Das Young Leaders Forum (YLF), ein Netzwerk für Nachwuchsführungskräfte, fragte: "Wie viel Show braucht die Karriere?" Eine Diskussion um Sein und Schein, um Inszenierung und Echtheit
Wer einen Job haben will, für den sich noch weitere 250 Bewerber interessieren, muss sich abheben. Noble Zurückhaltung ist wohl nicht das Mittel der Wahl; schon eher, sich in Szene zu setzen und seine Fassade besser als die anderen aufzupolieren - oder nicht?
"Nur zum Teil" , meint ausgerechnet die Geschäftsführerin der Modellagentur Wiener Models, Andrea Weidler. "Ein gepflegtes Äußeres, Mundhygiene, gutes Styling und eine gewisse Ahnung von Mode sind für den guten Eindruck essenziell. Allerdings kann man es auch übertreiben. In keiner Branche kommt es gut an, wenn hinter dem Schein kein Sein zutage tritt." Immer wieder habe sie es mit jungen Menschen zu tun, die zwar superschick angezogen und wunderschön anzusehen seien, aber kein Charisma hätten. "Da hilft das Äußere dann auch nichts, solche Leute haben keine echte Chance."
"Aufgesetztes Verhalten nervt"
Das sieht Georg Horacek, Senior Vice President für Human Resources der OMV, ähnlich: "Züchtige Gänseblümchen haben es schwer. Natürlich muss man auffallen, die Frage ist nur, wie. Manche Bewerber fallen mit eingelernten Standardfloskeln und aufgesetztem Verhalten auf. Das nervt. Bei mir punktet einer, wenn ich den Eindruck gewinne, er ist unverstellt. Ob er dann auch noch eine rote Brille auf der Nase hat oder nicht, ist bedeutungslos."
Nachdem sich die Personalberater bei ihrer Suche nach Mr und Mrs Perfect der modernen Medien bedienen, sollte man unbedingt darauf achten, welche elektronische Spur man im Internet zieht: "Es gibt heute mehr Möglichkeiten als je zuvor, sich über Menschen zu informieren" , sagt Florens Eblinger, Geschäftsführer der gleichnamigen Personal- und Managementberatung. "Bevor wir einem Kunden einen Kandidaten empfehlen, machen wir uns auch bei Xing, Facebook und anderen Plattformen über ihn schlau."
Selbstvermarktung im Internet
Manchmal sei man schon überrascht, was das Netz über den einen oder anderen Bewerber preisgibt. Findet man einen vielversprechenden Anwärter auf eine Führungsposition auf diversen Fotos mit nacktem Oberkörper posieren oder in offensichtlich beeinträchtigtem Bewusstseinszustand abgebildet, könnten die Chancen auf den Job in kürzester Zeit gen null sinken. "Bei der Selbstvermarktung im Internet, aber auch bei Bewerbungsschreiben orten wir noch ein großes Verbesserungspotenzial. Es lohnt sich, zu überlegen, bei wem man sich bewirbt, und seine Unterlagen darauf abzustimmen. Mit einem Foto vom letzten Strandurlaub hinterlässt man keinen seriösen Eindruck."
Besonders verärgert ist Horacek, wenn er bemerkt, dass er eine Massenbewerbung in Händen hält. Sich stets zu vergegenwärtigen, dass weniger mehr ist, sei ein guter Tipp, resümiert Weidler. "Keine Führungskraft ist glücklich, wenn sie bei einer Veranstaltung von einem ehrgeizigen Karrieristen mit Smalltalk zugetextet wird."
Die richtige Balance zwischen Aktivität und Zurückhaltung zu finden sei die Kunst. Letztlich, so Horacek, komme es immer noch auf die Intelligenz und nicht auf die Show an: "Wenn es Sie beruhigt - die Erfolgsformel lautet nach wie vor: 90 Prozent Transpiration, zehn Prozent Inspiration."(Judith Hecht, DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.4.2010)