Von der Beerdigung auf die Wahlkampftribüne

21. April 2010, 18:49

Kandidaten haben zwei Monate, um sich auf Nachfolge Kaczynskis vorzubereiten

Warschau/Wien - Das Staatsbegräbnis des verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski am Sonntag in Polen könnte zugleich auch der Wahlkampfauftakt für die kommenden Präsidentenwahlen gewesen sein. Am Mittwoch hat nun Vizepremier Waldemar Pawlak seinen Hut in den Ring geworfen.

Der Vorsitzende der kleineren Regierungspartei PSL will gegen seinen Koalitionspartner, die liberale "Bürgerplattform" (PO) des nun amtierenden Präsidenten und Kandidaten Bronislaw Komorowski, antreten, sagten Funktionäre seiner Partei. Der 50-Jährige war bereits zweimal in den Neunzigerjahren Premierminister Polens, erreichte aber bei seiner letzten Präsidentschaftskandidatur im Jahr 1995 nur fünf Prozent.

Kurz vorher gab Präsident Komoroswki im Sejm, dem polnischen Parlament, den 20. Juni 2010 als Termin für die Präsidentenwahl bekannt. Komorowski war nach dem Tod Kaczynskis als der von der Verfassung mandatierte Nachfolger Präsident geworden. Seine Kandidatur hatte er bereits zuvor bekanntgegeben.

Noch ist unsicher, ob Jaroslaw Kaczynski, Führer der größten Oppositionspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), ins Rennen geht. Der Zwillingsbruder des verstorbenen Lech war nach der Wahlniederlage der PiS im Jahr 2007 als Premier abgetreten, jedoch an der Parteispitze geblieben. Er gilt parteiintern als Favorit für die Wahl; sein Name wird seit dem Tod seines Bruders bei Umfragen abgefragt.

Umfragenkönig Komorowski

Diese sehen Komorowski jedoch weit vor Jaroslaw Kaczynski. Befragung vom Sonntag und vom Montag geben Komorowski eine satten Mehrheit von 40 bis 55 Prozent der Stimmen, jeweils etwa 20 Prozentpunkte vor Kaczynski. Inwieweit das Antreten Pawlaks die Wahl beeinflusst, lässt sich nicht sagen, es wurde aber bisher mit einem Rennen vor allem zwischen PiS und PO gerechnet. Sollte keiner der beiden Kandidaten eine absolute Mehrheit erreichen, gibt es eine Stichwahl am 4. Juli dieses Jahres. Als Kandidaten unter "ferner liefen" haben auch der wirtschaftsliberale Andrzej Olechowski der Demokratischen Partei und der radikalliberale Janusz Korwin-Mikke ihre Kandidatur bekanntgegeben. Das in Polen traditionell schwache linke Lager hat noch keinen Kandidaten aufgestellt.

Tusk könnte Macht festigen

Mit der nun rasch heranrückenden Präsidentenwahl könnte die PO entscheidend ihre Macht in Polen festigen. Premier Donald Tusk hat durch moderate Politik die Hand der konservativen PiS in einem zunehmend europäisierten Land geschwächt. Die Vetomacht von Präsident Kaczynski war ihm in der Vergangenheit immer wieder ein Dorn im Auge. Gewinnt sein Parteifreund Komorowski nun die Wahl, könnte er leichter als bisher seine Politik durchsetzen. Durch eine Niederlage der PiS könnten zudem linke Parteien zurück auf die politische Bühne drängen, und der zuweilen sozialpolitisch linksorientierten PiS Stimmen wegnehmen. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2010)

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14 Postings
Nightstallion
00
23.4.2010, 09:42
"radikalliberale Janusz Korwin-Mikke"

Dass ich nicht lache. Für mich klingt der eher nach Rechtsaußen-Neoliberal...

Volksfront von Judäa
00
21.4.2010, 19:20
Besserer Titel: Der König ist tot! Es lebe der König! ;-)

Das fünfte Element
00
21.4.2010, 19:28
Spalter !

enemigo - formally known as "concept of the enemy"
00
22.4.2010, 21:09
Sie verwechseln mich mit der populären Front ;-)

byron sully
03
21.4.2010, 19:05
ein faktor

wurde da aber nicht berücksichtigt, nämlich daß es in polen ganze 100.000(!) unterstützungsunterschriften braucht (gemessen an der bevölkerungszahl ist das in etwa so, wie wenn in österreich ca. 20-25.000 verlangt würden). trotz dieser hohen hürde gibt es in polen bei präsidentenwahlen meist viel mehr kandidatInnen als bei uns (nämlich im schnitt ca. ein dutzend), aber diesmal ist die frist, in der die unterschriften gesammelt werden können, deutlich kürzer. da heißt, daß es für kandidatInnen von kleinparteien sehr eng werden könnte (einige haben bereits von sich aus verzichtet).

Wladimir Burdajewicz
 
01
21.4.2010, 22:27
Ja das stimmt, was Sie schreiben....

aber bekommt nicht ein Kandidat, falls er aus dem Parlament komm,t nicht einen Bonus an Unterschriften?. Leider habe da wenig Kenntnisse. Vielleicht wissen Sie was mehr?. Im übrigen verstehe auch nicht warum Dorn seine Kandidatur zurückgenommen hat.

byron sully
01
21.4.2010, 23:58
nein,

so gut kenne ich mich mit dem wahlrecht auch nicht aus. ich finde es aber interessant, daß man einerseits 100.000 unterschriften braucht, andererseits aber bei der letzten wahl 2005 gleich fünf von den zwölf weit unter 100.000 stimmen geblieben sind. was ich überhaupt nicht weiß: in österreich darf man nur für eine einzige person eine unterstützungserklärung abgeben (samt einer ganz komplizierten prozedur). vielleicht ist die regelung in polen viel einfacher? ich weiß es nicht.

aber so viel ich weiß, müssen die unterschriften bis zum 6.mai gesammelt sein. das sind nur noch zwei wochen! am ende könnten vielleicht wirklich nur komorowski, j.kaczynski(?), pawlak und der SLD-kandidat übrigbleiben (evtl. noch olechowski).

Wladimir Burdajewicz
 
00
22.4.2010, 07:53
Ich glaube, dass auch Marek Jurek....

seine Kandidatur nicht zurück genommen hat. Oder täusche ich mich?.

Nightstallion
00
23.4.2010, 09:43
Wladimir Burdajewicz
 
00
24.4.2010, 09:43
Danke für das Link, aber....

auch das ist auch nicht mehr aktuell. Die turbulente Tage in Polen bringen jeden Tag was Neues. In diesem Sinne.....

Nightstallion
00
24.4.2010, 12:30
Ja, hab gesehen, mittlerweile tritt er doch an.

byron sully
00
22.4.2010, 14:27

das wird sich wohl alles in den nächsten tagen klären.

Konrad Euler
00
21.4.2010, 23:33

glaube ich nicht. auch parteikandidaten müssen 100.000 unterstützungen zustande bringen - aber das gelingt mit dem apparat einfach leichter.

Wladimir Burdajewicz
 
00
22.4.2010, 07:57
glaube ich nicht. auch parteikandidaten müssen 100.000

Ja, das ist mir bekannt. Aber was ist mit einem Kandidaten der aus der Reihe der Parlamentarier kommt?. Hat er keine bevorzugte Stimme?.

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