Eine Entschuldung Griechenlands, "Haircut", gilt Experten, Investoren und deutschen Parteien angesichts der gewaltigen Schulden als unausweichlich
IWF und Eurozone zahlen, und dann ist der griechische Patient über den Berg. Seit Wochen basteln Europäische Union und Internationaler Währungsfonds an diesem Programm, das sich freilich zusehends als unzureichend erweist. Die 45 Milliarden Euro, die von den Partnern an Kredithilfe nach Athen fließen sollen, werden das Schuldenproblem des Landes nicht lösen, so der Tenor von Investoren und Experten.
"Ohne Umschuldung wird es nicht gehen", meint etwa der in Oxford tätige Wirtschaftsprofessor Clemens Fuest. Er setzt dabei auf einen Vergleich mit internationalen Gläubigern, ein einseitiger Zahlungsstopp würde hingegen zu neuerlichen Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. "Dann würden Portugal und andere Länder mit hoher Verschuldung die Zeche bezahlen", erklärt Fuest im Gespräch mit dem Standard.
Ein Haircut, wie ein Schuldenschnitt im Fachjargon genannt wird, käme in der Mitte der Sitzung. Vor dem Schneiden wird in der Regel zum Shampoo gegriffen: Griechenland erhält Hilfe von IWF und Eurozone und verpflichtet sich zu einem strengen Sparkurs und - was derzeit kaum beachtet wird - zu einer Balance im Außenhandel, in dem zur Zeit ein Loch von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts klafft. Dieser Schritt funktioniert nur, indem die Wirtschaft mit sinkenden Löhnen international wettbewerbsfähig wird. Mit der Zäsur beim öffentlichen Haushalt und im Außenhandel wird quasi das Fundament für einen Neuanfang gelegt.
Umschuldungen wären dabei in verschiedenen Formen denkbar - häufige Varianten sind Fristenverlängerung und niedrigere Zinsen. Doch die Experten sind sich einig, dass im Fall Griechenlands nur ein echter Haircut in Form einer Reduktion der Forderungen helfen kann. Davon geht auch Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup, in einem neuen Bericht aus: Er rechnet in einem Worst Case mit einer Herabsetzung des Obligos um 30 Prozent, wahrscheinlicher seien 20 Prozent.
Glimpflich
Damit kämen die Geldgeber noch glimpflich davon: Laut Ratingagentur Moody's lag der Abschlag bei 13 staatlichen Zahlungsausfällen zwischen 1998 und 2008 im Durchschnitt bei 50 Prozent. Dass der Rettungseinsatz des IWF kein Hindernis für einen Zahlungsverzug ist, darauf hat erst kürzlich Starökonom Kenneth Rogoff verwiesen. "Der berühmteste Fall ist der von Argentinien 2002, doch es gibt noch andere aktuelle Beispiele, darunter Indonesien, Uruguay und die Dominikanische Republik", schrieb er im Standard.
Das Thema Umschuldung hat sich an den Märkten bereits durchgesetzt, wie die Zinsentwicklung zeigt. Hatte der Rettungsschirm von Eurozone und IWF ursprünglich für Entspannung gesorgt, verdoppelten sich die Kosten für die Bedienung von Staatsanleihen in den letzten Tagen auf den internationalen Rekordwert von 15 Prozent. Dass kurzfristige Papiere höher rentieren als langfristige gilt an den Rentenmärkten als Indiz für einen drohenden Ausfall.
Kein Wunder: Selbst bei einer Entschuldung um 75 Prozent müsste Griechenland laut Berechnungen von Barclays Capital exklusive Zinsen Budgetüberschüsse erwirtschaften, um langfristig die Verschuldung wieder in Richtung 60 Prozent des BIPs zu drücken. Allerdings gehen sowohl Barclays als auch Goldman Sachs davon aus, dass ein Forderungsverzicht nicht unmittelbar auf der Tagesordnung steht. Zuerst soll Griechenland zeigen, welchen Beitrag es zu leisten imstande ist.
150 Milliarden Hilfe?
Ohne Haircut müssten IWF und Eurozone wohl die gesamte Refinanzierung stemmen und in den nächsten drei Jahren 150 Mrd. Euro nach Athen tragen, meint Goldman-Sachs-Volkswirt Erik Nielsen. Nachsatz: "Das ist trotz des derzeit großzügigen Umfelds außer Reichweite." Trotz aller Dementis der EU hat die Diskussion über eine Entschuldung auch die politische Ebene erreicht. In Deutschland sprechen sich sowohl CDU/CSU-Fraktion und FDP als auch SPD und Linke für einen Beitrag privater Gläubiger aus. Zu den Vorschlägen zählt u. a., dass die angepeilten Kredithilfen vorrangig vor den Altschulden bedient werden. Freilich gibt es auch massive Zweifel an einer Restrukturierung. Den größten Anteil müssten griechische Banken schultern, der Ausfall wäre wohl nicht verkraftbar. Und der Blutzoll ausländischer Institute könnte so hoch sein, dass neuerlich der Staat einspringen müsste. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2010)