Zweifel an Bedeutung kleiner Klassen

Sebastian Pumberger, 22. April 2010, 10:19
  • "Der gesunde Menschenverstand sagt, dass kleinere Klassen besser wären, 
aber der gesunde Menschenverstand hat im Mittelalter auch gesagt, wir 
müssen rothaarige Frauen verbrennen, damit die Kühe in der Nachbarschaft
 nicht krank werden", so Bos gegenüber derStandard.at.
    foto: privat

    "Der gesunde Menschenverstand sagt, dass kleinere Klassen besser wären, aber der gesunde Menschenverstand hat im Mittelalter auch gesagt, wir müssen rothaarige Frauen verbrennen, damit die Kühe in der Nachbarschaft nicht krank werden", so Bos gegenüber derStandard.at.

Deutsche Studie behauptet: Stresslevel für Lehrer bleibt gleich - Qualität des Unterrichts hänge nicht von Klassengröße ab

In der Bildungspolitik gibt es ein beständiges Mantra: Kleinere Klassen führen zu einem besseren Bildungssystem und zu einem stressfreieren Arbeiten für Lehrerinnen und Lehrer. In Deutschland hat nun eine Gruppe von Pädagogen rund um Wilfried Bos, Professor am Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund, eine Studie veröffentlicht, die genau das Gegenteil aussagt.

"Klassengröße unabhängig zu erbrachten Leistungen"

Ausgehend von den Daten der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) aus dem Jahr 2006 haben die Wissenschaftler die Lesefähigkeit am Ende der 4. Schulstufe anhand von 300 Klassen untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Klassengröße keinen Einfluss auf die Leistung der SchülerInnen hat. Dies sei jedoch nicht überraschend, meint Wilfried Bos im Gespräch mit derStandard.at. Schon seit 15 Jahren gäbe es hierzu Studien, die verschiedene Fächer und Alterskohorten untersuchen: Diese kämen fast alle zu einem Ergebnis: "Die Klassengröße variiert innerhalb eines gewissen Spektrums unabhängig von den erbrachten Schülerleistungen", sagt Bos.

In Österreich hat im Jahr 2007 eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) festgestellt, dass Faktoren wie Klassengröße, Unterrichtszeit oder Ausbildung der Lehrer "keine große Rolle für die Kenntnisse der Schüler spielen". Dagegen hätten - so das IHS - andere Faktoren wie familiäre Situation, sozialer Hintergrund, Auswahl der Lehrer, Zusammensetzung der Schulklassen einen viel größeren Einfluss.

"Stress wird nicht anders erlebt"

Die deutschen Wissenschaftler untersuchten jetzt zusätzlich, wie sich die Klassengröße auf die Arbeitsbedingungen der LehrerInnen auswirkt und kamen zu einen überraschenden Ergebnis: "Der Stress wird nicht anders erlebt, wenn die Klasse groß oder klein ist", so Bos. „Wenn Lehrer individualisieren, dann tun sie das unabhängig von der Klassengröße oder sie tun es nicht".

Die Klassengröße der untersuchten Schulen lag zwischen 16 und 35 SchülerInnen. "Bei Klassen über 35 hört es dann auf Spaß zu machen und unter 16 hat es stark positive Effekte", so Bos. Ob eine Klasse 22, 24 oder 26 SchülerInnen habe, spiele jedoch keine Rolle. Aber auch die Qualität des Unterrichts der Lehrer leide nicht unter der Klassengröße, so das Ergebnis der für Deutschland repräsentativen Studie.

Förderunterricht statt kleinerer Klassen

In Österreich liegt laut der letzten OECD-Studie "Education at a Glance" die Klassengröße im Jahr 2007 in der Volksschule bei 19,9 Kindern (OECD-Schnitt: 21,4) und im Sekundarbereich I (Hauptschule, AHS-Unterstufe) bei 24,1 Kindern (OECD-Schnitt: 23,9). 

Als Alternative zur Investition in kleinere Klassen schlägt Bos - so wie in Skandinavien üblich - die Anstellung von "Co-Teachern" vor. Diese zusätzlichen Lehrkräfte könnten sowohl die schwächsten als auch für die besten SchülerInnen fördern, beispielsweise durch zusätzliche Materialien während einer Stunde oder besondere Förderung einzelner in Kleingruppen außerhalb des Klassenverbands.

Politik agiert "populistisch"

Die Politik zeigt sich von dieser oder ähnlichen Studien unbeeindruckt, die Senkung der Klassenschülerhöchstzahl wird nicht zuletzt von Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) als Perspektive genannt. Ob Politiker diese Ansichten im Wissen der Studien oder nicht tun, will Bos nicht beurteilen, in jedem Fall sei es "populistisch".

Auf einer Wahlversammlung mache man sich einfach beliebt, wenn man vor hundert Eltern kleinere Klassen fordere. "Der gesunde Menschenverstand sagt, dass kleinere Klassen besser wären, aber der gesunde Menschenverstand hat im Mittelalter auch gesagt, wir müssen rothaarige Frauen verbrennen, damit die Kühe in der Nachbarschaft nicht krank werden", so Bos gegenüber derStandard.at. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 22.4.2010)

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Ich hatte mal eine Klasse mit 38 SchülerInnen

1/3 hat aktiv teilgenommen
1/3 hat gestört
1/3 hat geschlafen

Diese Aufteilung wird wahrscheinlich überall gleich sein, nur 13 störende SchülerInnen sind halt ungleich viel lauter als 7.

Ich hatte einmal ca. 30 Lehrerkolleg/inn/en.

1/3 war gestört
1/3 hat largiert
1/3 hat wie verrückt gearbeitet.

Von den Largierern wurden einige Schulleiter, von den gest*rten wurde eine Schulpsychologin.

Die anderen hackeln noch immer.

ein vor essentiellen informationen strotzender beitrag zur allgemeinen diskussion.

allerdings (wenn auch etwas beängstigend) gut vorstellbar... ;)

und in welcher dieser gruppen haben sie ihren platz gefunden?

Entschuldigen Sie den Mangel an Ernst.

Die Antwort auf diese Frage muss ich -- wie so viele -- schuldig bleiben.

ich kann mich an zeiten erinnern, da wurde bereits bei 20 schülern unbürokratisch geteilt, heute sind knapp 30 schüler pro klasse keine seltenheit.

irgendwann kommt dann der crash, man hat zu große klassen, eine überalterte und teure personalstruktur (2/3 immer knapp am burnout) und bekommt nur noch junglehrer ohne wissen, weil das ministerium seit 15 Jahren auf Teufel komm raus spart (Wissenschaft UND Bildung)

die frage, ob das österreichische bildungswesen damals oder heute besser war, ist eine rein rhetorische...

Sie finden sofort ein Gegenbeispiel...

... wenn Sie an den Fremdsprachenunterricht denken! Sitzen dreißig Schüler in der Klasse, geht die Sprechzeit des einzelnen gegen null Minuten, sitzen 10 Kinder in der Gruppe, kommt jedes Kind in einer Stunde öfters zu Wort. Und Fremdsprachen lernt man auch durch das Kommunizieren dieser selbst.

Abgesehen davon, sicher ist es ein Unterschied, ob ein Lehrer 25 Deutschschularbeiten korrigieren muss oder 30. Es ist zumindest eine Entlastung.

Aber man will die Klassenschülerhöchstzahlen einfach nicht senken, das wird schon seit Gusenbauer (wenn nicht sogar schon früher) versprochen.

Wie bereits mehrfach bemerkt, ist es kein Zufall,

dass sich Bos auf den Erwerb der Leseleistung bezieht. Natürlich funktioniert das Lesenlernen auch in größeren Gruppen, wenn die Kinder einigermaßen sozialisiert sind.

"Aktive" Kompetenzen wie schriftlicher Ausdruck erfordern dagegen sehr viel mehr Interaktion mit der Lehrkraft. Und dass die in Klassen jenseits der 30 gering ausfallen wird, sollte sogar einem Bildungswissenschaftler klar sein.

Hier dürfte doch das gewünschte Ergebnis die wissenschaftliche Methodik begünstigt haben.

Das stimmt mit Sicherheit nicht.

Ich glaube nur der Studie, die ich selbst gefälscht habe:
Während die anderen aus meiner Klasse auf Schulschikurs waren, habe ich im Ersatzunterricht, wo immer grad eine Hand voll Schüler saßen, mit ausgesprochen entspannten, netten Lehrern (die selben wie sonst, ich hab sie wiedererkannt) den Lernstoff des gesamten vergangenen Halbjahres gelernt, und das in allen Fächern - leider zu spät fürs Halbjahrszeugnis.

"Bei Klassen über 35 hört es dann auf Spaß zu machen und unter 16 hat es stark positive Effekte", so Bos.

Das bedeutet für mich:

Klassengrößen bei maximal 25-30 Schüler belassen.
An Schulen mit mehreren "Problmschülern" sollte die Klassengröße auf um die 15 begrenzt sein (stark positive Effekte).

verhaltensauffällige schüler

können in größeren klassen von mitschülern gebremst werden, da mucken manche nicht auf. in kleingruppen, wo sie keine gegner haben, sind die selben schüler unerträglich. es ist alles sehr kompliziert. der das sagte, hat der schule u. a. auch das eingebrockt.

Ich habe da andere Erfahrungen. Verhaltensauffällige Schüler sind in großen Klassen noch auffälliger, weil sie das Publikum brauchen. In kleinen Gruppen sind sie oft viel umgänglicher und lernbereiter.

Trotz so mancher Polemik, die ich unten lese, ist es trotzdem interessant was da rausgekommen ist. Statistisch gibt es anscheinend keinen Unterschied, ob ein Schüler mit 19 oder 29 Mitschülern in einer Klasse sitzt wenn man rein seine Leistung betrachtet.

Dass Lehrer natürlich trotzdem stressfreier in einer kleinen Klasse unterrichten als in einer großen und vileleicht auch das Gefühl haben, dass mehr weitergeht, kann ich mir schon vorstellen. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass in einer kleineren Klasse so manche Schüler einfach nur besser verschleiern, dass sie nix tun ... ;)

Polemisch sind vor allem die Schlüsse, die Bos aus dem Datenmaterial zieht.

Während er einerseits behauptet, die Schülerzahl sei wenig relevant, zieht er eine sehr klare (und völlig willkürliche) Grenze, ab der die Gruppengröße zu hoch wäre.

Ausgehend von einem Test über Lesefähigkeit auf den gesamten Schulbetrieb zu schließen ist unseriös. Schließlich muss man wirklich nur den Alltagsverstand bemühen, um zu verstehen, dass Arbeit in der Werkstätte mit 8 Schülern schwierig, mit 15 jedoch unmöglich ist.

Tatsächlich hängt die erträgliche Schülerzahl unmittelbar mit der Art der Schule, dem Gegenstand und zahlreichen anderen Faktoren zusammen.

Einen qualitativ guten, individualisierten Deutschunterricht mit 36 Schülern in 2 Wochenstunden zu machen ist unmöglich, u. A. daher Dropouts bei 60% (Modell: HTL).

Also, ich habe die Erfahrung gemacht, dass die HTL-Drop-outs massiv von den Lehrern herbeigeführt wurden, sogar mit der Offenheit den Schülern mitzuteilen, sie wären nach der zweiten Klasse immer noch zuviele! Zitat: "5, 6 von Euch schieß ma noch ab, so a große Klass hamma scho lang nimma ghobt!" Damals waren es noch 25 von 36. Bei der Matura nur noch 17, also sehr effektiv das ganze!

Ja, eh.

Und nächste Woche schieße ich mir noch ein paar heraus.

Solche Gschichtln hört man immer wieder. Das Gegenteil ist plausibel: Der Druck der Kollegenschaft wirkt eher in Richtung Durchdrücken um jeden Preis, da kleinere Klassen den Verlust von Gruppenteilungen bedeuten.

Schule, Lehrer, Datum, Uhrzeit einiger solcher Aussagen wurden aufgrund von mehreren (erfolgreichen) Noteneinsprüchen beim zuständigen LSR dokumentiert, sowie die durchschnittlichen Schularbeitenergebnisse der Klasse (zw. 4,2 und 4,4).

Gibt´s nicht? Dann sollten sie bei ihrem LSR nachfragen. Laut Bundeselternvertretungen gibt es einige solcher durchgestrittenen Fälle in jedem Bundesland.

Es gibt pro Schule jedes Jahr ein, zwei Einsprüche, doch

zig Droppouts. Was einzelne Lehrer so von sich geben, ist haarsträubend. Dass in Konferenzen massiv Druck in Richtung "Durchlassen" ausgeübt, dürfte dann zahlenmäßig eher ins Gewicht fallen.

1.) Nein, die Grenze ist einfach deswegen so gezogen, weil man innerhalb dieser Grenzen getestet hat. Man kann nunmal keine Klassengröße von 100 testen, weil das in der Praxis nicht vorkommt. Die Aussage der Studie ist ja gerade, dass es innerhalb dieses Bereiches zu keinen statistisch signifikanten Unterschieden in der Leseleistung kam.

2.) Natürlich können Ergebnisse für andere Fächer ganz anders aussehen.

3.) Wie meinen Sie das mit HTL-Dropouts?

Die größten Mängel dieser Studie liegen m. E. nicht darin,

dass nur Klassengrößen untersucht wurden, die realistisch sind.

Allerdings gibt es keinen Anlass, zu glauben, dass Lesenlernen ein gültiges Paradigma für jeden Bereich des Deutschunterrichts, bzw. des Unterrichts an sich ist.

Bei der Textproduktion sieht's da schon anders aus. (So war auch mein Beispiel gemeint: 36 Schüler, 2 Wochenstunden, vom Fast-Analphabeten bis zum feinsinnigen Stilisten alle in einem zu engen Raum -- da ist kein Raum für das Nachlernen der Grundfertigkeiten wie sinnerfassendes Lesen, Verfassen von lesbaren Texten usw.)

Wenn schon, dann sagt die Studie gerade einmal aus, dass gut vorbereitete und sozialisierte Volksschulkinder auch in größeren Klassen Lesen lernen.

Wow, was für eine Erkenntnis.

1.) Das ist kein "Mangel", weil es im Rahmen dieses Setups gar nicht möglich ist Klassengrößen zu untersuchen, die es gar nicht gibt.

2.) Natürlich ist Lesenlernen nicht alles, hab ich ja oben schon gesagt.

3.) Die Studie sagt genau das aus was auch oben steht: "Zweifel(!!!) an Bedeutung kleiner Klassen". Es geht hier um das Wort Zweifel. Niemand in der Studie behauptet, dass das jetzt die neue Erkenntnis ist und dass das universell anwendbar ist. Aber so ist eben auch Wissenschaft: Man macht eine Studie, wo was Unerwartetes rauskommt und dann muss man dem nachgehen und sehen wo dieses Ergebnis herkommt, warum es dieses Ergebnis gibt und wie es verallgemeinert werden kann (wenn überhaupt).

Ersteres

1. war ironisch gemeint. No naa wird er Klassengrößen untersuchen, die es wirklich gibt.

2. Genau das ist aber das Problem. Er schließt (übrigens nicht zum ersten Mal, da er mit der Geschichte schon seit geraumer Zeit durch die Landes zieht) von einem Sonderfall des Unterrichts auf die in klingende Münze umsetzbare Einsparformel.

3. Die Studie selbst sagt -- sofern sie jemand liest -- tatsächlich nicht viel aus. D a s allerdings kratzt in der medialen Öffentlichkeit allerdings niemanden. Und verallgemeinert wird so etwas auf Teufel komm raus.

Ich erinnere an die dialektische Meisterleistung unseres allseits beleibten DDr Haider, der aus derselben Studie ableitete, die Deutschnoten in der Volksschule wären generell ungerecht.

Aber um solche Probleme kümmere ich mich nicht und werde ich auch nicht. Wissenschaftler brauchen ihre Erkenntnisse nicht zurückhalten, nur weil sie vielleicht von Politikern oder Wählern oder wemauchimmer falsch verstanden oder ausgelegt werden. Aber in Wirklichkeit machen doch Politiker sowieso nur was sie wollen: Wenns eine Studie gibt, die man irgendwie missinterpretieren kann, sodass sie den eigenen Standpunkt wiedergibt, gut, wenn nicht, dann wird die Wissenschaft eh nicht gebraucht.

Ich kümmere mich um solche Ergebnisse besonders, wenn sie

von den verantwortlichen Experten selbst nahegelegt werden.

Gefälligkeitsgutachter und Werber in eigener Sache sind als Wissenschaftler nicht, als Blödmacher jedoch sehr wohl ernst zu nehmen.

Bildungsdiskussionen verlaufen hierzulande ohnehin auf Kellerniveau. Da soll man zumindest widersprechen, wenn wieder jemand bequeme Halbwahrheiten hinausposaunt.

Natürlich, man kann gerne alles kritisieren was kritisierbar ist. Und man kann zurecht auch sagen, dass man die Politik wegen EINER Studie, die in eine solche Richtung geht nicht gleich umzustellen braucht. Ich verteidige nur die Studie per se nicht sämtliche Implikationen, die man daraus ableiten könnte.

Umgekehrt wird ein Schuh draus:
in einer großen Klasse kann ein Schüler in der Masse ganz leicht abtauchen und muss nur bei Schularbeiten darauf achten, nicht negativ aufzufallen.
In großen Klassen kommt es immer wieder vor, dass beim Elternsprechtag Lehrer die Namen der Schüler weder mit einem Gesicht noch mit einer Leistung in Verbindung bringen können und hektisch in den Unterlagen zu suchen beginnen.
Das firmiert dann unter Individualisierung ...

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