Standard-Interview

"Karl müsste aus Selbstachtung zurücktreten"

28. April 2010 18:11
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    Foto: standard/corn

    "Es geht um jeden Einzelnen, der um seine Bildungschancen betrogen wird" , erklärt der Autor Robert Menasse die Wichtigkeit freier Unis. Er war prominenter Unterstützer der letztjährigen Uni-Proteste.

Für Robert Menasse ist Bildung Bedingung funktionierender Demokratie

UniStandard: In Ihrem Roman "Don Juan de la Mancha" kommentieren Sie einen versuchten Uni-Aufstand süffisant mit dem Satz: "Die Welt ist ein Seminar und die meisten werden sitzen bleiben." Jetzt sind im letzten Herbst doch untypisch viele Menschen aufgestanden - und gescheitert sind sie trotzdem.

Menasse: Man muss sich leider damit abfinden, dass das Kräfteverhältnis so ist: Die absolute Mehrheit der Menschen bleibt sitzen. Mittlerweile glaube ich, es ist fast ontologisch so, dass die allermeisten Menschen nichts anderes wollen, als ihr Auskommen zu finden in der Welt, so wie sie ist. Aufstehen produziert Unsicherheiten, verlangt jedem viel mehr ab. Die Studentenbewegung vom Herbst hat mich deshalb so fasziniert, weil sie die breiteste und offenste seit 20 Jahren war, weil Funken international übergesprungen sind und weil sie lange genug andauerte, um wertvolle politische Erfahrungen zu produzieren. Gescheitert aber ist sie letztlich an einer Aporie: Es ist nicht möglich, die Notwendigkeit von Bildung einer Mehrheit von ungebildeten Menschen begreiflich zu machen.

UniStandard: Wie rechtfertigen Sie angesichts dieser Aporie Ihren Einsatz für die Bewegung?

Menasse: Ich bin bedingungslos für funktionierende, freie und frei zugängliche Bildungsinstitutionen, weil das die Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie ist. Eine Demokratie setzt den gebildeten Citoyen voraus und wenn der verlorengeht, wird Demokratie gemeingefährlich.

UniStandard: Hat es Sie überrascht, dass die Besetzung dann doch so folgenlos korrodiert ist?

Menasse: Nein. Es war von Anfang an deutlich, dass die Medien entschlossen waren, die Bewegung zu denunzieren, die Stimmung der Öffentlichkeit gegen die Besetzer aufzubringen. Auf der einen Seite zeigte man die Ungewaschenen mit den Obdachlosen, auf der anderen die adretten Wunsch-Schwiegersöhne und -töchter, die doch nur studieren wollen und dabei so tüchtig und fit sind, sich gegen Massen durchzusetzen. Und das Ministerium konnte sich darauf verlassen, dass Massen-Drop-outs auf den Unis bei der Mehrheit bloß sozialdarwinistisches Ressentiment auslösen: Die waren halt nicht fit genug, die sollen das Maul halten, hackeln gehen, und nicht stören. - Allerdings würde ich das Scheitern der Bewegung nicht als folgenlos bezeichnen: Die Hörsaalbesetzer haben ganz sicher mehr gelernt als die Studieren-statt-blockieren-Studis.

UniStandard: Gesiegt haben also Medien und Politik?

Menasse: Ja, doch ich glaube, dass hier ein Pyrrhussieg errungen wurde. Man hat keines der bildungspolitischen Probleme, die objektiv existieren, gelöst und noch größere künftige demokratiepolitische und soziale Probleme vorprogrammiert. Aber Schadenfreude ist unangebracht, denn es geht um jeden Einzelnen, der um seine Bildungschancen, um die Herausbildung einer entfalteten Persönlichkeit betrogen wird.

UniStandard: Wie wären die Protestaktionen ausgegangen, wenn zentrale Medien hinter ihnen gestanden wären?

Menasse: So wie Zwentendorf. Aber dass das nicht passierte, ist auch nicht zu bedauern. Denn kein denkendes Gemüt will Medien haben, die, aus politischem oder ökonomischem Kalkül, Kampagnen führen, denen sich Politiker oder zuständige Fachminister beugen müssen. Zeitungen haben bekanntlich Eigentümer, und Eigentümer haben Interessen.

UniStandard: In strukturellen Fragen gibt sich Ministerin Beatrix Karl gerne handlungsunfähig angesichts der Autonomie der Unis. Nehmen Sie ihr das ab?

Menasse: Wenn sie glaubt, dass sie nichts tun kann, außer jene Sätze zu wiederholen, die ihr von Partei und Wirtschaft diktiert werden, müsste sie aus Selbstachtung zurücktreten, und zwar mit der Empfehlung, den Posten gar nicht erst nachzubesetzen.

UniStandard: Glauben Sie, es gibt eine politi-sche Intention, die Menschen dumm zu halten?

Menasse: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten dieses Landes ernsthaft glauben, dass politisch ahnungslose, ungebildete, aber fachlich gut ausgebildete Menschen ein ruhiges gesellschaftliches Funktionieren gewährleisten. Ein Pilot, der ein Trottel ist, kann immer noch gut fliegen, ein Bäcker, der funktionaler Analphabet ist, kann immer noch gutes Brot backen. Und alle zusammen sind ungebildet besser lenkbar. Daher ist mir schon klar, warum die ÖVP seit dreißig Jahren jede bildungspolitische Offensive verwehrt, denn das entspricht ihrem ständestaatlichen Denken.

UniStandard: Warum spielt die Sozialdemokratie da mit?

Menasse: Die SPÖ wurde 2000 von Herrn Doktor Schüssel ausgetrickst, der gratis studiert hat. Jetzt sitzt sie in der Koalition seit Jahren Akademikern gegenüber, die dank der Kreisky'schen Bildungsoffensive gratis studieren konnten, und wird von denen über den Tisch gezogen. Möglicherweise hat sie davon ein Trauma und glaubt irrigerweise, dass das mit der Bildungsoffensive vielleicht eh ein Blödsinn ist, weil damit nur ÖVPler produziert werden. (Tanja Traxler und Dominik Zechner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.4.2010)

ZUR PERSON:

Robert Menasse (55) ist Schriftsteller und Essayist. Während der Uni-Proteste hat er österreichweit besetzte Hörsäle besucht.

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Raubkopierer
26.07.2010 18:21

eine äußert scharfsinnige stellungnahme! normalerweise kommt mir der menasse ein wenig selbstverliebt vor, aber diesmal, einfach toll auf den punkt gebrackt.

Gert Bachmann
 
06.06.2010 20:38
ein dickes Lob für Menasses Zivilcourage

wir werdens noch erleben, wie kompetitiver Bildungserwerb mit Scheuklappen in entdemokratisierten Universitäten zuerst den Merkantilismus und später menschenverachtende, faschistoide Gesellschaften hervorbringt. Davor zu warnen, ist sehr verdienstvoll. Ganz besonders im Land der Weg- und Seitenblicker mit Metternichkomplex und im Lande der von Dichand durchblödeten Wahrnehmungsverweigerer. Selbstgerecht mit in den Sand gestecktem Kopf zu rationalisieren ist genau das, wovor bereits Voltaire Pangloss warnen lässt - der Fatalismus der Feiglinge, damals bei den Ketzerverbrennungen, dann bei den KZs, nun bei der "yellow cake" produktion. Die Welt hungert, unsere Politiker gestalten die Zukunft einer Welt ohne Ethik.

Konrad Inzinger
30.05.2010 16:48
Danke, Robert Menasse!

Deutlich wie selten wird hier gesprochen und deutliche Worte sind mehr als notwendig.
Allerdings glaube ich, dass die derzeitige Wissenschaftsministerin das Zeug dazu hat, die Dinge in die richtigen Wege zu leiten und sie hat auch erkannt, dass Uni und Schule zusammenhängen - daher ihre Wortmeldung zur einheitlichen Schule der 10-14-jährigen, wie immer man das nennen will.
Es ist leider richtig, dass sich die Mehrheit der Menschen nicht mehr zu Wort meldet, aber ich glaube nicht, dass das aus Bequemlichkeit geschieht - der Mensch muß leben und das Groß seiner Zeit und Energie geht eben für den Erwerb auf.
Ich halte auch die Schlagzeile dieses Artikels für verfehlt - das sagt Menasse nicht. Er fordert Unterstützung - geben wir sie doch!

Harald Meierdieks
25.05.2010 23:43
schwarzer Pullover

und schwarze Brille.
Typisch.

Warum soll jeder sich seines eigenen Verstandes bedienen.
Videospielen statt reisen langt doch.
Ausser einem Haufen Fäkalien bleibt nichts über .

petterger
09.05.2010 19:02
elite

ganz richtig! die konservative bildungspolitik will nur noch leute die das alphabet beherrschen um vor ÖVP ein mal in 5 jahren ein kleines 'x' machen zu können.... genau so hat es thatcher in GB gemacht.
natürlich will die vp auch unis - mit hohen eingangshürden, die auf ihre kinder zugeschnitten sind....

pagat ultimo
04.05.2010 10:57

denkendes gemüt? sehr österreichisch.

kein wunder, dass dann sowas rauskommt wie bei m.

bedasüh
05.05.2010 13:28

Sie haben für Österreich wohl nichts als Verachtung übrig.
Im Gegensatz zu Menasse.

chilli p.
04.05.2010 10:54

für mich ist menasse bedingung funktionierender selbstdarstellung.

Raubkopierer
26.07.2010 18:23

einfach nicken, verstanden wirds keiner haben...

bedasüh
05.05.2010 04:11
irgendwas...

wird ihr satz schon bedeuten...

Longear Productions
 
06.05.2010 21:19
Ich versteh's auch nicht ganz ...

... vermute aber, daß gemeint ist: Menasse ist ein Selbstdarsteller. Aber sind wir das nicht alle? oder zumindest viele von uns? Egal.

Longear Productions
 
02.05.2010 21:32
Gebt Menasse keine Plattform wenn er nichts zu sagen hat

Die Aporetik ist die Kunst, unlösbare oder schwer zu lösende Probleme zu durchdenken und zu erörtern. Das hat man mit diesem Interview nicht geschafft.

Außerirdischer
06.05.2010 12:03
Was ist daran ''unlösbar''?

Wir brauchen gut ausgebildete Leute, die eigenständig denken können, wesentlich mehr, als wir jetzt haben!

Wissenschaftler entdecken oft Neues, weil sie eben nicht ''konventionell'' denken.

Siehe Quantenphysik: das stellt alles auf den Kopf!

(Und von wegen ''Verwertbarkeit'': ohne Einsteins Erkenntnisse keine funktionierende Satelitenkomunikation für handys, Fernsehen. Aber das gibts nicht sofort!)

 
06.05.2010 12:29
Interview -Fokus

Es ging beim Kommentar von LongEar Productions nicht um das Problem Unis sondern um den Online Standard-Artikel/das Interview mit Menasse, das daneben gegangen ist: Ich behaupte auch, dass es an der Zeit ist Sachverstaendige und nicht Schreiberlinge wie Menasse zu Rate zu ziehen. Wir brauchen (unabhaengige) Meinungen und ordentliche Konzepte und deren Umsetzung. Kein Rumdoktoren, wie's derzeit geschieht.

vedma
03.05.2010 18:47
Menasse hat aber was zu sagen!


Schade, dass Sie es nicht verstehen.
Nett, was Sie da zitieren, aber man sieht sofort, woraus!
Warum nur den letzten Satz?
http://de.wikipedia.org/wiki/Aporie

Longear Productions
 
03.05.2010 19:11
Menasse sollte aus Selbstachtung nichts mehr veröffentlichen ;-)

Menasse ist ein Literaturopportunist, Gelegenheitsdichter, setzt sich in jeden fahrenden Zug und kommt weder mit konstrukiven Veränderungs- noch mit Verbesserungsvorschlägen. "Die Ministerin sollte aus Selbstachtung zurücktreten.", als Vorschlag = Intellektuelle Fadness breitet sich aus. Übrigens: Nichts gegen die Audi Max-Aktivisten. Sowas hatte die Universitätswelt seit vielen Jahren nicht gesehen. Es hat uns alle zu denken geben. Wir brauchen schlüssige und durchdachte Konzepte, keine Einzel- bzw. Notmaßnahmen und bessere Politiker, die diese Konzepte breit diskutieren aber dann auch konzequent umsetzen. Und noch wichtiger und jetzt an alle: Empörung kann kein Dauerzustand sein!

bedasüh
06.05.2010 03:40
Sie sollten aus Selbstachtung nichts mehr posten…

Sie sind ein empörter Pseudokritiker, der keine Ahnung von Literatur hat.
An "schlüssigen und durchdachten Konzepten" wird schon seit Jahren herumgewurschtelt, den Erfolg sieht man.
Mit "konstruktiven Veränderungs- und Verbesserungsvorschlägen" kommen viele, an den Symptomen herumdoktern, das tun auch viele.
Nur die Symptome bekämpfen? … davon würde Ihnen jeder Arzt abraten.

Die Ursache? Vielleicht doch ein Art von Bildungsmisere? Und dagegen muss man was tun!

Finde es auch herzig, dass Sie sich bessere Politiker wünschen, aber woher sollen die denn kommen?

Das Wort "Fadness" ist auch sehr lustig, aber was bedeutet es?

evolution hunter
 
30.04.2010 15:09

"Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten dieses Landes ernsthaft glauben, dass politisch ahnungslose, ungebildete, aber fachlich gut ausgebildete Menschen ein ruhiges gesellschaftliches Funktionieren gewährleisten."

Exakt. Punktgenau. So ist es. Fachhochschulen und Bachelor Lehrgänge bestätigen dies und sind nur Vorreiter eines neuen staatlichen "Antibildungsparadigmas", das in Kollaboration mit der Kronen Zeitung konzipiert wird. Am besten die jungen Leute nur noch zum Humankapital abrichten.

ride my pimp
30.04.2010 08:36

menasse hat da einen denkfehler.
wenn man selbstachtung hätte, könnte man gar nicht einen beruf ausüben, in dem man fortwährend gezwungen ist, die bürger und sich selbst anzulügen - politiker.

shangl
29.04.2010 20:35
lieber herr menasse...

...ein kleiner denkanstoss...unabhängig davon, dass unis ein sehr wichtiger bestandteil der gesellschaft sind und mehr geld und bessere vorraussetzungen brauchen...
...jemand der in seiner freizeit nicht in der lage ist, aus interesse ein buch in die hand zu nehmen, wird das auch auf der uni nicht freiwillig tun...die schlussfolgerung, dass es ohne noch offenere unis nicht möglich ist, eine höhere bildung für die gesellschaft zu erlangen zeugt von einer phänomenalen blödheit

chiwato
30.04.2010 00:06

tumbe beschimpfungen als argumentation.

doch eher dürftig.

shangl
30.04.2010 00:17
die "beschimpfung"...

...folgt erst am ende der argumentation...ich kanns auch gern anders formulieren...ohne interesse kann sich eine uni auf den kopf stellen...mit interesse wird man auch ohne uni in der lage sein, mal ein buch aufzumachen...eine uni macht aus jemandem nicht einen besseren menschen, wie der herr menasse es hier beschreibt...eine uni unterstützt dabei nur...sie ist keinesfalls alleinige vorraussetzung von bildung

Doe Frank
 
30.04.2010 08:42

Und wo bleibt das Argument. Selbst wenn wir annehmen, dass Universitäten "nur" eine unterstützende Funktion haben, glauben sie ernsthaft, dass diese nicht wichtig ist?

shangl
30.04.2010 09:45
nein...

...jetzt liest du noch mal, was ich oben geschrieben habe, denkst nochmal nach, was ich damit sagen wollte und dann darfst du nochmal posten...das kann doch nicht so schwer sein, sinnerfassend zu lesen

cee lo
29.04.2010 15:06

absolut richtig beobachtet, robert...bin deiner meinung...ich kann das schöne gerede von eliten, nachhaltigkeit etc. schon nicht mehr hören....politiker sind lügner und stümper (zumindest die österreichischen)

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