Sudan

Eine Wissenschaft unter dem Druck der Staudämme

19. April 2010, 18:57
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    foto: san bughet

    Ein Standort der Pyramiden von Meroe.

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Abteilung für Sudanforschung an der Uni Wien beschäftigt sich mit der afrikanischen Superpower Kusch

Wien - Österreicher hielten sich im Sudan schon in den 1830ern auf: Der osmanische Pascha Ägyptens, Mehmed Ali, hatte österreichische Bergbauexperten eingeladen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte ein Strom von Besuchern aus der Donaumonarchie - und ihrer Berichte - ein. 1851 wurde in Khartum ein k.u.k. Konsulat eingerichtet, und die privaten ethnografischen Sammlungen in Khartum wirkender Diplomaten gehören heute zu den ältesten Afrikabeständen des Museums für Völkerkunde (typischerweise befassten sich hingegen Missionare als erste mit den afrikanischen Sprachen).

Viele Berichte von Reisenden bezogen sich auf die Relikte von Meroe, 180 km nördlich von Khartum gelegen, von Europäern wiederentdeckt, die an der osmanisch-ägyptischen Eroberung des Sudan 1820/21 teilnahmen. Meroe war die Hauptstadt des Reichs von Kusch, 900 vor bis 350 nach Christus, einer echten Supermacht, deren Herrscher zwischen 715 und 664 als nubische oder "schwarze Pharaonen" auch Ägypten regierten. International bekannt sind am ehesten die "nubischen Pyramiden" , 900 Grabmäler, die an vier Standorten von 300 vor bis 300 n. Chr. errichtet wurden. Im Louvre in Paris läuft übrigens soeben die Ausstellung Meroe, Empire on the Nile.

An der Universität Wien wurde die Meroitistik - die nach Meroe benannte Erforschung der Hochkultur - eingerichtet, nachdem sich 1978 Ägyptologie und Afrikanistik getrennt hatten und am neuen Institut für Afrikawissenschaften eine Abteilung "Sudanforschung" gegründet wurde. Michael Zach, der diese Forschung heute betreut, bietet regelmäßig Lehrveranstaltungen an, in diesem Semester etwa Kusch und die antike Welt. 2008 war das Institut Veranstalter der seit 1971 im Vierjahreszyklus abgehaltenen Meroitistik-Konferenz.

Die Herausbildung der Disziplin Meroitistik ist eng mit dem Druck verbunden, der in den 1960er-Jahren durch den Bau des Assuan-Staudammes entstand, als internationale Missionen, koordiniert in einer Unesco-Kampagne, die Fundstätten im Norden des ehemaligen meroitischen Reiches zu erschließen trachteten. Der Druck begleitet die Meroitistik auch heute. Waren die vergangenen Jahre geprägt durch Rettungsgrabungen vor der Fertigstellung des Merowe-Staudammes am 4. Nilkatarakt, eines von China errichteten sudanesischen Prestigeobjekts, so sind jetzt drei weitere Staumauern (eine südlich, zwei nördlich davon) angekündigt.

"Das gesamte Niltal südlich vom Lake Nasser wird eine Kette von Stauseen" , sagt Michael Zach im Gespräch mit dem Standard und merkt bitter an, dass international das Geld für weitere Notgrabungen so kurz nach der letzten fehle. Auch seien die gewonnenen Materialien der letzten Grabung noch nicht einmal aufgearbeitet.

Dem Afrikawissenschafter geht es jedoch dabei nicht nur darum, was die Meroitistik verliert: Das Schicksal der Menschen, die ohne viel Federlesens umgesiedelt werden, die zerstörten Kulturen, liegen ihm am Herzen. Die Bewohner des 4. Katarakts, 30.000 Menschen der Volksgruppe Manasir, wurden nach Kordofan gebracht. Die Homepage der Humboldt University Nubian Expedition erinnert an sie. Von den sudanesischen Behörden werden Zahlen und Problematik heruntergespielt. Der Nubiologenverband, so Zach, mobilisiere gegen den Bau der weiteren Staudämme. Aber sonst interessiere sich eigentlich niemand dafür. (guha, DER STANDARD, Printausgabe 20.4.2010)

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