Auf der Hauptstraße Piotrkowska reiht sich ein Designergeschäft an das andere, die meisten EinwohnerInnen von Łódź können sich die teure Mode jedoch nicht leisten
foto: m.kawczyński
In der Manufaktura wurden früher Textilien hergestellt, jedoch sind dort zwei Museen, ein Einkaufszentrum, Kinos und das andel's Hotel Łódź angesiedelt
foto: archiwum um�?
Auch die Elektrocieplownia soll in den kommenden Jahren revitalisiert werden - mehr unter www.ec1lodz.pl
foto: m. kawczyński
Repräsentativ: Die ehemalige Villa eines Baumwollfabrikanten zur Zeit der Industrialisierung
Im Zweiten Weltkrieg zerstört, im Sozialismus heruntergewirtschaftet - Inzwischen blüht und gedeiht jedoch wieder Kunst, Design und Film in Polens drittgrößter Stadt
Zweimal muss man schon hinhören, wie es klingt, wenn es richtig ausgesprochen wird: Łódź (hört sich an wie "Uutsch"), so heißt die drittgrößte Stadt Polens. 1823 erbaut, erinnert die rasterförmige Straßenführung an das zeitgleich entstandene New York. Die Industrialisierung brachte im 19. Jahrhundert die Textilindustrie: Das Stadtbild wird daher von den knapp 160 Prunkbauten und Residenzen im Neo-gotischen oder -renaissancestil geprägt, die vor allem Textil-Fabrikanten im 19. und 20. Jahrhundert errichteten.
Das wirtschaftlich und kulturell erblühende Łódź, das gleichermaßen von Juden, Polen und Deutschen geprägt wurde, verschwand im Zweiten Weltkrieg. Aus dem für deutsche Zungen sperrigen Łódź wurde Litzmannstadt, aus der Hauptstraße Piotrkowska wurde vorrübergehend die Adolf-Hitler-Allee. Von den 200.000 jüdischen Bewohnern überlebten nur 870 das nationalsozialistische Terrorregime.
Film und Kamera
Nach dem Krieg entwickelte sich Łódź zu einem kreativen Zentrum des Landes - die Polen nennen die Stadt nicht umsonst liebevoll Hollylódź. In der
Filmschule studierte unter anderem Roman Polanski. Vor allem die
Absolventen des Studienfachs Kamera sind in den USA erfolgreich: Piotr
Sobocinski ("Drei Farben: Rot"), Slawomir Idziak ("Black Hawk Down", "Gattaca") oder Dariusz Wolski ("Pirates of the Caribbean") haben sich einen Namen in Hollywood gemacht. Der Ruf der Schule wird sorgfältig gepflegt, jedes Jahr
bewerben sich viele hundert Studenten um die je zehn bis zwölf Plätze in
den Fächern Kamera, Drehbuch, Regie und Produktion. Polanski brauchte
zum Beispiel zwei Anläufe für die Aufnahme.
Mit Danzig und Krakau
kann Łódź vielleicht noch nicht mithalten. Zu grau ist das Stadtbild
noch, zu sehr sind noch die Spuren des Untergang des Sozialismus zu
sehen. Oder "die Stadt braucht noch ein paar Jahre und einige Kilo
Geld", wie es ein Reiseführer ausdrückt. Doch gerade aus den Gegensätzen
ergeben sich die Reibungsflächen, die Łódź so spannend machen. In den
gigantischen leer stehenden Fabrikhallen hat sich das Team rund um ein
international renommiertes Designfestival angesiedelt, in den
pittoresken Fabrikshallen befinden sich jetzt zum Beispiel Museen oder ein chices Hotel. Auf der totalsanierten Hauptstraße Piotrkowska - der "längster Boulevard Europas" mit einer großen
Dichte an Designergeschäften und Restaurants - hört man Englisch mit
vielen Akzenten. Und im Jahr 2016 will sich Łódź Europäische Kulturhauptstadt werden.
Alte Fabrik – moderner Luxus
Mit dem Zusammenbruch der Textilindustrie verschwanden viele Arbeitsplätze. Doch in die alten Fabriken kam in den vergangenen Jahren neues Leben, sie werden ebenso wie die prachtvollen Paläste zur Touristenattraktion. Zum Beispiel am Gelände der Manufaktura: Die ehemalige Textilfabrik (sie gehört im 19. Jahrhundert zu den größten ihrer Art) befinden sich nun zwei Museen (eines für die Fabriksgeschichte und eines für moderne Kunst), ein Imax-Kino neben 14 Kinosälen, ein Einkaufszentrum, ein Beachvolleyballfeld, Lokale und das Vier-Sterne-Hotel "Andel's Hotel". Lange Zeit stand die Immobilie leer, im Jahr 2002 erteilte die Stadt die Genehmigung für die Renovierung und neue Nutzung des Areals mit 27 Hektar und vier Kilometer Straße.
Katzensprung zu Chopin
Nur einen Katzensprung entfernt, 120 Kilometer nordöstlich, liegt Warschau. Dieses Jahr steht die Hauptstadt ganz im Zeichen des 200. Geburtstags von Fryderyk Chopin. Im Jubiläumsjahr kann man keine zehn Schritte gehen, ohne an den großen Sohn erinnert zu werden: Es wurden Sitzbänke vor Orten aufgestellt, an denen Chopin lebte oder gewirkt hat. So scheint es fast keine Orgel zu geben, auf der er nicht als Kind gespielt hat oder keinen Häuserblock, in dem er nicht zumindest ein halbes Jahr gewohnt hat. Der Clou: Auf den Bänken ist der geschichtliche Hintergrund auf Englisch und Polnisch beschrieben, außerdem haben sie Knöpfe, mit denen ein Musikstück aktiviert werden kann. Chopins Musik dringt 2010 in jede Ecke der Stadt.
Zwar wurden schon in den vergangenen Monaten viele Orte herausgeputzt, in denen der Komponist und Pianist lebte und wirkte, das Zentrum der Veranstaltungen liegt aber in Warschau. Den gesamten August hindurch wird zum Beispiel das Festival "Chopin und Europa" veranstaltet, im Oktober findet der Chopin gewidmete Pianistenwettbewerb statt.
Chopins Frauen und letzter Flügel
Der große Wurf ist der Stadt jedoch mit dem neuen Chopin-Museum gelungen: Informativ, spannend, unaufdringlich und geschmackvoll kann man auf drei Ebenen eines Palais fast alles über den großen Komponisten erfahren. Im Untergeschoss befindet sich in einer Art Kellergewölbe mit Ziegelsteinmauern ein Konzertsaal. Das Museum eignet sich eher für einen Individualbesuch, als für große Gruppenführungen, daher wird die Zahl der Besucher auch begrenzt. In den oberen Stockwerken können Interessierte zum Beispiel über Chopins Frauengeschichten lesen oder seinen letzten Flügel sehen.
Warschau profitiert von der Wende im Jahr 1989 und gilt zu Recht als "größte Baustelle Europas". Im Jahr 2012 wird die Europameisterschauft ausgetragen, das Fussballstadion ist fast fertiggestellt, die pittoreske Innenstadt, die übrigens im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört und danach originalgetreu wieder aufgebaut wurde, erstrahlt in neuem Glanz. (jus, derStandard.at, 08.07. 2010)
Informationen
Mit der Bahn nach Polen:
Angebote der ÖBB nach Polen: täglich zwei direkte Tagesverbidnugnen zwischen Wien und Warschau und eine direkte Nachtverbindung. Ebenso von Villach nach Warschau. Für Besitzer einer Vorteilskart gibt es im Rahmen von Railplus Ermäßigungen.
Lódz galt bis vor kurzem als die zweitgrößte Stadt Polens, ist aber aufgrund des Niedergangs der Textilindustrie auf Kosten Warschaus geschrumpft. Die Stadt war, entgegen der Information im Bericht, vom Krieg unversehrt geblieben, was den Zustand vieler Gründerzeitbauten z.T erklärt. Zu den bekannten Absolventen der Fimhochschule sollte man noch den Szenenbildner Allan Starski (Oscar für Schindlers Liste, der Pianist), der oscargekrönte Kurzfilmer Rybczynski und die Regisseure Kieslowski, Wajda, Zanussi hinzuzählen. Auch stammen der Pianist Artur Rubinstein und der Architekt Daniel Libeskind aus der Stadt.
obwohl die stadt im 2. wk und im sozialismus sehr gelitten hat
mag ich lodz irrsinnig gerne. mir blutet in der innenstadt allerdings immer das herz, wenn ich sehe, wie heruntergekommen die schönen, gründerzeitlichen villen sind - wenn da nicht bald investiert wird, kann man das in 20 jahren alles nur noch abreissen...
aber die stadt atmet v.a. industriegeschichte, allein das ist schon ein grund hinzufahren - die grosse textilfabrik, die heute die manufaktura ist, wurde ja erst 1997 endgültig geschlossen.
insgesamt eine sehr interessante stadt, mit einer kurzen, aber sehr wechselvollen geschichte (im artikel steht zb nicht, dass sie im 19. jh lange zu russland gehört hat).
Genau genommen hat jede polnische Stadt im 19. Jhdt entweder zu Russland, Deutschland oder Österreich-Ungarn gehört, da Polen zu dieser Zeit geteilt war.
Die Städtische Bücherei am Urban Loritz Platz in Wien hat die DVDs mit englischen Untertiteln. Sehr empfehlenswert
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