Sport für Faule

  • Strom stimuliert die Muskeln, baut Fett ab und formt den Körper.
    foto: bodystreet

    Strom stimuliert die Muskeln, baut Fett ab und formt den Körper.

Trainieren unter Strom ist ein neuer Trend - Die Elektromuskel­stimulation (EMS) verspricht raschen Muskelauf- und Fettabbau - Die Wissenschaft ist noch skeptisch

Schöner, schlanker, leistungsfähiger - und das alles auch noch ganz schnell. Die Fitnessindustrie kennt die Bedürfnisse der Gehetzten und Gestressten, die optimale Trainingsergebnisse in kürzester Zeit erwarten. Sie kennt aber auch die Sehnsüchte der Bewegungsmuffel - den Traumbody ohne Training. Um beide Zielgruppen wirbt sie nun mit derselben Trainingsmethode: EMS (Elektromuskelstimulation oder Elektromyostimulation) soll in kurzer Zeit jene Wirkung erreichen, die sonst nur mühsam erschwitzt werden kann. "20 Minuten Strom statt zehn Stunden Krafttraining" propagiert etwa der Sportökonom Jürgen Lämmermann, der mit "Body Street" in Dornbirn das erste EMS-Studio Österreichs eröffnet hat.

Elektromuskelstimulation ist als Geschäftszweig neu, in der Medizin und der Rehabilitation kennt man sie seit langem. Die Methode: Impulse mit niedriger Frequenz regen unter der Haut liegende Nerven an, die wiederum Muskel oder Muskelgruppen anstupsen. Die Stromtherapie bewährt sich bei Rückenschmerzen, nach Verletzungen zum Muskelaufbau, bei Harninkontinenz, Beckenbodenschwäche und Muskelverspannungen.

Im Gegensatz zur therapeutischen Behandlung, die einzelne Muskeln anspricht, setzt man beim Training gleich alle wichtigen Muskelgruppen unter Strom. Ein Unterschied auch zu gängigem Krafttraining, sagt Jürgen Lämmermann: "Während beim Krafttraining 30 bis 40 Prozent der Muskeln beansprucht werden, sind es bei EMS 95 Prozent der Skelettmuskulatur, vor allem erreicht man die Tiefenmuskulatur des Beckenbodens."

Wer sich Passivtraining erwartet, wird enttäuscht. Auch die Fitness aus der Steckdose will erkämpft sein: Jürgen Lämmermann steckt seine Kunden in die Stromweste, die mit Elektroden ausgestattet ist, Oberarme und Oberschenkel bekommen zusätzliche Stromgamaschen, alles wird fest verzurrt, schließlich werden Mensch und Trainingsgerät verkabelt. Der Personal Trainer steuert das Gerät, reguliert die Impulsstärke und gibt Anweisungen für leichte Übungen, die unterschiedliche Muskelgruppen beanspruchen. Spannung und Entspannung im Vier-Sekunden-Takt regt die Muskelfunktionen an und bringt die Trainierenden zum Schwitzen. Nach zwei Monaten seien erste Ergebnisse zu sehen, verspricht Lämmermann: weniger Fett und mehr Muskelmasse.

Zu wenig Bewegung

Christian Raschner, Trainingswissenschaftlicher Leiter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck, stellt den Nutzen für Otto Normalverbraucher infrage. Die Stimulation von außen sei der Innervierung des Muskels, der Ansteuerung über Gehirn und Rückenmark, nicht gleichzusetzen. "Man hat so zwar einen über EMS aufgebauten Muskel, das bedeutet aber nicht, dass der auch besser angesteuert und eingesetzt wird."

Bewegung, das Zusammenspiel von Nerven- und Muskelsystem, ist das Ergebnis eines komplexen neurophysiologischen Prozesses. Raschner: "Im Fitnessbereich, auch beim Krafttraining, sollte besser der koordinative Aspekt forciert werden, da könnte man eher für den Alltag profitieren, etwa bei der Sturzprävention." Raschners Bedenken: "Die Leute glauben, sie können sich mit dem Stromgürtel in den Liegestuhl legen und werden fit dabei." Noch gebe es keine unabhängigen Studien zum neuen Trend, so Raschner.

20 Minuten EMS-Training pro Woche ersetzen, so Lämmermann, acht 45-minütige Krafttrainings. Voraussetzung für Langzeitwirkung sei Regelmäßigkeit. "Wenn man wieder mit dem Training aufhört, richtet sich der Körper wieder auf Couchliegen ein." 20 Minuten Training pro Woche müssten zur Dauereinrichtung werden.

Ohne Änderung des Lebensstils sei aber auch EMS nur die halbe Sache. Lämmermann: "Die anderen 50 Prozent des Erfolgs machen Ernährung und Bewegung aus." Für Menschen, die sich nicht gerne bewegen, könnte EMS "ein langsamer Einstieg ins Sportgeschehen sein". (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2010)

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