"Riesige Schlacht" um US-Höchstgericht

21. April 2010, 19:05

Obama muss seine zweite Nominierung für den Supreme Court vornehmen - scharfe Auseinandersetzung erwartet

Washington/Wien - Barack Obama muss dieser Tage viel reden. Ein knappes Dutzend Kandidaten für das Richteramt beim US-Höchstgericht machen ihm seine Aufwartung. Daneben sondierte er am Mittwoch das politische Terrain bei Kongressabgeordneten beider Parteien, die seiner Nominierung zustimmen müssen.

Der US-Präsident braucht Ersatz für den am Dienstag 90 Jahre alt gewordenen Richter John Paul Stevens, der sich im Sommer in den Ruhestand zurückziehen möchte. Stevens gilt als ein liberaler Geist, der klare moralische Positionen vertritt und dazu die Sprache einfacher Leute verstehen und auch sprechen kann. Obama wolle einen Nachfolger von ebensolcher intellektueller Statur, berichten die US-Blätter. Dazu müsse der oder die neue Richterin beim Supreme Court imstande sein, Brücken zum Lager der ideologischen Gegner im Gericht zu schlagen und Kompromisse zu bilden. Derzeit steht es fünf zu vier für die Konservativen in dem Richtergremium.

Bereits im vergangenen Jahr besetzte Obama einen Richterposten mit Sonia Sotomayor, der ersten Latina im Supreme Court. Sie kam relativ problemlos durch die Hearings im US-Senat. Auch diesmal könnte es wieder eine Frau sein. Mehr als die Hälfte der Personen, die der Präsident in Erwägung zieht, sind weiblich.

Elena Kagan zum Beispiel ist derzeit Generalstaatsanwältin und war Dekanin der Havard Law School und Rechtsberaterin von Präsident Bill Clinton. Gute Chancen haben unter anderem auch die derzeitige Heimatschutzministerin Janet Napolitano, die Chicagoer Rechtsprofessorin Diane Wood, die Gouverneurin von Michigan Jennifer Granholm, die Richterin Leah Ward Sears aus Georgia oder Martha Minow, Obamas ehemalige Professorin in Harvard und gegenwärtig Dekanin der Rechtsfakultät dort.

"Real world experience"

Bei der Auswahl spielen neben Geschlecht und ideologischer Verortung auch geografische Herkunft und Religionsbekenntnis eine Rolle. Dazu gibt es unter den Demokraten diesmal auch viele Stimmen, darunter jene von Ex-Präsident Clinton, die für jemand mit politischem Hintergrund eintreten - "real world experience", nicht nur juristischer Sachverstand sei gefragt. Das würde Napolitano und Granholm favorisieren. Aus dem Weißen Haus wird auch berichtet, dass Kagan, Wood und Merrick Garland, ein Richter am US-Berufungsgericht in Washington, hoch im Kurs stünden.

Obwohl Obama im Senat über eine solide Mehrheit von 59 Stimmen verfügt und damit weitgehend freie Hand in seiner Entscheidung hat, wird eine scharfe ideologische Auseinandersetzung erwartet, wenn der Präsident seinen Nominierten Mitte Mai vorstellen wird.

Die Republikaner werden sich laut Analysten die Gelegenheit nicht entgehen lassen, gegen Kandidaten mit klaren Ansichten etwa über Abtreibungs- oder Waffenrecht zu trommeln. Obamas Stabschef Rahm Emanuel, ein früherer demokratischer Kongressabgeordneter und nicht eben dafür bekannt, die Dinge mit Samthandschuhen anzufassen, erwartet eine "riesige, riesige Schlacht".

Vergangenen Sommer ging die Abstimmung für Sotomayor mit 68 zu 31 Stimmen aus. Diesmal wird es um einiges knapper werden. Soviel stand schon fest, bevor der Mehrheitsführer im Senat Harry Reid, der Justizausschusschef Patrick Leahy (beides Demokraten) und die beiden Republikaner Mitch McConnell und Jeff Sessions bei Obama vorstellig wurden. (pra/DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2010)

Wissen

Höchstrichter auf Lebenszeit

Die neun Richter des Supreme Court haben in den vergangenen zwei Jahrhunderten immer wieder weitreichende und nicht selten umstrittene Entscheidungen zu Bürger- und Waffenrechten sowie Todesstrafe, Abtreibung und Meinungsfreiheit gefällt. Insbesondere entscheidet das Gericht, wo im Einzelfall die Grenze der Macht zwischen Präsident und Kongress verläuft und welche Zuständigkeiten Bund oder Bundesstaaten haben. Die Richter werden auf Lebenszeit ernannt. Ihre Entscheidungen können nur durch ein weiteres Urteil des Gerichts oder eine Verfassungsänderung aufgehoben werden. Letzteres ist in den USA sehr selten. Das Kräfteverhältnis zwischen "konservativen" und "liberalen" Richtern ist gegenwärtig in etwa ausgeglichen. Einige der jüngsten Urteile gingen mit fünf zu vier Stimmen aus. (Reuters)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
1 2
Walter KURTZ
 
00
23.4.2010, 13:18

Das Highlight war bisher schon mal die Causa Kagan: ein nicht allzu verläßlicher republikanischer Blogger postet, daß Kagan geoutete Lesbe sei, CBS übernimmt das mehr oder weniger komplett ungeprüft und das White House reagiert unwirsch "nein, die ist nicht schwul".
Zeigt nur, wie heikel eine derartige Nominierung ist und daß die Nerven im WH wohl ziemlich blank liegen.

CITY1
00
22.4.2010, 08:23
Ja, Ja

da gabs doch mal einen Film mit Denzel Washington und Julia Roberts, der zeigte doch wie man sich eines Bundesrichters entledigt.

xEurocent
219
21.4.2010, 21:45
Man sollte übrigens auch nicht vergessen,

dass Justice Stevens selbst der republikanischen Partei nahe stand und von einem republikanischen Präsidenten (Ford) nominiert wurde.

Heute gilt er als Aushängeschild der Liberalen und Linken im Gericht. Und das nicht, weil er sich gewandelt hätte, sondern weil das ganze politische Spektrum in den letzten drei, vier Jahrzehnten massiv nach rechts driftete.

Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man hier gleich wieder die republikanische Propaganda von Kurtz und Odo liest, die Obama vorwerfen werden, künstlich einen Streit provozieren zu wollen, wenn er keinen Kandidaten der "Mitte" (sprich deutlich weiter rechts als Stevens) nominiert, sondern einen Linken.

m3a
00
23.4.2010, 09:59

tja. von ford nominiert: die heutigen konservativen ala palin und co würden ford als kommunisten beschimpfen. die würden sogar reagan beschimpfen, denn der war nicht halb so konservativ wie sie selber (zb amnestie für illegale einwanderer)

byron sully
00
22.4.2010, 00:12
so ist es,

ist ja bei uns (siehe adamovich, korinek) nicht anders.

Walter KURTZ
 
135
21.4.2010, 22:14

Bullshit. Stevens ist nach links gedriftet.

valtheWU
20
22.4.2010, 10:21
unsinn

lesen sie die NYT dazu von vor 1 woche, detailliert recherechiert.

Walter KURTZ
 
10
22.4.2010, 20:02

NYT lesen? Da weiß ich dann höchstens, was nicht stimmt.

valtheWU
00
23.4.2010, 09:10
echt?

danke für den tipp!

mahutschili
10
22.4.2010, 09:57

Der Schelm denkt so weit, wie es sein Nachname vermuten läßt ...

Georg Schütt
162
21.4.2010, 21:55
weil das ganze politische Spektrum in den letzten drei, vier Jahrzehnten massiv nach rechts driftete.

Stevens wurde in den 1970ff. Richter.

Inwiefern sollen die USA gesellschaftspolitisch nach rechts gerückt sein seitdem?

xEurocent
28
21.4.2010, 22:01

Stevens wurde damals von einem republikanischen Präsidenten nominiert und von allen (?) Republikanern im Kongress gewählt.

Würde Obama heute jemanden mit den Positionen von Stevens vorschlagen, würden die Republikaner im Senat nicht nur dagegen sein, sie würden es nicht einmal zulassen, dass darüber überhaupt diskutiert wird und. (Filibuster)

Georg Schütt
21
21.4.2010, 20:02
John Paul Stevens gilt als liberaler Richter.

Die politische balance im Richterkollegium wird also auf jeden Fall nicht weiter zugunsten der Liberalen/Linken verschoben werden, wenn ein Nachfolger gewählt wird.

Spannend wird es erst, wenn einer der konservativen Richter sein Amt aufgibt und Obama für den dann einen Nachfolger bestimmen muss. Das könnte der Fall sein, wenn der jetzt 74-jährige Antonin Scalia in den Ruhestand geht. Der nächste ausgewiesen konservative Richter ist dann Clarence Thomas, zurzeit 61 Jahre alt. Der dürfte wohl noch ein paar Jahre im Amt bleiben.

byron sully
03
22.4.2010, 00:25

bush hat (leider) klug gehandelt, indem er für die beiden bisherigen ultrakonservativen zwei recht junge ultrakonservative nachnominiert hat, die also vermutlich recht lang im amt bleiben werden. obama wird wohl auf 2:2 stellen, aber es gibt eben seit jahren die 5:4-mehrheit der ultrakonservativen. und scalia wird, sofern er bei guter gesundheit bleibt, wohl kaum unter obama abtreten (ich hab das gefühl, o'connor ist absichtlich abgetreten, damit noch bush ihren ähnlich gesinnten nachfolger bestimmen konnte).

Walter KURTZ
 
05
21.4.2010, 22:18

Daß Scalia in den Ruhestand geht, wenn ein Demokrat Präsident ist, kann man sich abschminken.
Als nächstes ersetzt wird wohl die liberale Richterin Ginsburg...

xEurocent
00
22.4.2010, 16:29
Ab und zu sagen sie ja auch mal was richtiges

Sie haben recht, Ginsburg wird als 77-jährige Krebspatientin wohl kaum mehr die nächsten sieben Jahre, also so lange Obama Präsident sein wird, im Amt bleiben.

Aber ein Drittel des Höchstgerichts zu bestellen, ist mehr als die meisten Präsidenten hinterlassen. Und selbst wenn Obamas Nachfolger wieder ein Republikaner wird, wäre das politische Gleichgewicht im Gericht wenigstens die nächsten 10-15 Jahre damit gesichert.

siu
00
22.4.2010, 17:58

selbst breyer könnte noch (taktisch) unter obama zurücktreten. thomas, alito, scalia und roberts werden sich hüten und alles daran setzen nicht unter obama zurückzutreten. bei kennedy könnte der fall anders sein (der ist auch schon 73).

aus der nyt: "Four of Justice Stevens’s colleagues are over 70, and some have had health problems".

wer ausser ginsburg hat gesundheitsprobleme?

al vvi
00
21.4.2010, 21:18

74 + 16 = 90 das wuerde Obama auch nicht mehr erleben, er muss froh sein wenn er eine Amtszeit durchsteht.

xEurocent
11
21.4.2010, 21:40

Bei der Konkurrenz die sich momentan abzeichnet hat Obama bereits jetzt schon gewonnen.

Walter KURTZ
 
42
21.4.2010, 22:14

Jener Obama, der laut Umfragen nur knapp gegen George W. Bush (!) gewinnen würde?

Redwraithvienna
01
22.4.2010, 02:21
jener der laut umfragen

jeden ernstzunehmen nominierten rep. kandidaten schlägt, von palin bis gingrich.

und bitte nicht mit dem "generic republican" kommen.

wobei das im moment so oder so hinfällig ist da vor mitte 2011 keiner weiss wer jetzt wirklich antritt und vor anfang 2012 die themen nicht wirklich feststehen werden (bis auf ein paar klassiker)

Walter KURTZ
 
01
22.4.2010, 20:14

Palin und Gingrich sind ernstzunehmende Kandidaten? Die meisten, die da momentan herumschwirren, können Sie getrost vergessen.
Nächster republikanischer Kandidat wird mMn garantiert ein zumindest bis vor kurzem amtierender Gouverneur. Ein Gingrich, der keine Exekutiverfahrung hat, und eine Palin, die nach halber Amtszeit den Hut drauf geworfen hat, fallen nicht ins Anforderungsprofil. Und Romney kann man überhaupt gleich vergessen. Der ist als geistiger Vater von Obamacare chancenlos.
Wenn ich tippen müßte, Tim Pawlenty oder Mitch Daniels. Aber die sind einer nationalen Öffentlichkeit noch nicht bekannt genug, daß Umfragen sinnvoll wären (wie wäre eine Umfrage 1990 Bush vs Clinton ausgegangen?)

Der Ruhestifter
 
02
22.4.2010, 00:55
Bush wird aber nicht mehr antreten

Und Palin hat aus demokratischer sicht einen deutlichen vorzug gegenüber Bush: sie ist eine ausgewiesene idiotin.

Georg Schütt
01
21.4.2010, 21:53
Das interessiert mich viel mehr als der Stevens-Nachfolger:

Gibt es eigentlich schon Demokraten, von denen man weiß, dass sie mit einer Präsidentschafskandidatur liebäugeln?

byron sully
00
22.4.2010, 00:18
für 2016?

wieso sollten die sich schon jetzt deklarieren? für 2012 sollte obama ja kaum innerparteiliche konkurrenz bekommen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.