Mit der Benennung des Genozids würde der US-Präsident nicht nur das Verhältnis zur Türkei ruinieren, sondern auch den Versuch der Normalisierung zwischen Ankara und Eriwan
Barack Obama hat das "G-Wort" nicht ausgesprochen, er hat nicht einmal eine Rede gehalten. Zum 95. Jahrestags des Beginns des Genozids an den Armeniern ist der US-Präsident zur Wochenenderholung in die Blauen Berge gefahren. Freilich: Die Erklärung, die das Weiße Haus am Samstag zu den Massakern als einem der "schlimmsten Gräuel des 20. Jahrhunderts" veröffentlichte, ist so deutlich, dass jeder, der will, versteht. Obama spricht von einem Völkermord. Und mindestens zwei Jahre bleiben ihm ja noch, um sein Wahlkampfversprechen wahrzumachen, als erster US-Präsident den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich anzuerkennen.
Die Wahrheit ist: Für einen solchen Schritt ist die Zeit denkbar ungünstig. Mit der Benennung des Genozids würde der US-Präsident jetzt nicht nur das Verhältnis zur Türkei ruinieren, sondern auch den Versuch der Normalisierung zwischen Ankara und Eriwan ganz zunichtemachen.
Mangelnder politischer Mut, unzureichendes Engagement der Europäer, das ewige Kalkül mit Gas und Öl haben einen Neubeginn zwischen Türken und Armeniern erst einmal scheitern lassen. Das ist das Thema, nicht das Warten auf das "G-Wort" . Als uneingeladene dritte Partei hat es das autoritär regierte, mit Armenien verfeindete Aserbaidschan dank Energieressourcen geschafft, die Bedingungen für eine Ratifizierung der Normalisierungsprotokolle zu diktieren. Das ist der eigentliche Skandal. (Markus Bernath, DER STANDARD, Printausgabe 26.4.2010)