Airlines setzen in medizinischen Notfällen auf Überwachungsgeräte, die Patientendaten wie elektrische Herzströme und Blutdruck in Echtzeit an Ärzte am Boden weiterleiten
Mehr als 10.000 Meter über der Erde, ein enges Flugzeug und plötzlich ein medizinischer Notfall. Oft fragt die Crew in so einer Situation nach einem Arzt an Bord, der weiterhelfen kann. Meistens ist das sogar der Fall, laut Lufthansa findet sich in neun von zehn Fällen zumindest eine fachkundige Person.
Was aber, wenn dem nicht so ist? Dieses Szenario haben sich Technologiefirmen schon seit längerem zu Nutzen gemacht. Zuerst wurden telefonische Hotlines entwickelt, über die das Personal an Bord vom Boden aus medizinisch beraten wird. Später fing man damit an, Daten des Patienten an Mediziner weiterzuleiten, was aber nur limitiert möglich war. Heute gibt es mobile Überwachungsgeräte, die Patientendaten aufnehmen und diese in Echtzeit an Ärzte am Boden übertragen, die dann Diagnosen stellen und Anleitungen geben.
Vitaldaten übertragen
Überwachungsgeräte der neuesten Art gehen noch einen Schritt weiter. Die britische Firma Remote Diagnostic Technologies (RDT) hat als erstes Unternehmen ein Gerät auf den Markt gebracht, mit dem Vitaldaten, GPS-Positionsdaten sowie Sprach- und Videobotschaften über unterschiedliche Kommunikationskanäle wie Bluetooth, WiFi oder GSM verschickt werden können. Das Gerät wird seit rund zwei Jahren in kommerziellen Flügen eingesetzt, die Firma verweist auf Kunden wie Emirates, bmi (British Midland International) oder die nationale Airline der Vereinigten Arabischen Emirate Etihad, die gerade erste Installationen durchführt. Auch Staatsoberhäupter, Frachtschiff-Betreiber, Yachtbesitzer sowie das Militär nutzen die Telemedizin-Entwicklung, so das Unternehmen.
Zweitmeinung einholen
Dem deutschen Ärzteblatt zufolge sterben jährlich weltweit rund 2.500 Menschen während eines Fluges, meistens ist der Grund ein akutes Herz-Kreislauf-Versagen. Heiko Renner, Oberarzt am Landeskrankenhaus Graz und Telemediziner relativiert aber: "Die meisten dieser Menschen wären wahrscheinlich auch gestorben, wenn sie nicht geflogen wären." Medizinische Zwischenfälle ohne Todesfolgen kommen um einiges öfter vor: Die häufigsten Beschwerden betreffen Magenschmerzen, gefolgt von Herz- und Kreislaufproblemen und Atembeschwerden. Auch Kopfverletzungen kommen vor, etwa wenn über den Sitzen verstaute Gegenstände herunterfallen. "Rettungssituationen in Flugzeugen sind aufgrund der beengten Platzverhältnisse ohnehin schwierig", erklärt Renner. Hinzu komme die Isolation des meist freiwilligen Helfers an Bord, der nicht auf ein „Backup-System" bauen könne. Durch Überwachungsgeräte, die medizinische Daten an Ärzte am Boden übertragen, sei zumindest die Einholung einer Zweitmeinung möglich.
Zwischenlandungen vermeiden
Das Gerät mit dem Namen "Tempus IC" wird mithilfe einer Lithium-Ion-Batterie betrieben, hat ungefähr die Größe eines Netbooks und wiegt 2,8 Kilogramm. Konkret funktioniert es folgendermaßen: Klagt ein Fluggast an Bord über Schmerzen oder Beschwerden, werden Vitaldaten wie elektrische Herzströme, Blutdruck, Blutzucker oder Körpertemperatur gemessen und an das medizinische Bodenpersonal übertragen, auch Fotos oder Videos können versendet werden. Die Ärzte am Boden stellen auf Basis dieser Daten Diagnosen und geben dem Personal in der Luft Anweisungen. So könnte man Passagieren einerseits eine bestmögliche medizinische Versorgung gewähren, andererseits außerplanmäßige Zwischenlandungen verhindern, heißt es bei RDT.
Auch die deutsche Lufthansa hat schon Tests mit einer ähnlichen Technik gemacht. Im Sommer sollen die Geräte laut dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" in Langstreckenfliegern installiert werden. Bei kürzeren Strecken machen Geräte dieser Art keinen Sinn, sagt Renner: Immerhin gehe es hauptsächlich darum, durch die Vermeidung von "medizinisch nicht begründeten" Zwischenlandungen Geld einzusparen. Das wiederum sei am ehesten möglich, wenn man präzise Diagnosen stellen könne. Über die weitere Vorgehensweise werde dann im Hinblick auf die verbleibende Flugzeit und die am Zielort zu erwartende Versorgung entschieden. (mak, derStandard.at)