Seine Wahlkampftour führte Heinz Fischer in die Grazer Innenstadt: Ein fröhlicher Präsident als Eisverkäufer, Publikumsliebling und Ziel manch grimmiger Kritik
Graz - "Kennen S' mich noch? Ich hab Sie damals mitg'nommen zur Mama" , ruft ihm der etwas untersetzte Bio-Standler vom Hauptplatz zu. Heinz Fischer überlegt. "Mama, hob ich g'sogt, schau wen ma da haben?" Jetzt hat's beim Bundespräsidenten geklingelt, wenn nicht, war's zumindest hochprofessionell gespielt.
"Und, wie geht's denn der Mama?" Schnurstracks trippelt er mit seinem Tross, der ihn Mittwochnachmittag zum Wahlkämpfen nach Graz gebracht hatte, zum Biostand. Heute leider ohne Mama. Dazwischen aber - es sind vielleicht gut 20 Meter dahin - sind etliche Hände zu schütteln, gilt es Passanten "Wie geht's? Wie geht's?" zuzurufen und dabei strahlend zu lachen. Dann plötzlich kommt aber wirklich Freude an der Kommunikation auf. Eine Gruppe Jugendlicher, Wiener Youngsters, die auf Projektwoche in der steirischen Landeshauptstadt ist, quert den Präsidentenweg hin zum Biostandl.
"Die sind aber höflich" , ist der Bundespräsident sichtlich erstaunt ob der Diskrepanz zwischen dem etwas aufmüpfig erscheinenden Outfits und der fröhlich-offenen Begegnungsweise. "Wollts a Eis?" Und schon fällt der Stopp beim Biostand nur kurz aus, und die um die Jugendlichen vergrößerte Wahlkampftruppe steuert den Eisstand des nach Amerika ausgewanderten Schwarzenegger-Freundes Charly Temmel an.
"Also ich find ihn echt sympathisch, ich hab ihn das erste Mal gesehen. A richtig netter Kerl" , sagt die 15 Jahre alte Alexandra. Dabei hat sie noch gar kein Eis bekommen.
Nur einmal muss sich der fröhliche Bundespräsident einem grimmig blickenden Zeitgenossen stellen. Ob er es denn verantworten könne, "nichts fürs Volk zu tun" , knurrte ihn der Mann mittleren Alters an. "Ich tu ja eh was fürs Volk" , flüstert er den Kritiker fast verschwörerisch an. "Na wirklich net" , wird der Grimmige immer grantiger. Und mit der geschmeidigen Bewegung einer Katze dreht sich Fischer um, lacht ihm freundlich zu - und weg ist er. Für solche Aussprachen ist jetzt einfach keine Zeit, die Fans beim Eisstand warten.
"Margit, Margiiit, Margiiiiit" , sucht Fischer verzweifelt seine Präsidentengattin. Eine weitere Gruppe Jugendlicher hat ihn in ein Gespräch verwickelt.
Schwedisch für Norweger
Nur: Er versteht kein Wort. Margit muss aushelfen. Es ist eine Schülergruppe aus Norwegen. Und Margit kann Schwedisch.
Fischer spaziert die Schanigartenmeile entlang, Handys werden zwecks Ablichtung des Präsidenten gezückt, und er genießt die Sonne und Zurufe: "Alles Guate!" "Viel Glück, Herr Bundespräsident!" "Ich halt die Daumen." Auf der Höhe des Landhauses, dort wo der Landtag tagt und die Landesräte residieren, kommt ihm SPÖ-Umweltlandesrat Manfred Wegscheider entgegen: "Servas, wennst schon einmal da bist, hab ich mir gedacht, muss ich einfach runterkommen."
Fischer kann sich zu diesem Zeitpunkt nicht nur über seine Grazer Fans freuen. Fast zeitgleich läuft über die Agenturen, dass auch eine bekannter ehemaliger ÖVP-Politiker zu seinen großen Befürwortern zählt. Der seinerzeitige ÖVP-Klubchef Heinrich Neisser ist dem Personenkomitee für Fischer beigetreten. "Ich unterstütze Dr. Heinz Fischer, weil Österreich Stabilität, verantwortungsvolle Haltung und Vernunft für die Zukunft in Europa braucht" , sagte Neisser - der seine Partei wegen deren "Weißwähl-Haltung" kritisiert.
Fischers Gegenkandidatin Barbara Rosenkranz muss sich dagegen auf weitere Proteste einstellen. Nachdem sie bei ihren öffentlichen Auftritten, zuletzt auch in Graz, mit heftiger Kritik konfrontiert war, wird sie auch bei ihrer Abschlusskundgebung am Freitag auf dem Wiener Ballhausplatz mit einer Gegendemo rechnen müssen. Mehrere linke Gruppen haben sich für einen Protestmarsch und eine Kundgebung auf Heldenplatz zusammengeschlossen. (Walter Müller, DER STANDARD, Printausgabe, 22.4.2009)