Abgelaufen: Noch essen oder entsorgen?

  • 1999 ist wohl schon zu lange her - doch abgelaufene Ware kann durchaus noch genussfähig sein
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    1999 ist wohl schon zu lange her - doch abgelaufene Ware kann durchaus noch genussfähig sein

Mit offener Nase, Mund und Augen sollte man sich abgelaufener Ware nähern

In den Müll schmeißen oder doch noch essen? Das Verhältnis zu abgelaufenen Lebensmitteln ist ein zwiespältiges. Was der eine noch tadellos findet, ruft beim anderen schon leise Ekelgefühle nur beim Gedanken an das Ablaufdatum hervor. Eine Faustregel dafür wie lange Waren ohne Gesundheitsrisiko konsumierbar sind, gibt es zwar nicht, doch ist gesunder Menschenverstand und die so genannte grob-sensorische Prüfung beim Abwägen hilfreich.

Das Bewusstsein dafür wie lange Lebensmittel halten, beginnt schon beim Einkauf. Damit Produkte nicht zuhause im Kühlschrank oder im Vorratsschrank überlagern, gilt es die richtige Menge einzukaufen und schon im Geschäft auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu achten oder auf das Verbrauchsdatum zu schauen. Sind die Lebensmittel aber buchstäblich schon von gestern, sollte man sich am besten auf die eigenen Sinne verlassen.

Mindestens haltbar bis...

Ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum bedeutet nämlich nicht, dass ein Produkt schlecht ist. Die Betonung liegt auf "mindestens": bis zu mindestens jenem Datum auf der Verpackung garantiert der Hersteller für sicheren Genuss. "Bis dahin muss die Ware ihre spezifischen Eigenschaften behalten: Aussehen, Geschmack, Geruch, Textur, Knackigkeit und das Gefühl beim Hineinbeißen", weiß Rochus Nepf, Bereichsleiter Lebensmittel der AGES (Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit). Nepfs Aufgabe ist die amtliche Kontrolle der Mindesthaltbarkeitsdaten. Stichprobenartig werden einzelne Produkte eingekauft und vorschriftsgemäß bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum gelagert. Anschließend untersucht die AGES die Lebensmittel mikrobiologisch, sensorisch und chemisch.

Zu verbrauchen bis...

Wichtig ist der Unterschied zum Verbrauchsdatum. "Zu verbrauchen bis" sind Lebensmittel, die leicht verderblich sind wie Fisch, zerkleinertes Fleisch oder Faschiertes. "Sind diese Waren abgelaufen, sollten sie auf keinen Fall mehr verzehrt werden, auch wenn sie noch gut ausschauen", warnt Nepf. Der Grund: sie sind mikrobiell leicht verderblich - eine Gefahr für die Gesundheit.

Worauf achten?

Eine Grundbedingung, damit das Mindesthaltbarkeitsdatum auch erreicht werden kann, ist die richtige Lagerung: Hinweise wie 'gekühlt', 'trocken und dunkel lagern' haben einen Sinn. Auch die Tatsache ob ein Produkt schon geöffnet wurde, wirkt sich aus - der Hersteller garantiert die Mindesthaltbarkeit nur bei ungeöffneten Lebensmitteln. Das Lebensmittel selber ist auch ausschlaggebend dafür, wie lange es nach dem Ablaufdatum genossen werden kann. Schon aufgrund dieser drei Faktoren ist es schwierig eine Faustregel dafür aufzustellen und ist Eigenverantwortung gefragt.

Einer Konserve, die ein, zwei Jahre haltbar ist, werden ein, zwei Monate über dem Mindesthaltbarkeitsdatum nicht viel anhaben. Bei einem Fruchtjoghurt werde es hingegen eher nur wenige Tage Toleranzzeit sein. Darüber, wie lange einzelne Produkte genießbar sind, kann auch der Lebensmittelexperte keine allgemein gültigen Aussagen treffen, sondern nur seine persönliche Einschätzung wiedergeben: "Bei allem, das im Kühlschrank lagert, sollte man sehr aufmerksam sein, rohe Eier auf keinen Fall überlagern. Ansonsten heißt es mit offener Nase, Augen und Mund heran gehen." Trocken, kühl und original verpackt gelagerten Nudeln könnten ein paar Monate mehr nicht viel anhaben, bei Mehl gelte es auf Vorratsschädlinge zu achten. Nach ein, zwei Monaten seien aber möglicherweise die Backeigenschaften nicht mehr so gegeben wie normal. Bei Bier seien auch ein, zwei Monate im Rahmen, allerdings sei mit Geschmacksveränderungen zu rechnen. Übrigens: weiß angelaufene Schokolade ist nicht schimmlig, sondern falsch gelagert - die Kakaobutter hat durch Schmelzen und erneutes Erstarren sichtbare Kristalle gebildet. "Das ist gesundheitlich unbedenklich, geschmacklich und optisch aber nicht so optimal", so Nepf.

Reduzierte Ware

Dass Supermärkte abgelaufene Waren zum reduzierten Preis verkaufen, ist völlig legal. Wichtig ist dabei die richtige, allgemein verständliche Kennzeichnung. Allerdings ist Umpacken verboten und ebenso der Verkauf von Waren mit abgelaufenem Verbrauchsdatum.

Vertrauenssache

Bevor die Lebensmittelkennzeichnungsverordnung das Mindestverbrauchsdatum gesetzlich festgelegt hat, hat es keine Angaben dazu auf den Waren gegeben. Die Großmutter wusste aus Erfahrung wie lange Marmelade haltbar ist. "Im Unterschied zu heute war man früher viel näher an den Lebensmitteln dran. Heute ist man auf die Angaben des Herstellers angewiesen", so Nepf. Gerade deswegen ist die korrekte Angabe so wichtig. Vorsicht ist besonders bei abgepacktem Grillfleisch im Sommer geboten, Zutaten wie Marinade und Gewürze dienen nämlich nicht einer Haltbarkeitsverlängerung.

Stoßen die Lebensmittelexperten der AGES auf unwahre Mindesthaltbarkeitsdaten, wird die Ware beanstandet. "Das ist Irreführung des Verbrauchers", erklärt Nepf. Die Lebensmittelaufsicht bekommt das Gutachten in weiterer Folge und setzt entsprechende Maßnahmen beim Hersteller - das passiert auf Länderebene. Bei gesundheitsschädlichen Produkten ist der Lebensmittelunternehmer verpflichtet, von sich aus die Ware vom Markt zu nehmen oder die Bevölkerung zu warnen. (derStandard.at, 22.4.2010)

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