Säureattacke auf der Schmelzoberfläche

6. Mai 2010, 12:37
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Karies sorgt weltweit für löchrige Zähne und Zahnverlust - Mit fluoridhältigen Zahnpasten sind kleine Schäden noch reparabel

Zähne, Zahnbelag, Zucker und Zeit - Alles was die Karies zum Leben braucht und was sich in den Mundhöhlen von 90% aller Erwachsenen weltweit auch findet. Jedes zweite sechsjährige Kind ist von der Erkrankung betroffen. Dem katastrophalen globalen Zahnstatus zum Trotz, peilt die WHO 80 Prozent Kariesfreiheit aller 6-jährigen Kinder bis ins Jahr 2020 an.

„Eine unrealistische Vision", lautet die Einschätzung von Michaela Höbarth-Haydn, die sich als Vorsitzende des „Arbeitskreises für zahnärztliche Vorsorgemedizin" (AKS-ZAVOMED) mit der Aktion „Apollonia 2020" der Kariesprophylaxe in Niederösterreich verschrieben hat. Eigene Zahngesundheitserzieherinnen erarbeiten dort mit Kindern in Kindergärten und Volksschulen die Inhalte präventiver Maßnahmen gegen die Entstehung von Karies. Vergleichbare Programme gibt es auch in anderen Bundesländern, von der flächendeckenden Österreich weiten Prophylaxe ist man allerdings noch weit entfernt. Das Informationsdefizit ist nicht zuletzt deshalb entsprechend groß.

Chronische Infektionskrankheit

Was nach wie vor die wenigsten wissen: Karies ist keine Erbkrankheit, sondern eine Infektion und als solche auch ansteckend. Die meisten Menschen akquirieren die pathogenen Keime bereits im Säuglingsalter, wenn Mama beispielsweise denselben Löffel benutzt oder den Schnuller abschleckt, der zuvor auf den Boden gefallen ist. Der bekannteste Feind schöner Zähne heißt Streptococcus mutans, ein Zuckerliebhaber, der alles Süße zu Säuren verstoffwechselt. Säure tut den Zähnen nicht gut. Sie entmineralisiert vorerst die Zahnoberfläche, indem sie Calciumphoshat aus dem Zahnschmelz herauslöst. Damit ist bereits der erste Schritt hin zur Karieserkrankung getan. Die entmineralisierten Stellen präsentieren sich als weiße Flecken („White spots"). Die gute Nachricht: Zu diesem Zeitpunkt kann der Prozess noch gestoppt beziehungsweise sogar umgekehrt werden. Dringen die Säuren bis in die tiefer liegende Zahnhartsubstanz (Dentin) vor, entstehen Löcher, sogenannte kariöse Läsionen im Zahn.

„Die Kombination aus mangelhafter Zahnhygiene und zuckerhältiger Ernährung sind das Grundübel dieser Erkrankung", weiß die niederösterreichische Zahnärztin Michaela Höbarth zu berichten. Was das betrifft, sind die Österreicher kaum zu schlagen. Ernährungsberichten zufolge liegt der Pro-Kopf-Zuckerverbrauch hierzulande jährlich zwischen 50 und 60 Kilogramm. Beim Zucker wird also nicht gespart, dafür umso mehr bei den Zahnbürsten. Diversen Studien darf man entnehmen, dass der Österreicher im Durchschnitt ganze zwei Bürsten im Jahr verbraucht.

Zähneputzen und Zuckerverzicht

Dabei wäre der Kampf gegen die Karies doch so einfach wie billig. Zweimal täglich gründliches Zähneputzen und den bösen Streptokokken die Nahrungsgrundlage entziehen. Doch wer will schon auf Süßes zwischendurch gänzlich verzichten und wer kann von sich behaupten, dass er die richtig Putztechnik auch tatsächlich beherrscht?

Kein Ersatz für Zahnhygiene und Zuckerreduktion, aber als Ergänzung bewährt hat sich Fluorid. Erwachsene erinnern sich vielleicht an die kleinen weißen Lutschtabletten, die bereits in den 70-er Jahren in den Volksschulen verteilt wurden. Von der generellen Tablettenfluoridierung als Kariesprophylaxe ist man mittlerweile abgekommen. Die positive Wirkung des Fluorids auf die Zähne ist jedoch nach wie vor unbestritten. Das Spurenelement schützt vor den Säuren der Mundhöhlenbakterien und repariert sogar kleine Kariesschäden im Zahnschmelz.

Fluoridhältige Zahnpasten

„Mittlerweile weiß man, dass Fluoride ihre remineralisierende Wirkung am besten lokal entfalten", erklärt Höbarth. Deshalb empfiehlt der Oberste Sanitätsrat derzeit den Gebrauch fluoridhältiger Zahnpasten. Sofern Fluorid nicht durch andere Quellen aufgenommen wird, beispielsweise durch Sojanahrung oder hypoallergene Nahrungsmittel, wird auch zur Verwendung von fluoridiertem Speisesalz angeraten.

Übrigens korreliert das Symptom Schmerz nicht mit der Schwere des Zahnschadens und sichtbare braune Flecken sind auch kein sicheres Zeichen von Karies. „In vielen Fällen ist Karies nur auf einem Röntgenbild zu erkennen", so die Expertin. Ein Blick auf das eigene Gebiss reicht also nicht aus, nur Kontrollen beim Zahnarzt bringen Gewissheit. (derStandard.at, 06.05.2010)

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    Braune Flecken auf den Zähnen sind keine sicherer Hinweis für Karies.

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