Internetsüchte

Games, Chat und Sex im Visier

22. April 2010 13:17

Fachtagung diskutiert problematische Ausformungen des Cybersex - Suchtartiges Verhalten schwer einzuordnen

Wien - Die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets werden auch für die Psychotherapie relevant - nämlich dann, wenn seine Nutzung außer Kontrolle gerät. Die Wissenschaft ist sich in der Bewertung von suchtartigem Spielen, Chatten und Pornografie im Internet noch uneins. In Wien widmet sich diesen Samstag erstmals im deutschen Sprachraum eine Fachtagung dem Thema, wobei der Schwerpunkt auf der Internetsexsucht liegt. "400.000 Menschen in Deutschland und 40.000 in Österreich dürften davon betroffen sein", so Tagungsveranstalter Raphael Bonelli.

Suchtartiges Surfen schwer zu beurteilen

Die Wissenschaft ringt derzeit hart damit, wie suchtartiges Internetsurfen eingeordnet werden soll. Der US-Psychiater Jerald J. Block geht etwa davon aus, dass der Internetgebrauch drei krankhafte Untertypen hervorrufen kann, nämlich suchtartiges Online-Gaming, exzessives Chatten bzw. E-Mail-Schreiben sowie auch die Internet-Sexsucht. Wie dem deutschen Ärzteblatt entnehmen ist, scheint die Internetsucht aber noch nicht im Erstentwurf der 2013 erscheinenden Neuauflage des Handbuches Psychischer Störungen DSM-5 auf. Der Forschungsstand dazu sei noch nicht ausreichend, so die Begründung.

Was zwanghaftes Gaming, Chat und Sex im Internet eint, sind jedenfalls erstens die ausschweifende Internetnutzung mit Verlust des Zeitgefühls, wobei Essens-, Trink- und Schlafbedürfnisse oft ignoriert werden. Alle drei Verhaltensweisen liefern typische Entzugssymptome wie Spannung, Ärger oder depressive Stimmungen, sobald der Computer nicht erreichbar ist, und schließlich auch das Verlangen nach ständig mehr Computerzeit und besserer Ausstattung mit Hard- und Software. Letztlich wirken alle auch negativ auf soziale Beziehungen.

Dunkle Seiten von Sex noch Tabu

Während sich die Forschung zur suchtartigen Internetnutzung bisher auf Gaming und Chat konzentriert, kommt die Sucht nach Cybersex erst langsam ins Gespräch. "Es ist noch nicht geklärt, ob es sich dabei um eine nicht-substanzgebundene Sucht, einen Zwang, oder eine gestörte Impulskontrolle handelt", berichtet Bonelli. Das Zögern der Wissenschaft sei jedoch auch damit verbunden, dass das Konzept der Sexsucht Tabus hinterfrage. "Viele glauben, Sex müsse immer gut tun und scheuen sich davor, den negativen Seiten ins Auge zu sehen", so der Wiener Psychotherapeut, Psychiater und Neurologe.

Die Wissenschaft sei in den letzten 100 Jahren missbraucht worden, um Moral und Sittlichkeit abzulösen. "Zuvor 'Sittenwidriges' erhielt damals das Mäntelchen der Krankheit." Spannend sei der Disput bis heute. "Obwohl es zurecht einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die negative Bewertung der Pädophilie gibt, kann man diskutieren, ob es sich dabei um eine 'Krankheit' handelt. Ein Pädophiler hat ja vielleicht gar kein Problem mit seinem Verhalten", erklärt Bonelli. Entsprechend habe man heute Angst davor, zu viele Verhaltensweisen krank zu reden.

Weniger Sex im echten Leben

Wenngleich Internetsex per se nicht krankhaft sei, gibt es für Bonelli problematische Formen davon. Auf der Fachtagung werden diese soweit thematisiert, als sie bei Betroffenen Leiden oder Nachteile hervorrufen. "Dazu gehört einerseits das zwanghafte Handeln gegen den eigenen Willen, jedoch auch das Abnehmen des realen Sex und der Beziehungsfähigkeit. Denn bei der Internet-Sexsucht geht es definitiv nicht mehr um die Beziehung zum 'Du', sondern allein um die eigene Befriedigung", so der Psychotherapeut.

Das Thema ist eng mit der Geschlechterperspektive verknüpft, betrifft doch die Internet-Sexsucht fast ausschließlich Männer. "Männer sind visueller orientiert und reagieren viel mehr auf Körperformen, während Frauen eher Berührung, Zärtlichkeit und Romantik suchen", erklärt der Experte. Frauen könnten vom Cybersex-Konsum des Partners wie auch von den Darstellungen viel leichter verletzt werden. "Sie vergleichen die idealisierten, digital verbesserten Körperdarstellungen eher mit dem eigenen Körper und leiden darunter, ebenso wie sie auch ihr Reduziert-werden auf seelenlose, sexuelle Attribute belastet."  (pte)

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13 Postings
Tiru Sein
14.04.2011 11:34

Ich glaube, dass nur jemand diesen Artikel verstehen kann, der diesbezügliche Erfahrungen gemacht hat und sich auch intensiv spürt und reflektiert, und es dann genauso empfinden wird wie dargesetellt.

Rigglerobber
23.04.2010 13:06

Das Internet verbieten, dann ist Ruhe und die Sucht hat keine Chance mehr!

Ernst Unlustig
23.04.2010 09:58
8uddh48r0t
23.04.2010 11:30

"...Mitglied des Opus Dei,..."

Jepp, alles klar!

andreas weissnicht
23.04.2010 09:02

„Letztlich wirken alle auch negativ auf soziale Beziehungen.“

Oh mein Gott!

„(...) jedoch auch das Abnehmen des realen Sex und der Beziehungsfähigkeit. Denn bei der Internet-Sexsucht geht es definitiv nicht mehr um die Beziehung zum 'Du', sondern allein um die eigene Befriedigung“

Wie furchtbar! Die Welt steht nicht mehr lange! ...

aber auch nur deswegen weil diese „Wissenschaftler“ sich in das Leben anderer Leute einmischen und sagen, wie sie idealerweise denken und fühlen sollen. Widerlich!

PS: Wenn einer keine Kinder will, warum soll er seinen Trieb dann nicht schnell abbauen? Wieso soll er extra eine Beziehung haben? Ich hasse das, wenn Menschen meinen, ideale Lebensweisen für alle aufstellen zu müssen.

Fritz Meyer
23.04.2010 08:30
Der virtuelle Raum wird von uns Menschen real gelebt.


Und alle Probleme, die wir von hier nach dort mitnehmen, bestehen dort natürlich weiter.

Die "Verfügbarkeit" bestimmter Interessen wiederum kann die Probleme verschärfen oder mildern.

Aber ein Urteil insgesamt wird man da niemals fällen können. Auch wenn das manchen Zeitgenossen überhaupt nicht ins Weltbild passt.

Aber die haben sich schon genauso an Film, Comic, Fernsehen und Musik gestossen.

Fritz Meyer.

birka
23.04.2010 08:01

giggity!

KTHXBYE
22.04.2010 16:00

Leute, die Sex zwangsweise mit irgendeiner "Beziehung zum 'Du'" gleichsetzen, haben ordentlich einen an der Waffel und zuviel Courts-Mahler oder Katechismus gelesen. Überraschung: es geht erstmal um die eigene Befriedigung. Alles andere kann, aber muß nicht.

andreas weissnicht
23.04.2010 09:04
Grüner Strich von mir

allerdings passt das den Wissenschaftlern nicht in den Kram, die hätten gerne, dass alle Menschen Beziehungen haben und zusammen leben, weil NUR DAS richtig und gut und innerhalb der Norm ist.

Harald Schoenknecht
23.04.2010 14:02

(zumindest religioes motivierte Wissenschaftler, wie hier der Fall)

PeAcE

sotho talker
 
23.04.2010 08:42
solchen sex

bei dem es "ersteinmal um die eigene befriedigung" geht würde ich als extrem unbefriedigend empfinden...

Harald Schoenknecht
23.04.2010 14:03

Liebe Deinen Naechsten wie Dich selbst *g*

PeAcE

KTHXBYE
23.04.2010 13:45

Das bleibt Ihnen ja unbenommen, soll jeder tun was ihm gefällt. Es ist aber kein Naturgesetz, so wie manche tun.

Abgesehen davon: wenn es sie mit schöner Regelmäßigkeit nicht befriedigt, werden Sie wohl damit aufhören. Damit ist auch Ihre These auf wackligen Beinen.

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