gestanden wären?
Menasse: So wie Zwentendorf. Aber dass das nicht passierte, ist auch nicht zu bedauern. Denn kein denkendes Gemüt will Medien haben, die, aus politischem oder ökonomischem Kalkül, Kampagnen führen, denen sich Politiker oder zuständige Fachminister beugen müssen. Zeitungen haben bekanntlich Eigentümer, und Eigentümer haben Interessen.
UniStandard: In strukturellen Fragen gibt sich Ministerin Beatrix Karl gerne handlungsunfähig angesichts der Autonomie der Unis. Nehmen Sie ihr das ab?
Menasse: Wenn sie glaubt, dass sie nichts tun kann, außer jene Sätze zu wiederholen, die ihr von Partei und Wirtschaft diktiert werden, müsste sie aus Selbstachtung zurücktreten, und zwar mit der Empfehlung, den Posten gar nicht erst nachzubesetzen.
UniStandard: Glauben Sie, es gibt eine politi-sche Intention, die Menschen dumm zu halten?
Menasse: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten dieses Landes ernsthaft glauben, dass politisch ahnungslose, ungebildete, aber fachlich gut ausgebildete Menschen ein ruhiges gesellschaftliches Funktionieren gewährleisten. Ein Pilot, der ein Trottel ist, kann immer noch gut fliegen, ein Bäcker, der funktionaler Analphabet ist, kann immer noch gutes Brot backen. Und alle zusammen sind ungebildet besser lenkbar. Daher ist mir schon klar, warum die ÖVP seit dreißig Jahren jede bildungspolitische Offensive verwehrt, denn das entspricht ihrem ständestaatlichen Denken.
UniStandard: Warum spielt die Sozialdemokratie da mit?
Menasse: Die SPÖ wurde 2000 von Herrn Doktor Schüssel ausgetrickst, der gratis studiert hat. Jetzt sitzt sie in der Koalition seit Jahren Akademikern gegenüber, die dank der Kreisky'schen Bildungsoffensive gratis studieren konnten, und wird von denen über den Tisch gezogen. Möglicherweise hat sie davon ein Trauma und glaubt irrigerweise, dass das mit der Bildungsoffensive vielleicht eh ein Blödsinn ist, weil damit nur ÖVPler produziert werden. (Tanja Traxler und Dominik Zechner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.4.2010)
ZUR PERSON:
Robert Menasse (55) ist Schriftsteller und Essayist. Während der Uni-Proteste hat er österreichweit besetzte Hörsäle besucht.