Harvard-Psychologen zeigen, dass Träume helfen, sich neu Erlerntes einzuprägen
Cambridge - Für Sigmund Freud war der Traum der "Königsweg zum Unbewussten" und eine wichtige Informationsquelle über unbewusste Erlebensweisen des Menschen. Die Surrealisten wiederum verwendeten ihn als Quelle der künstlerischen Eingebung, weshalb sich einer von ihnen, nämlich Saint-Pol-Roux, das Schild "Le poète travaille" ("Der Dichter arbeitet") vor die Tür hängte, wenn er sein Nickerchen hielt.
Nun aber scheinen Harvard-Psychologen das Rätsel gelöst zu haben, warum wir wirklich träumen: Wie sie bei Tests herausfanden, scheint ein Schläfchen und insbesondere das Träumen dabei zu helfen, sich neue Dinge zu merken. In den Worten von Hauptautor Robert Stickgold von der Harvard Medical School: "Nach fast 100 Jahren Diskussion über die Funktion von Träumen zeigt uns diese Untersuchung, dass sie der Weg des Gehirns sind, um neue Information zu verarbeiten, zu integrieren und zu verstehen."
Die Versuchsanordnung, die sich als möglicher Königsweg der Traumforschung herausstellen sollte, war vergleichsweise simpel: 99 Versuchspersonen verbrachten eine Stunde am Computer, um sich ein dreidimensionales Labyrinth einzuprägen, dessen Endpunkt sie möglichst schnell erreichen sollten. Danach durften sie entweder ein 90-minütiges Schläfchen halten oder sich ruhig beschäftigen.
Fünf Stunden später wurden die Testpersonen wieder an den Computer gesetzt, um abermals den schnellsten Weg durch das dreidimensionale Labyrinth zu finden. Und siehe da: Jene Probanden, die kurz geschlafen und irgendetwas im Zusammenhang mit dem Labyrinth geträumt hatten, zeigten deutliche Fortschritte und schnitten nicht weniger als zehnmal so gut ab wie ihre schlafenden Kollegen, die nicht vom Spiel geträumt hatten. Auch bei den Nichtschläfern zeigten sich so gut wie keine Verbesserungen, wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe von Current Biology berichten.
Erstaunlich war aber noch ein weiterer Zusammenhang, den die Psychologen entdeckten: Die meisten Testpersonen, die vom Labyrinthspiel träumten und danach so große Fortschritte zeigten, hatten sich beim ursprünglichen Spiel eher schwergetan. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.04.2010)