Als Trainer könnte Holger Stanislawski mit dem FC St. Pauli in dieser Saison zum dritten Mal in die Bundesliga aufsteigen. Im Interview spricht er über Thekenteams, taghelle Reeperbahn-Touren und erklärt, wie der Verein trotz Kommerzialisierung seinen Charme behalten will
ballesterer: Der FC St. Pauli sieht sich als Stadtteilverein. Was macht die Verbindung zwischen Viertel und Verein aus?
Holger Stanislawski: Das Entscheidende ist, dass wir wirklich ein Stadtteilklub sind mit einem Stadion mitten im Herzen Hamburgs. St. Pauli wird ja immer gleich mit dem Nachtleben verbunden. Wir zeigen unseren Spielern aber die Reeperbahn am Tag. Wir machen jedes Jahr einen Stadtteilrundgang und versuchen, ihnen zu vermitteln, wie wichtig die Verbindung zwischen Verein und Kiez ist. Es gibt sehr viele St.-Pauli-Fans, die soziale Projekte unterstützen, und diese Symbiose ist notwendig, damit das auch so bleibt. Es geht hier nicht immer nur um Fußball, sondern auch um höhere Ziele.
Was wird bei diesen Führungen gezeigt?
Stanislawski: Da gibt es verschiedene Touren. Wir sitzen in der »Ritze« (legendäre Reeperbahn-Kneipe mit Boxkeller, Anm.), weil man das einfach gesehen haben muss. Wir gehen aber auch mit Streetworkern durch den Kiez, die diesen Mikrokosmos und dessen Entstehung erklären. Die Spieler sollen nicht nur auf den Trainingsparkplatz und wieder nach Hause fahren. Dadurch, dass wir nicht mehr so viele Hamburger im Kader haben, ist es umso wichtiger, dass die Jungs wissen, wo sie sich bewegen und dass St. Pauli nicht nur aus dem Nachtleben besteht, wenn alles glitzert und die leichten Mädchen herumhüpfen.
Wie wird das von den Spielern angenommen?
Stanislawski: Sehr gut. Ich glaube, dass das alle einmal sehen wollen. Manche buchen dann sogar Rundgänge für Freunde oder die Familie. Auch in den Fanladen geht jeder einmal hinein, genauso wie auf die neue Südtribüne, die wirklich etwas Besonderes ist. Ich sage immer, man muss sich den Marktgegebenheiten anpassen, darf aber seine Seele nicht verkaufen, und das macht der Verein auch nicht. Wir sind auf dem Weg, etwas zu schaffen, womit wir auch Geld verdienen können, aber wir behalten unseren Charme.
Ist das auch mit Bundesliga-Bedingungen kompatibel?
Stanislawski: Absolut. Wir haben unsere Hardcore-Fans, die immer kommen, auch wenn wir in der vierten Liga spielen. Für die ist es etwas Besonderes, bei St. Pauli zuzugucken. Ein paar Modefans wird es immer geben, aber die muss man begeistern und mitreißen. Ich kenne Leute, die sich ein Spiel angeschaut haben und dann gleich eine Dauerkarte für die nächste Saison kaufen wollten. Da gilt es, Überzeugungsarbeit zu leisten, sie nicht auszugrenzen, sondern ihnen zu zeigen, dass St. Pauli mehr ist als nur ein Fußballverein. Und bei den Spielern werden wir bei einem Aufstieg schon den Finger drauf haben, dass keiner über den Rasen oder durch den Stadtteil schwebt.
Das Viertel St. Pauli ist starken Veränderungen ausgesetzt: Erst war es heruntergekommen, dann lebendig, jetzt wird es zunehmend hipper. Wie haben Sie diese Entwicklungen beobachtet?
Stanislawski: Ich kenne ja die Reeperbahn noch mit dem alten Spielbudenplatz, wo in Holzhütten House und Black Music aufgelegt wurde. Da bist du in einen Keller gegangen und hast gedacht: »Hoffentlich komm ich hier wieder lebendig raus.« Das war überragend, und gewisse Teile sollen so bleiben, wie sie sind, aber daneben kann auch etwas Neues entstehen. Da gehören neue Wohnungen genauso dazu wie Bürohäuser. Wir können nicht immer einen Kokon über uns legen und sagen: »Ach, das alte Millerntor, unser Stadtteil!« Man muss offen sein, und das versuchen wir als Verein zu praktizieren.
Verändert sich mit dem Stadtteil auch das Publikum des FC St. Pauli?
Stanislawski: Kann sein. Aber auch hier ist der gewachsene Fanstamm wichtig und Leute, die auf dieses Miteinander achten. Sicher haben wir Logen über der Südkurve, und wir werden auch auf der neuen Haupttribüne Logen bauen, aber das ist notwendig, um den Leuten etwas zu bieten und Geld zu verdienen. Es gehört dazu, auch die Besserverdienenden für den Fußball zu begeistern. Aber gleichzeitig bauen wir ein Stadion, in dem wir 50 Prozent Stehplätze haben werden.
Wie hat sich das Stadion seit Ihrer Zeit als Spieler verändert?
Stanislawski: Ich musste ja noch durchs alte Klubheim latschen, und das hat schon gepasst. Aber andererseits ist es gut, wenn alles funktioniert. Als ich noch gespielt habe, hatten wir genau eine Toilette. Und wenn die besetzt war, musstest du gucken, dass du eine gute Blase hattest. Ich hatte eine gute Zeit als Spieler und Funktionär und habe jetzt eine gute Zeit als Trainer, nichts davon möchte ich missen.
Der aktuelle Spielstil von St. Pauli ist eher untypisch für den Verein: weniger Kratzen und Beißen, dafür gepflegtes Kurzpassspiel. Wird sich bei einem Aufstieg etwas daran ändern?
Stanislawski: Daran ist der Trainer schuld. Ich durfte selber den anderen Fußball spielen, aber das ist nicht so meine Welt. Ich möchte, dass wir mutigen und offensiven Fußball spielen, flach am Boden, mit wenig Ballkontakten und schnellem Umschalten. Da steckt viel Arbeit und viel Akribie dahinter, und ich musste viele Widerstände brechen. Aber so werden wir weiterspielen - auch wenn es in der Bundesliga ein bisschen schwerer wird.
Wie ist dieser Wandel zwischen dem Spieler und dem Trainer Stanislawski zu interpretieren?
Stanislawski: Als Spieler musst du funktionieren. Es kann nicht jeder Spieler seine eigene Philosophie mit hineinbringen, weil du dann elf verschiedene Strategien auf dem Platz hast, und alle laufen durcheinander. Das muss der Trainer vorgeben - gerade im Defensivbereich. Als Spieler hatte ich teilweise schon eine andere Philosophie im Kopf, die ich aber erst als Trainer verwirklichen konnte.
Ist es einfacher oder schwieriger für Sie, Trainer beim FC St. Pauli und nicht bei einem anderen Verein zu sein?
Stanislawski: Als ich den Verein im November 2006 übernommen habe, war es ein absolutes Risiko. Wir sind einen Punkt über einem Abstiegsplatz in der Regionalliga gestanden, und wenn wir die Klasse nicht gehalten hätten, wäre ich als Trainer nicht mehr tragbar gewesen. Im Hinterkopf hatte ich allerdings, dass ich von Leuten umgeben bin, die mir nur das Beste gewünscht haben. Das ist ja auch nicht überall der Fall.
Dabei wären Sie und der FC St. Pauli beinahe getrennte Wege gegangen ...
Stanislawski: Ich war in einem Umschulungsprogramm aufgrund meiner Sportinvalidität und musste mich neu orientieren. Als ich die A- und B-Jugend für ein paar Monate trainiert habe, habe ich bemerkt, dass mir das richtig Spaß macht. Auf der anderen Seite hat mich das Drumherum immer schon sehr interessiert. Die prägendste und lehrreichste Phase war die Zeit, als ich im Präsidium saß. Es war die schlechteste Phase dieses Vereins, wo wir uns stundenlang über existenzielle Probleme den Kopf zerbrochen haben: Wie können wir die Müllabfuhr bezahlen? Wie kann das Warmwasser angestellt werden? Wie können die Gehälter bezahlt werden? Da haben wir Schlachten gegen Widerstände geschlagen, wo viele gesagt haben: Jetzt ist es vorbei. Aber wir haben es geschafft und sind zusammengewachsen. Insofern waren diese eineinhalb Jahre meine schönste Zeit beim FC St. Pauli.
Die Müllabfuhr kann mittlerweile wieder bezahlt werden. Wo führt die Reise den Verein und Sie als Trainer noch hin?
Stanislawski: Ich glaube, dass der Verein noch nicht fertig ist. Wir können nicht den Anspruch stellen, auf Jahre in der Bundesliga zu spielen. Aber wir sind alle sehr engagiert, haben Visionen und wollen uns etwas erarbeiten. Ein Aufstieg wäre Gold wert, um eine Basis dafür zu legen, immer in den Top 25 in Deutschland mitzuspielen. Und wir wollen eine Infrastruktur schaffen, die dem Verein auf Jahre einen finanziellen Rückhalt gibt, um niemals in die Zeiten zurückzufallen, die ich im Präsidium miterlebt habe. Hier wurde in den vergangenen Jahren fantastische Arbeit geleistet, die von vielen noch gar nicht richtig geschätzt wird.
Stichwort Kommerzialisierung: Würden Sie den Stadionnamen verkaufen, wenn Sie dafür drei Millionen für einen tollen Stürmer bekommen?
Stanislawski: Zum Glück stellt sich die Frage für mich als Trainer nicht mehr. Darüber sollen sich andere Gedanken machen. Ich glaube, dass man hier einen gangbaren Weg finden könnte. Du kannst nicht jeden Namen nehmen: HSH Nordbank Arena, um einmal beim Nachbarn zu bleiben, würde nicht greifen. Da würde es richtig Probleme geben. In Verbindung mit dem Namen Millerntor gäbe es aber eventuell eine Lösung. Grundsätzlich sind wir in der glücklichen Lage, ein eigenes Stadion zu haben, mit dem wir machen können, was wir wollen. Wenn wir es lustig finden, können wir auch während der Woche einen Springbrunnen aufs Spielfeld stellen und darum herumtanzen. Wir müssen den Stadionnamen nicht verkaufen. Das ist vielleicht eine Option für ganz schlechte Zeiten.
Sie denken sich also nicht: Nächste Saison spielen wir eventuell erste Liga, jetzt müssen wir investieren.
Stanislawski: Wenn ich mich jetzt auf die Beine stelle und sage, wir brauchen fünf Millionen für Van Nistelrooy, weil der eine Saison bei uns spielen soll, dann würden die Verantwortlichen schauen, ob das finanzierbar ist. Wir werden uns aber nie in eine Abhängigkeit begeben, dass ein Jahr so oder so laufen muss, damit wir nicht Schiffbruch erleiden. Wir planen hanseatisch kühl, und »dat passt«.
Wie gehen Sie damit um, dass sich viele mit dem Image von St. Pauli schmücken, in dem sie zum Beispiel den Totenkopf tragen?
Stanislawski: Das finde ich super. Wir transportieren etwas. Wir sind Entertainer, Dienstleister am Fan. Und jeder, der sich das Trikot oder ein T-Shirt kauft, empfindet etwas für St. Pauli. Entweder identifiziert er sich mit dem Klub oder dem Stadtteil. Wir erreichen damit jemanden, der uns mag - und das finde ich positiv.
Aber zeugt das wirklich von einem Stadtteilverein, wenn die Marke um die ganze Welt getragen wird?
Stanislawski: St. Pauli hat ungefähr 21.000 Einwohner. Auf dieser Basis wäre es schwer, einen Profiverein auf die Beine zu stellen. Das würde eher in Richtung Thekentruppe gehen, so nach dem Motto: »Wir treffen uns zweimal die Woche, und ab Donnerstag wird gesoffen.« Das geht natürlich nicht. Wir haben weltweit Fans und gehören in Deutschland zu den zehn beliebtesten Fußballvereinen. Und je besser wir spielen und je solider wir als Verein arbeiten, desto mehr werden es werden. (Interview: Simon Hirt & Reinhard Krennhuber, Fotos: Selim Sudheimer)
Zur Person:
Holger Stanislawski (40) absolvierte zwischen 1993 und 2004 260 Ligaspiele für den FC St. Pauli und erzielte dabei 18 Tore. Zweimal (1995, 2001) durfte der Libero und passionierte Marlboro-Raucher einen Bundesliga-Aufstieg bejubeln, ehe ein Kreuzbandriss seiner aktiven Karriere ein Ende setzte. Stanislawski fungierte als Vizepräsident des Vereins und ab November 2006 als Trainer und Sportlicher Leiter. Mangels einer DFB-Lizenz musste er den Trainerposten in der Saison 2007/08 an seinen Co Andre Trulsen übergeben. Seit dem Erwerb des Fußballlehrerscheins als Jahrgangsbester 2008 ist »Stani« wieder Cheftrainer des FC St. Pauli.