Wegen der anhaltenden Beeinträchtigungen im Flugverkehr könnten die Preise für Flugtickets steigen
Erfurt/Wien - Nach Ansicht des Wifo-Ökonomen Markus Marterbauer lassen sich durch die Vulkanasche-Flugverbote "derzeit überhaupt keine größeren Auswirkungen auf die Volkswirtschaft" erkennen. Laut Marterbauer gäbe es keinerlei Grund über eine Revision der Konjunkturprognose nachzudenken. Die Zahlen über "Flugaschen-Wirtschaftsfolgen", die aktuell kursieren, seien "extrem unseriös", wie Marterbauer laut "Salzburger Nachrichten" sagt.
In weiten Teilen der Wirtschaft gäbe es derzeit ungenützte Kapazitäten, so Marterbauer. In einer Situation der Unterauslastung könnten daher temporäre Produktionsausfälle später wieder gutgemacht werden, jedenfalls im Frachtbereich. Das gelte nicht nur für den Bereich der Luftfracht, sondern für das gesamte Transportgewerbe, so der Wifo-Ökonom laut dem Bericht. Es sei daher fraglich, ob es überhaupt einen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum geben werde, so Marterbauer.
Ähnlich argumentiert auch der Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV), Christian Helmenstein. Der BIP-Beitrag der Luftverkehrs-Dienstleistungen läge bei nur 0,25 Prozent. Bei 610 Mio. Euro jährlicher Wertschöpfung, seien dies pro Tag 2 Mio. Euro Verlust, denen aber gegenläufige Effekte etwa bei alternativen Verkehrsmitteln (Straßenverkehr, Mietwagen, Bahn) gegenüberstünden. Für einzelne Unternehmen könnten längere Flugverbote aber durchaus "existenzbedrohend" sein, etwa in dem primär betroffenen europäischen Luftfahrtsektor, der ohnedies kapitalschwach sei. Hier könnten schon nach ein bis zwei Wochen liquiditätsbedingte Insolvenzen drohen, meinte der Experte.
Preiserhöhungen möglich
Für Konsumenten könnte das ein bisschen anders aussehen, zumindest wenn es nach dem deutschen Luftfahrtexperten Cord Schellenberg geht. Wegen der anhaltenden Beeinträchtigungen im Flugverkehr rechnet der Mann mit leichten Preiserhöhungen bei Flugtickets. "Die Preise könnten um durchschnittlich drei bis vier Euro ansteigen", sagte er der "Thüringer Allgemeinen".
Stärkere Preiserhöhungen wären für die Fluggesellschaften aufgrund des intensiven Wettbewerbs eher kontraproduktiv - wer seine Tickets zu teuer anbiete, habe keine Chance, sie auch loszuwerden. "In der heterogenen Luftfahrtbranche geht es anders zu als bei den Tankstellenbetreibern, die die Benzinpreise immer gleich stark anheben und senken", erklärte Schellenberg.
Billigaangebote
Sollten einige der 166 beim Deutschen Luftfahrtbundesamt gemeldeten Unternehmen Konkurs anmelden müssen, könne der Preisanstieg bei Flugtickets allerdings höher ausfallen: Dann gebe es weniger Wettbewerber, die eventuell mit Billigangeboten Kunden locken wollten.
Größtes Problem für die Fluggesellschaften sei derzeit ein gewisser Vertrauensverlust: "So lange sich die Passagiere nicht hundertprozentig darauf verlassen können, dass sie mit dem Flugzeug ihr Ziel erreichen, steigen sie auf die Bahn um", sagte Schellenberg. Langfristig seien aber keine negativen Auswirkungen für die Branche zu befürchten. Die deutsche Air Berlin schließt jedenfalls nicht aus, um Staatshilfen anzusuchen. "Wenn wir zum Normalbetrieb zurückgekommen sind, werden wir sicherlich ein Fazit ziehen und dann werden wir gucken, ob wir hier nicht eine vergleichbare Situation mit den Terroranschlägen vom September 2001 haben", sagte der Vorstandsvorsitzende Joachim Hunold auf die Frage, ob das Unternehmen Staatshilfe beantragen werde. "Tatsache ist, dass wir hier riesige Verluste erleiden."
Österreich evaluiert Schäden
In Österreich schließt Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) finanzielle Entschädigungen für die Ausfälle der Airlines aufgrund der Vulkanasche nicht aus. Derzeit werde der durch die Luftraumsperre entstandene wirtschaftliche Schaden erhoben, sagte er. Gelassen zu den angedrohten Schadenersatzklagen durch die Fluglinien zeigte sich Verkehrsministerin Doris Bures (SPÖ). Bures betonte einmal mehr, dass es keine Kompromisse geben könne, wenn es um die Sicherheit der Passagiere gehe. "Man kann nicht in die Knie gehen, wenn es um Menschen geht."
Mitterlehner erklärte, dass es in Sachen Schadenersatz ein EU-weites Vorgehen geben werde. Grundsätzlich sei aber bei Schuldzuweisungen Vorsicht angebracht. Wie groß der wirtschaftliche Schaden durch die Luftraumsperre tatsächlich ist, werde derzeit evaluiert.Die Steuerprivilegien der Luftfahrt gehören abgeschafft und nicht ausgeweitet, kritisiert hingegen die Verkehrssprecherin der Grünen Gabriela Moser Mitterlehners Überlegungen. Der breiten Masse Steuererhöhungen in Milliardenhöhe anzukündigen, zugleich das Geld schon wieder mit lockerer Hand zu verschenken, sei eine Provokation für alle Steuerzahler, sagt die Grüne Verkehrssprecherin.
Erholung am Boden
Erholt haben sich heute Luftfahrtaktien wie die der Lufthansa und Air Berlin. An der deutschen Börse Frankfurt gehörten heute auch Papiere des Flughafenbetreibers Fraport gehörten zu den Favoriten. Die Titel konnten sich zum Teil von ihren Vortagesverlusten erholen. (APA/red)