Deutsche Studie behauptet: Stresslevel für Lehrer bleibt gleich - Qualität des Unterrichts hänge nicht von Klassengröße ab
In der Bildungspolitik gibt es ein beständiges Mantra: Kleinere Klassen führen zu einem besseren Bildungssystem und zu einem stressfreieren Arbeiten für Lehrerinnen und Lehrer. In Deutschland hat nun eine Gruppe von Pädagogen rund um Wilfried Bos, Professor am Institut für Schulentwicklungsforschung der Technischen Universität Dortmund, eine Studie veröffentlicht, die genau das Gegenteil aussagt.
"Klassengröße unabhängig zu erbrachten Leistungen"
Ausgehend von den Daten der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) aus dem Jahr 2006 haben die Wissenschaftler die Lesefähigkeit am Ende der 4. Schulstufe anhand von 300 Klassen untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Klassengröße keinen Einfluss auf die Leistung der SchülerInnen hat. Dies sei jedoch nicht überraschend, meint Wilfried Bos im Gespräch mit derStandard.at. Schon seit 15 Jahren gäbe es hierzu Studien, die verschiedene Fächer und Alterskohorten untersuchen: Diese kämen fast alle zu einem Ergebnis: "Die Klassengröße variiert innerhalb eines gewissen Spektrums unabhängig von den erbrachten Schülerleistungen", sagt Bos.
In Österreich hat im Jahr 2007 eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) festgestellt, dass Faktoren wie Klassengröße, Unterrichtszeit oder Ausbildung der Lehrer "keine große Rolle für die Kenntnisse der Schüler spielen". Dagegen hätten - so das IHS - andere Faktoren wie familiäre Situation, sozialer Hintergrund, Auswahl der Lehrer, Zusammensetzung der Schulklassen einen viel größeren Einfluss.
"Stress wird nicht anders erlebt"
Die deutschen Wissenschaftler untersuchten jetzt zusätzlich, wie sich die Klassengröße auf die Arbeitsbedingungen der LehrerInnen auswirkt und kamen zu einen überraschenden Ergebnis: "Der Stress wird nicht anders erlebt, wenn die Klasse groß oder klein ist", so Bos. „Wenn Lehrer individualisieren, dann tun sie das unabhängig von der Klassengröße oder sie tun es nicht".
Die Klassengröße der untersuchten Schulen lag zwischen 16 und 35 SchülerInnen. "Bei Klassen über 35 hört es dann auf Spaß zu machen und unter 16 hat es stark positive Effekte", so Bos. Ob eine Klasse 22, 24 oder 26 SchülerInnen habe, spiele jedoch keine Rolle. Aber auch die Qualität des Unterrichts der Lehrer leide nicht unter der
Klassengröße, so das Ergebnis der für Deutschland repräsentativen
Studie.
Förderunterricht statt kleinerer Klassen
In Österreich liegt laut der letzten OECD-Studie "Education at a Glance" die Klassengröße im Jahr 2007 in der Volksschule bei 19,9 Kindern (OECD-Schnitt: 21,4) und im
Sekundarbereich I (Hauptschule, AHS-Unterstufe) bei 24,1 Kindern
(OECD-Schnitt: 23,9).
Als Alternative zur Investition in kleinere Klassen schlägt Bos - so wie in Skandinavien üblich - die Anstellung von "Co-Teachern" vor. Diese zusätzlichen Lehrkräfte könnten sowohl die schwächsten als auch für die besten SchülerInnen fördern, beispielsweise durch zusätzliche Materialien während einer Stunde oder besondere Förderung einzelner in Kleingruppen außerhalb des Klassenverbands.
Politik agiert "populistisch"
Die Politik zeigt sich von dieser oder ähnlichen Studien unbeeindruckt, die Senkung der Klassenschülerhöchstzahl wird nicht zuletzt von Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) als Perspektive genannt. Ob Politiker diese Ansichten im Wissen der Studien oder nicht tun, will Bos nicht beurteilen, in jedem Fall sei es "populistisch".
Auf einer Wahlversammlung mache man sich einfach beliebt, wenn man vor hundert Eltern kleinere Klassen fordere. "Der gesunde Menschenverstand sagt, dass kleinere Klassen besser wären, aber der gesunde Menschenverstand hat im Mittelalter auch gesagt, wir müssen rothaarige Frauen verbrennen, damit die Kühe in der Nachbarschaft nicht krank werden", so Bos gegenüber derStandard.at. (Sebastian Pumberger, derStandard.at, 22.4.2010)