Ein Gangster, der von der Straße kam

27. April 2010, 17:34
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    foto: sony

    Vom eingeschüchterten Instinktwesen zum gemachten Mann: Taher Rahim spielt El Djebena, die Titelfigur aus Jacques Audiards "Ein Prophet".

Jacques Audiards meisterhaftes Gefängnisdrama "Ein Prophet" erzählt von den kriminellen Umbrüchen der Gegenwart

Ein junger Araber wird hinter Gittern zum Unternehmer.

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Wien - Das Gefängnis ist im Kino traditionell ein Ort, aus dem nur ein illegaler Weg herausführt: die Flucht. Aus der Planung und Durchführung ihres Ausbruchs beziehen die Helden ihren Ruhm. Rebellen, immun gegen die Zurichtungen der Institution, beseelt von ihrem Freiheitsdrang - man denke nur an das kontinuierliche Schaben eines Clint Eastwood in Don Siegels Flucht von Alcatraz. In selteneren Fällen ist es der Knast selbst (oder die entsprechend sadistischen Ordnungshüter), dem die Anklage eines linksliberalen Regiekopfes gilt - wie etwa in Alan Parkers Midnight Express.

Der französische Filmemacher Jacques Audiard entscheidet sich in Ein Prophet / Un prophète für eine alternative Perspektive und führt sein Gefängnisdrama damit zu neuer, brisanter Gegenwärtigkeit. Das rudimentäre Gerüst des Genres bleibt zwar erhalten, doch der zentrale Protagonist, Malik El Djebena (großartig verkörpert vom Newcomer Taher Rahim), kommt als Mensch hinter Gitter, an dem die integrativen Maßnahmen der Gesellschaft bisher völlig folgenlos blieben. El Djebena ist ein verrohtes Subjekt, das schon in jungen Jahren die Schule abgebrochen hat und in die Kriminalität abgedriftet ist. In den ersten Szenen des Films wirkt er wie ein eingefangenes, wildes Tier, dem in der neuen Umgebung nur sein Überlebensinstinkt bleibt. Er ist kein Rebell, sondern ein gesellschaftlicher Außenseiter, dem gleich nach Ankunft schon die Sportschuhe von Mitinsassen heruntergerissen werden.

Audiard, dem es schon in Filmen wie Der wilde Schlag meines Herzens weniger um die Logik des Genres selbst als um die darin enthaltenen existenziellen Intensitäten ging, entwirft das Gefängnis als einen Ort, der El Djebena das erste Mal im Leben mit rigiden Regeln konfrontiert. Sie werden allerdings nicht von den Betreibern der Institution, sondern von einer mafiösen Gang bestimmt, welcher der Korse César Luciano (Niels Arestrup) vorsteht: Er hat ein System eingeführt, das über die Ordnung der Gefangenen weit hinaus führt - entsprechend wenig führt an ihm vorbei.

Ein Mord als Initiation

Ein Prophet erzählt provokanterweise in einer Variation des Bildungsromans von einem Niemand, der sich diese Strukturen zunutze macht. Die Initiation El Djebenas hat die Form eines Mordes, zu dem ihn Luciano zwingt - pikanterweise an einem anderen Araber, eine mit Rasierklinge ausgeführte Tat, deren rohe Gewalt Audiard dem Zuschauer nicht vorenthält. Dies ist die Urszene des Films, aus der sich die zutiefst ambivalente Rolle des Helden ableitet: El Djebena steigt zum Laufburschen des Korsen auf, begreift den Mord aber auch als Schuld an seinem Volk, die er eben dadurch tilgen will, dass er sich nicht zum Knecht eines anderen macht.

Audiard weist mit diesem klug ausgefächerten Szenario natürlich über die Enge des Gefängnisses hinaus. Er erzählt von Ablöseprozessen innerhalb der organisierten Kriminalität, wenn er El Djebena sukzessive zum Vorboten eines neuen Zeitalters stilisiert, der sich bei seinen Freigängen wie ein Nachfolger von Al Pacinos Tony Montana in Scarface sein eigenes kleines Imperium aufbaut - auch der gehörte einer neuen Minderheit im Lande an. Angetrieben von Intelligenz und Wissensdurst nützt El Djebena die Vorrechte und Privilegien, die ihm Luciano gewährt, für seine eigenen Zwecke, durchläuft im Gefängnis einen Karriereweg und löst dabei das Regime der Korsen ab.

Audiards Blickverschiebung liegt gleichwohl in der Tatsache, dass El Djebena keinen verbürgten kulturellen Zugehörigkeiten mehr entspricht. Das macht schon die Kamera von Stéphane Fontaine deutlich, die sich kaum von dessen Seite trennt, dabei jedoch die klandestinen Geld- und Informationsabläufe im Blick behält. El Djebena steht zwischen den Fronten, doch sein Geschäftssinn lässt ihn Prophetisches tun. In einer brenzligen Situation bewahrt ihn eine traumartige Eingebung vor Schlimmerem - in solchen Momenten verlässt Audiard den sonst dominanten Sozialrealismus des Films hin zu einer fast mythologischen Ebene.

Diese epische Qualität, die sich auch in der Dauer von fast zweieinhalb Stunden niederschlägt, macht Ein Prophet zum ambitionierten Entwurf eines entgrenzten Genrekinos: Jacques Audiard, der in Cannes mit dem Großen Preis der Jury belohnt wurde, beherrscht es auf souveräne Weise, große Gesten zu beschwören, dynamisch zu inszenieren und dabei dennoch auf analytische Schärfe zu achten. Das Gefängnis ist hier nicht nur der Ort der Transformation eines Einzelnen, sondern jener eines viel umfassenderen gesellschaftlichen Wandels - einer, auf den Sarkozy, wie im Film einmal nebenbei zu hören ist, nur mit der Verlegung einiger weniger Insassen reagieren kann. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 28.04.2010)

Hüftgold
00
Der Titel ...

... gefällt mir ganz und gar nicht ...

Ceteris paribus
 
00
29.5.2010, 19:11

Zu spät!
Is scho heilige Film, werden aus den Häfen heraus die Welt bekehren mit Stecheisen und Totschläger.

Eiffel LaTour
10
28.4.2010, 16:15
Weiterer super Gangsterfilm:

L'ennemi public no. 1 - in zwei Teilen mit Vincent Cassel! Unbedingt anschauen :-)

das poppende lottchen
00
28.4.2010, 20:02

richtig, gibt's auf dvd.

Olivio Tasso
00
27.4.2010, 22:48
Der Typ auf dem Bild

ist das nicht "Superman Returns"-Darsteller Brandon Routh!??

Demosthenes
04
28.4.2010, 13:15
nein,

das ist ivica vastic, eindeutig.

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