Das neue Selbstbewusstsein des europäischen Jazz
"King of Swing" Benny Goodman wäre ein Kunde gewesen; auch das zornige Genie Charles Mingus. Ersterer war dafür bekannt, seine Musiker unelegant aus der Band zu ekeln und trickreich Gage zu drücken. Und Bassist Mingus konnte sogar handgreiflich werden: Der Faustschlag gegen Posaunist Jimmy Knepper auf offener Bühne ist Jazzgeschichte. Ob da ein Mediator geholfen hätte? Jedenfalls gibt es jetzt einen: Das Münchner Mediatorennetzwerk MiMMA hält seine Dienste auch für Jazzer bereit, wenn sich diese mit Verlagen, Labels oder gar untereinander in die Haare geraten.
Ja, auch der Jazz ist in der Gegenwart eines hochspezialisierten Musikbusiness angekommen. Wer noch Zweifel am Warencharakter einer Musik hat, die sich gern Individualismus und Querdenkertum auf ihre Fahnen heftet, der wird auf der Jazzahead auf der Boden der Realität zurückgebracht. Jazzahead? Das ist das seit 2006 am Messegelände Bremen abgehaltene, aus Festival, Diskussionen, Messe und Präsentationen bestehende Event, das sich vom deutschen Branchentreff zur zentralen europäischen Marktplattform entwickelt hat.
276 Aussteller aus 23 Ländern waren zugegen, neben Labels, Studios, Festivals, Bands, Interessenvertretungen, Agenturen etc. aus den meisten west- und nordeuropäischen Staaten auch solche aus Kanada, den USA und Australien, erstmals auch aus Südkorea und Singapur. Österreich war erneut mit einem Gemeinschaftsstand, der vom früheren Quinton-Label-Produzenten Heinrich Schläfer organisiert wurde, vertreten.
Die Jazzahead ist zweifellos auch ein Zeichen einer selbstbewusster gewordenen europäischen Jazzszene, die sich ihrer Stärken und ihrer Unabhängigkeit vom Jazzmutterland USA mehr und mehr bewusst wird. Davon zeugt auch eine andere Entdeckung im Ausstellungslabyrinth: Ein findiger Verleger - Heiko Ueberschaer von Nil Edition - präsentiert hier ein Gegenstück zum berühmten Real Book, der unverzichtbaren Songsammlung des traditionellen US-Jazz-Repertoires. The German Book enthält hingegen ausschließlich Kompositionen zeitgenössischer deutsch (sprachig)er Jazzer. Allerdings: Große Namen und bekannte Tracks (aus Österreich ist der Salzburger Herbert Berger mit Stücken vertreten) sucht man hier vergeblich. Ob jenes Kompendium tatsächlich Breitenwirksamkeit entfalten kann, bleibt wohl abzuwarten.
Der arme Tonträgerverkauf
Optimistisch klang indessen auch vieles, was man im Rahmen der Diskussion "Music for zero? What ist the value of jazz?" erfuhr, in der die Situation des Jazz im Kontext des aktuellen Umbruchszenarios in der Musikindustrie zur Sprache kam. Michael Rüsenberg (WDR) warf Fakten in den Raum: Auch im Jazz sei der Tonträgerverkauf in den letzten Jahren um 40 Prozent eingebrochen, nur eines von acht Musik-Files werde im Internet legal erworben.
Dennoch äußerte sich etwa US-Musikjurist Alan Bergman optimistisch in Bezug auf die steigende Akzeptanz legaler Download-Plattformen. Ins gleiche Horn stieß Thorsten Schliesche (von Napster), der mittels einer Tarif-Flatrate und redaktionellen Extras Anreize zum Online-Kauf von Musik bieten will. Vor zehn Jahren seien noch Tourneen organisiert worden, um den CD-Verkauf anzukurbeln, heute sei es umgekehrt, so Schliesche. Er lieferte damit eine Steilvorlage für Jazzproduzent Jordi Pujol, der angesichts der wachsenden Live-Szene konstatierte: "Jazz ist Live-Musik, mich kümmert das Download-Thema nicht wirklich!"
Er könnte den Satz im September bei der Berliner Popkomm wiederholen. Dort wird erstmals eine Jazzkomm abgehalten. (Andreas Felber aus Bremen, DER STANDARD/Printausgabe, 28.04.2010)