Kindheitsforscherin setzte sich mit den Folgen von Misshandlung auseinander
Berlin - Die Autorin und Psychoanalytikerin Alice Miller ist tot. Die
Kindheitsforscherin, die zuletzt in der Provence lebte, starb bereits am 12.
April im Alter von 87 Jahren, wie der Suhrkamp Verlag am Freitag in Berlin
mitteilte. Die Beisetzung fand im engsten Kreis statt.
Zu den bekanntesten Werken der 1923 im damaligen Lwow in Polen (heute
Lwiw/Ukraine) geborenen Miller gehört "Das Drama des begabten Kindes und die
Suche nach dem wahren Selbst" von 1979. Damit begann sie ihre Auseinandersetzung
mit den Folgen der Misshandlung von Kindern. Ihre Bücher wurden in 30 Sprachen
übersetzt. Miller hatte in Basel Philosophie, Psychologie und Soziologie studiert. Nach der Promotion war sie 20 Jahre lang Psychoanalytikerin. 1980 gab
sie ihre Praxis auf und konzentrierte sich auf das Schreiben.
Gequälte Kinder
In Werken wie "Dein gerettetes Leben" (2008) plädierte Miller für eine liebevolle und gewaltfreie Erziehung. Sie grenzte sich von der Psychoanalyse ab, die aus ihrer Sicht in alter Tradition das Kind beschuldigt und die Eltern schont. Für die Forscherin hatten vernachlässigte Kinder, gewalttätige Jugendliche und Terrorismus die gleiche Ursache. Die Täter wurden gequält, als sie klein waren.
Eine von Millers These lautete: "In jedem noch so schrecklichen Diktator, Massenmörder, Terroristen steckt ausnahmslos ein einst schwer gedemütigtes Kind, das nur dank der absoluten Verleugnung seiner Gefühle der totalen Ohnmacht überlebt hat."
Sich dem Schmerz stellen
Was Miller schrieb, klingt wegen der Schlagzeilen um Missbrauch in der Kirche einmal mehr aktuell: Sie appellierte an Erwachsene, sich dem Schmerz zu stellen, den sie als Kind erlitten haben. Depressionen, Krankheit und Drogensucht können Folgen eines "Selbstverrats" sein. Als Beispiele nannte Miller Prominente wie Marilyn Monroe, Virginia Woolf und Elvis Presley. (APA/red)