Klaus Adomeit war kein Philosoph, er tat Dinge, die eines Philosophen würdig gewesen wären
Einmal stieg er in den Zug nach Heidelberg, und als er wieder ausstieg, war er in Mailand.
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Ich komme aus Friedberg in der Wetterau. Dort haben wir das Karl-Wagner-Haus. In diesem Karl-Wagner-Haus lebten in meiner Kindheit und zu meiner Jugendzeit all die, die nichts und niemanden mehr hatten. Oft waren es Ostaussiedler. Sie saßen irgendwo herum, einer von ihnen arbeitete lange Jahre in unserem Garten, und sie tranken immerfort Bier. Das Bier machte sie dick, ihre Sprache wurde zu einem undeutlichen Grunzen, und so verwandelten sie sich mit der Zeit in unförmige, rudimentäre Wesen wie aus einer Urzeit der menschlichen Genesis, die durch die Stadt dümpelten und die Bänke unterhalb der Burg oder am Bahnhof besiedelten.
Es wäre von dem einen oder anderen zu reden, und wie sie sich im Karl-Wagner-Haus gegenseitig beklauten, wie sie sich Sachen unter dem Kopfkissen wegstahlen und nachts lieber kein Auge zumachten, um den Bettnachbarn in eben diesem Auge zu behalten. Oder wie sie anschließend weinen konnten wie kleine Kinder, wenn der Erzfeind aus dem Nachbarbett es wieder geschafft hatte, die gestern verdienten zehn Mark an sich zu nehmen während des Zähneputzens. Dergleichen Geschichten. Mein Vater war Rechtsanwalt, manchmal wurde er mit solchen Dingen konfrontiert und damit, wie sie weinten. Weinende Urwesen.
Sie hatten nur zwei Wege: Im Karl-Wagner-Haus bleiben und möglichst viel Bier trinken, um all das irgendwie zu ertragen wie in einer großen, lebenslangen Betäubung (so lebten viele seit dem Krieg). Oder das Karl-Wagner-Haus verlassen. Das hieß die Sicherheit aufgeben. Sofort wäre der Platz anderweitig belegt gewesen. Wer geht freiwillig ins Nichts?
Der alte Klaus war für mich anfänglich auch so einer. Wahrscheinlich habe ich zuerst geglaubt, als ich ihn erstmals in einer Kneipe sah, im "Sanssouci" , auch er gehöre ins Karl-Wagner-Haus. Da war ich fünfzehn. Kaum begann ich, in Friedberg in die Kneipen zu gehen, begegnete ich Klaus Adomeit. Klaus Adomeit, der immer einen grünen Armeeparka der völlig heruntergekommenen Art trug, war in Friedberg in der Wetterau eine Berühmtheit und hat auch in fast jedem meiner Bücher, wenn auch mit mehr oder minder großer Camouflage, einen Auftritt.
Allein dass der alte Klaus in die Kneipe ging, hätte darauf hindeuten können, dass er nicht ins Karl-Wagner-Haus gehörte. Er war klein, breit gebaut, hatte weißgraues, schütteres Haar, immer wild über die Seite gekämmt. Seine Jeans waren natürlich zerbeult und völlig verwaschen, dazu hatte er ziemliche O-Beine. Wenn er redete (besonders wenn man mit ihm auf der Straße redete), neigte er zu fuchtelnd-großen, raumgreifenden Gesten. Um das Bild abzurunden: Manchmal, besonders in den letzten Jahren, trug er einen Krückstock bei sich, wegen eines halbkaputten Knies. Und meiner Erinnerung nach trug er nicht selten unter seinem Parka (in dessen Taschen Tabak verwahrt war) einfach ein altes, geripptes Unterhemd.
Der alte Klaus war kein Philosoph, aber er tat manchmal Dinge, die eines Philosophen im alten Sinn würdig gewesen wären (insofern ein solcher in Tonnen sitzt oder in Gruben fällt). Einmal stieg er in den Zug nach Heidelberg, und als er wieder ausstieg, war er plötzlich in Mailand. Ich glaube, es war Mailand, vielleicht war es auch Amsterdam oder Paris. Dort kam er in die Obhut der Bahnhofsmission, und zwei Tage später stand es sogar in der Frankfurter Rundschau. Bis heute weiß ich nicht, ob er diese Geschichte einfach erfunden hatte - obgleich ich den Artikel selbst gelesen habe.
Klaus Adomeit war nämlich der erste Geschichtenerfinder in meinem Leben. Er erzählte immerfort Geschichten, und Wahrheit und Dichtung hatte sich schon seit Jahrzehnten in seinem Leben so homogen vermengt, dass beides ineinanderfiel und schlichtweg dasselbe war. Das fing schon mit den Kriegserlebnissen an, denn eigentlich war Klaus Adomeit überall und auf jedem Schlachtfeld der Welt gewesen, und dann die Kriegsgefangenschaft! Einmal war er als gefangener Bomberpilot nach Amerika verfrachtet worden, dann wieder verbrachte er eine sehr angenehme Zeit in einem italienischen Gefangenenlager, das offenbar eine Art Bauernhof war und wo er alle Mägde im Heuschober vögelte. Wenn er das erzählte, hing ihm die Zigarette schief im gelben Mundwinkel, und bekräftigend hieb er dem Zuhörer mit dem flachen Handrücken gegen den Schenkel.
Das Mariachen oder Luisachen oder irgendwie sonst ein -chen hießen dann gleich alle Mägde auf einmal. Dann wieder behauptete er, er sei in Lübeck geboren, so machte er sich zum U-Boot-Soldaten. (Ich glaube allerdings, er war Rheinländer.) Der alte Klaus, der große Flunkerer. Es war völlig unmöglich, sich mit ihm über irgendein bestimmtes Thema zu unterhalten, er übertrieb und zerredete sofort alles und war dabei erstens stets bester Laune und zweitens von unerhörtem Ideenreichtum. Der alte Mann war in seinem eigenartig funktionierenden Kopf viel wacher und brillanter als wir. Eine einzige Pointe.
Telefon hatte er nie
Er scharte einen ganzen Kreis um sich, ich will nicht sagen von Jüngern oder Adepten, denn wir eiferten ihm ja nicht nach. Manchmal hielt er regelrecht Hof. Dann saß er im "Lascaux" oder im "Sanssouci" oder im "Lit" (seinen drei Kneipen in Friedberg in der Wetterau), legte das angeschlagene Bein auf einen Hocker, rauchte (damals durfte man das noch) mit großen Bewegungen und zwinkernden Augen, und der erste Satz, den er immer zur Begrüßung sprach, war: "Die Kunst", kurze Pause, "die Kunst ... die ist verhunzt."
Der Alte-Klaus-Kreis kümmerte sich um den alten Mann. Er wohnte gar nicht unweit meines Elternhauses, wir auf dem Grundstück unserer ehemaligen, weitläufigen Steinmetzfirma (über dreißig Angestellte), er hundert Meter weiter in einem uralten, zweigeschoßigen, heruntergekommenen kasernenartigen Gebäude mit Sozialwohnungen. Dort hatte er immerhin zwei Zimmerchen. An seinem Geburtstag lud er groß ein, dann setzte er zeremoniell einen Topf mit Wasser auf den Herd und garte darin langsam und mit Wissenschaft den sogenannten Trut, an den wir uns noch alle erinnern - eben einen Truthahn. Telefon hatte er nie, bis wir ihm eins besorgten, was ein großer Moment war und wieder ein Anlass zum Fest. Aber er nutzte es kaum. Ich glaube, er konnte nicht wirklich damit umgehen. Neben seinem Bett lag immer ein Stoß alter, vergilbter, mich stets rührender und sentimental stimmender Pornoheftchen.
Übrigens arbeitete er, wenn auch nicht viel und nur für wenig Geld. Er machte gewisse Hausmeistertätigkeiten bei einem Menschen namens "Schlosser" und hütete vor allem dessen Hühnerstall. Ein Leben, heute kaum mehr vorstellbar. Hühner mitten in der Stadt, in Friedberg in der Wetterau. Auch die neue Ortsumgehung hat er nicht mehr mitbekommen. Dass die Felder um Friedberg herum, meine Heimat und sein Asyl, längst nicht mehr existieren und jetzt dort alle mit einhundertdreißig Stundenkilometern fahren, sieht er höchstens vom Himmel aus. Klaus Adomeit hat nie einen Führerschein besessen, und er hat nie einen gebraucht, wie wir alle keinen brauchen.
Wenn es nämlich eines durch ihn zu lernen gilt und wenn der alte Klaus durch eines eben doch ein Philosoph im alten Sinne war, ein Philosoph in seiner Tonne, dann war es das eine, nämlich mit welch geringem Aufwand er sein Leben führte. Er brauchte ja fast nichts. Er hatte keinen Fernseher, er hatte keine Zeitung, er hatte kein Auto, er fuhr nicht in Urlaub, er hatte nie den Frankfurter Flughafen gesehen, er hatte keine Lebensversicherung, er war überhaupt nicht versichert, er besaß keinerlei Eigentum, er hatte keine Einbauküche, er lebte ärmer als ein Russlandaussiedler, er hatte kaum ein paar Schuhe, er trug immer dieselbe Kleidung, er hatte allerdings immer Tabak in seiner Tasche, und Bier trank er auch. Ein Mensch ohne Buchhaltung, ein Mensch ohne Steuererklärung, ein Mensch mehr oder minder ohne ökonomischen und staatlichen Zusammenhang. Unter die Penner geriet er nie. Die hätten ihn auch gar nicht geduldet, er hatte ja eine Wohnung. Und er selbst hätte mit ihnen auch nichts weiter zu tun haben wollen, auch nicht mit dem Karl-Wagner Haus. Ein Leben auf Grundstufe, und dennoch ein ganzes und komplettes Leben. Für mich war er immer jemand, auf den das Wort "vorbildlich" zutraf und jenes aus dem Evangelium von den Lilien auf dem Feld und den Vögeln im Himmel. "Was sorgt ihr euch um euer Morgen? Jeder Tag hat seine eigene Last."
Kurz vor seinem Ende wurde der alte Klaus noch einmal aus- und umquartiert, in einen anderen Stadtteil. Noch einmal, zur Einweihung, gab es den Trut (wenn ich mich recht entsinne).
Zum letzten Mal sah ich den alten Klaus zwei Wochen vor seinem Tod. Ich war Student in Frankfurt und hatte ihn lang nicht gesehen. Ich stand an einer roten Ampel und sah ihn auf der anderen Straßenseite vorüberlaufen, eingesunken, am Krückstock, langsam und konzentriert, und vor allen Dingen vollkommen abgemagert. Der Parka, den er immer ausgefüllt hatte mit seinem breiten Kreuz, schlabberte fast um ein Nichts herum. Er sah aus wie Majestix nach der Fastenkur (Asterix und der Avernerschild), nur dass ihm der Tod ins Gesicht geschrieben war. Erst später erfuhr ich, dass man ihn ins Krankenhaus gebracht hatte, wo eine schwere Krankheit diagnostiziert wurde. Der alte Klaus im Krankenhaus! Das war undenkbar, und das wusste er wohl auch selbst. Also verließ er das Krankenhaus ohne Entlassung, schleppte sich nach Hause, kam da noch zwei Wochen seinem Leben nach bis ganz zuletzt und starb dann. Ein Tod ohne Krankenhaus und den deutschen Staat. Ein Tod ganz ohne die AOK. Kurze Zeit darauf begann ich meinen ersten Roman zu schreiben, die Hauptfigur hieß Adomeit. Sie war nicht krankenversichert.
Klaus Adomeit, gibt es noch ein Bild von ihm, eine Fotografie? Ich weiß es nicht. Sein Grab, ich würde es noch finden, aber das Holzkreuz wurde meines Wissens nie erneuert und muss inzwischen vermodert und abgeräumt sein. Vielleicht ist ja schon das Grab abgeräumt. Er ging leise und hinterließ keinerlei Spuren, wie ein Vogel am Himmel und auf der Erde. Er baute keine Häuser, keine Straßen, er war kein Politiker, er fuhr nicht einmal sein Kind (hätte er eins gehabt) mit dem Auto zur Schule wie jede dieser völlig normalen Auto-Mütter heute, als könne die Welt so sein. Adomeit, ein Mensch, mehr oder minder ohne zivilisatorischen Sündenzusammenhang.
Einer zur Rechten Gottes.
(Andreas Maier, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.04.2010)
Zur Person:
Andreas Maier, geb. 1967 in Bad Nauheim, ist deutscher
Schriftsteller. Von ihm erschien im März 2010 sein neuer Roman "Onkel
J. - Heimatkunde" im Suhrkamp Verlag.