"Ich glaube an Nischen-Blockbuster-Medikamente"

  • Robin Rumler (46) ist Mediziner und seit 1992 in der Pharma- industrie tätig. Er hat für Janssen & Cilag, Zeneca und Sanofi gearbeitet und kam 2004 als Marketingleiter zu Pfizer, seit 2009 ist er Geschäftsführer. Seit 2004 ist er auch Präsident des Pharma-Marketing Club Austria. Rumler ist mit der Journalistin Regina Preloznik verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Klosterneuburg.
    foto: apa/pfizer/ christina häusler

    Robin Rumler (46) ist Mediziner und seit 1992 in der Pharma- industrie tätig. Er hat für Janssen & Cilag, Zeneca und Sanofi gearbeitet und kam 2004 als Marketingleiter zu Pfizer, seit 2009 ist er Geschäftsführer. Seit 2004 ist er auch Präsident des Pharma-Marketing Club Austria. Rumler ist mit der Journalistin Regina Preloznik verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Klosterneuburg.

Robin Rumler, Pfizer-Chef Österreich, ist der neue Präsident des Verbands der pharmazeutischen Industrie - Über seine Ziele, Imagekorrekturen und den Trend zur Billigmedizin

Standard: Sie sind gerade zum neuen Pharmig-Präsidenten gewählt worden. Was haben Sie sich vorgenommen?

Rumler: Ich bin definitiv bereit, einige Extrameilen zu gehen, denn es liegt tatsächlich sehr viel Arbeit vor uns. Die will ich anpacken. Die Pharmaindustrie leistet einen aktiven Beitrag im Gesundheitssystem, deshalb ist ein starker Interessenverband sehr wichtig.

Standard: Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzen Sie?

Rumler: Das große Ziel der gesamten Industrie ist es, mit ihren Produkten einen Beitrag zur Lebensverlängerung der Menschen zu leisten bzw. die Lebensqualität von Menschen mit Krankheiten zu verbessern. Das sollte klarer als bisher im Bewusstsein verankert werden. Ich glaube, niemand könnte sich eine Welt ohne Schmerzmittel, Impfungen oder Antibiotika mehr vorstellen. Wir wollen die entsprechenden Medikamente weiterhin zur Verfügung stellen, aber besser als bisher ins System eingebunden sein.

Standard: Weil regelmäßig die Medikamentenkosten zur Debatte stehen, oder?

Rumler: Wir waren in der Vergangenheit zu wenig am Verhandlungstisch und wollen uns mehr einbringen, auch was die Rahmenbedingungen betrifft. Das wollen wir im Sinne der Patienten erreichen, denn jeder in Österreich sollte auch weiter Zugang zu neuen Medikamenten haben. Wir haben Expertise in diesen Fragen.

Standard: Das ließe sich als zu große Einflussnahme interpretieren ...

Rumler: Das bringt mich zum dritten, wichtigen Punkt, den ich mir zum Ziel gesetzt habe. Wir wissen, wie wichtig es ist, über Therapien zu informieren, aber wir müssen auch mehr über uns und unsere Branche sprechen. Das ist eines meiner großen Anliegen. Unsere Mitarbeiter brauchen noch mehr Know-how im Umgang mit Partnern, und Kunden und auch die Menschen sollten wissen, wie diese Branche funktioniert.

Standard: Die Branche kämpft hartnäckig gegen ihren schlechten Ruf. Woran liegt das, glauben Sie?

Rumler: Wir sind private Wirtschaftsunternehmen, die an Medikamenten forschen und arbeiten. Ein Medikament kann mehr als eine Milliarde Dollar kosten, und manchmal dauert die Entwicklung eines Produktes bis zu zehn Jahre. Das wissen wenige, sie kennen die Marktmechanismen nicht, und deshalb bin ich natürlich nicht zufrieden mit dem Image der Pharmaindustrie.

Standard: Nicht einmal die Mitarbeiter der Pharmaindustrie denken gut über ihre Branche, hat eine Pharmig-Studie ergeben.

Rumler: Na ja, die 5000 Befragten, darunter auch Mitarbeiter, waren sich zwar einig, dass sie Medikamente wollen, wenn sie sie brauchen, aber die Kosten, die Medikamente verursachen, wurden überbewertet.

Standard: Inwiefern?

Rumler: Die Bevölkerung meint, die Medikamentenkosten machen 41 Prozent der Gesundheitskosten aus, unsere eigenen Mitarbeiter glauben, dass die Ausgaben bei 23 Prozent liegen. In Wirklichkeit machen Medikamente nur 12,6 Prozent der Gesundheitskosten aus, das ist im Vergleich zu den Spitalkosten oder den Kosten im niedergelassenen Bereich gering. Österreich hat im europäischen Kontext ein um 18 Prozent niedrigeres Preisniveau für Medikamente, das Wachstum liegt im letzten Quartal bei null Prozent! Es ist deshalb einfach falsch, die Pharmaindustrie immer als Kostenverursacher abzustempeln.

Standard: Gute Vorsätze allein ändern nichts. Wird die Branche an der Front im Marketing nicht immer härter?

Rumler: Alle Medikamente am Markt haben die harten Hürden der Zulassung genommen, und - es stimmt - sie unterscheiden sich bei bestimmten Indikationen nur minimal voneinander. Diese Unterschiede müssen die Leute im Marketing aufzeigen, müssen sie Ärzten vermitteln, damit Ärzte dann Patienten dasjenige Medikament verschreiben können, das individuell am passendsten ist. Das ist Marketing, am Ende entscheidet der Arzt.

Standard: Glauben Sie, dass es noch neue Blockbuster-Medikamente geben wird?

Rumler: Medikamente werden zunehmend individuell. Das ist ein Trend der letzten Jahre. Das bedeutet: Medikamente werden spezifischer angepasst, damit werden die Patientenkollektive immer kleiner. Oft geht es darum, Nebenwirkungen gering zu halten. Deshalb sind Gender-Medizin oder auch Biologika wichtige Themen. Ich denke, die Zeit der großen Blockbuster-Medikamente ist vorbei, aber ich glaube an Nischen-Blockbuster-Medikamente, vor allem bei Erkrankungen, die mit zunehmenden Lebensalter auftreten. Je älter man wird, umso mehr neue Erkrankungen wird es geben, auch das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, auf die wir reagieren.

Standard: Was eint die hochkompetitive Branche?

Rumler: Der enorme Kostendruck, zudem werden in Österreich wesentlich weniger Medikamente als anderswo verschrieben. In den nächsten drei Jahren erwarten wir mehr als 100 neue Medikamente, deshalb braucht die Branche mit ihren 123 Mitgliedern in Österreich eine One-Voice-Strategie der Politik und den Vertretern des Gesundheitssystems gegenüber.

Standard: Sind Sie für die Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand?

Rumler: Grundsätzlich bin ich für eine Finanzierung aus weniger Händen als bisher, und wir wollen mitgestalten.

Standard: Was trennt die Player am Markt?

Rumler: Die Spezialisierungen der einzelnen Unternehmen, durch die sich der Markt dann ohnehin aufteilt. Und wenn Sie auf die Generikahersteller anspielen: Generika haben ohne weiteres Berechtigung, nur sollte das Geld, das durch Generika eingespart wird, für moderne Medikamente eingesetzt werden und nicht für das Stopfen von Budgetlöchern. Wir sollten weg vom Trend zur Billigmedizin kommen.

Standard: Wie sehen Sie die Arbeit Ihres Vorgängers Hubert Dressler?

Rumler: Dresslers großes Verdienst war der Rahmen-Pharmavertrag, der garantiert, dass die pharmazeutische Industrie das Gesundheitssystem mit 180 Millionen Euro unterstützt. Er gilt bis zum 1. Juli 2011, die Zahlungen erstrecken sich über einen Zeitraum von drei Jahren. Zudem hat Dressler in Alpbach mit den Gesundheitsgesprächen ein wichtiges Kommunikationsforum aufgebaut. Auf all dem setze ich auf, möchte noch mehr Transparenz ins System bringen und die Pharmig zu einem vollwertigen Player im Gesundheitswesen machen. Wenn wir als solche eines Tages auch von der Bevölkerung akzeptiert würden, dann hätte ich mein persönliches Ziel erreicht. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2010)

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