Forscherin: Fehlen von Zugangsregelungen und Studienplatzbewirtschaftung "krasse Ausnahme" - In Österreich keine systematische Governance im Bildungsbereich
Wien - Mit dem Fehlen von Zugangsregelungen und Studienplatzbewirtschaftung an den Universitäten ist Österreich in Europa eine "krasse Ausnahme", sagte Sigrun Nickel vom deutschen Centre for Higher Education Development (CHE) bei einer Pressekonferenz der Österreichischen Forschungsgemeinschaft am Montag in Wien. Österreich landete damit bei einer noch nicht veröffentlichten Studie, bei der die Steuerung von Hochschulsystemen in 33 europäischen Ländern untersucht wurde, an letzter Stelle.
Wie Governance - so der Fachbegriff für die Steuerung von Prozessen durch die Politik, aber auch einzelne Institutionen wie (Hoch-)Schulen - an Österreichs Schulen und Hochschulen funktioniert, wird noch bis morgen bei einem Workshop der Arge Bildung und Ausbildung der Forschungsgemeinschaft untersucht.
Bildungsstandards als "Bluff"
Ein Beispiele für Governance sind etwa die Bildungsstandards. Diese sollen dafür sorgen, dass den Schülern auch tatsächlich jene Kompetenzen vermittelt werden, die im Lehrplan stehen. Immerhin, so der Soziologe Manfred Prisching von der Uni Graz, laufe etwa nur ein Drittel der Matura nach den Spielregeln des Ministeriums ab, "der Rest ist Bluff". Governance soll dafür sorgen, dass trotz möglicher Verweigerung der Akteure oder des Versuchs, die Regeln zu unterlaufen, am Ende des Prozesses "herauskommt, was wir wollen". Die Haltung der EU bei der Quote für das Medizinstudium sei etwa "ein klassischer Fall von Nicht-Governance".
Abstimmung am Hochschulsektor gefordert
Auch die Tatsache, dass in Österreich nach der Volksschule Kinder für die AHS "selektioniert" werden, während beim Uni-Zugang Noten keine Rolle spielen, zeigt aus Sicht der Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien das "Fehlen von systematischer Governance auf politischer Ebene". Die Experten forderten daher, dass Governance von Schule und Hochschule vernetzt und koordiniert wird. Auch die verschiedenen Akteure im Hochschulsektor - Unis, Fachhochschulen (FH) und Pädagogische Hochschulen (PH) - müssten sich untereinander abstimmen. Schließlich, so Spiel, erzeugen etwa die Zugangsbeschränkungen an den FH Wechselwirkungen, da abgewiesene Kandidaten dann an eine Unis studieren gehen.
In einem System autonomer Hochschulen ist es laut Prisching "sehr fraglich", was die Politik an Steuerung - etwa im Rahmen des angekündigten Hochschulplans - zustande bringen wird. Die Leistungsvereinbarungen, bei denen das Wissenschaftsministerium und die einzelnen Rektoren über Budget und Verpflichtungen der Unis verhandeln, sind aus Prischings Sicht kein gutes Steuerungsinstrument. "Wenn ich mit Geld steuern will, muss ich große Brocken hergeben." Und, so Spiel, auch die Verringerung der "Hungerleiderbudgets" hätte kaum Auswirkung, weil diese zu einem großen Teil an den laufenden Betrieb gebunden seien. (APA)