derStandard.at-Interview

"Die sind auf einem Trip"

Teresa Eder, Lukas Kapeller, 21. April 2010, 09:10
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    Politikberater Strolz plädiert für Realismus: "Ich würde nicht der Politik die Schuld geben, die Politik ist immer der Ausfluss einer Geisteshaltung, eines Mainstreams. Wenn wir Aktien kaufen, schauen wir, wie viel Prozent wir herausreißen können."

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    Über die Spielregeln der österreichischen Politik: "Wenn ich heute ein Roter bin, und ich kann den Schwarzen was hineinwürgen, dann werde ich's machen."

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    "Ich erwarte, dass sich in der Bevölkerung Aggression entlädt", meint Strolz zur wirtschaftlichen Entwicklung in Österreich.

Politikberater Matthias Strolz erklärt, warum Politiker Fakten ignorieren und Wähler gerne belogen werden - und was das alles mit Gummibärli zu tun hat

"Diesmal wird es wehtun", sagt Matthias Strolz und meint damit die maroden Finanzen in Österreich. SPÖ und ÖVP müssten sich von ihrer "guten", alten Klientelpolitik verabschieden, konstatiert der Politikberater. "Jetzt ist nur mehr eins möglich: Klientelschutz - und dem anderen wehtun." Sollte die Große Koalition sich nicht bald etwas einfallen lassen, "werden die Leute einfach so angf'ressen sein", dass neuer Spielraum für andere politische Gruppen entstehe, prophezeit Strolz im Gespräch mit Teresa Eder und Lukas Kapeller.

***

derStandard.at: Bundeskanzler Werner Faymann und sein Vize Josef Pröll versprachen sehr lange, es werde keine neuen Steuern geben. Jetzt wird es sie, wie alle Wirtschaftsinstitute prophezeiten, doch geben. Hält die Regierung die Wähler in manchen Fragen für dumm?

Strolz: Ich glaube nicht einmal, dass sie sich die Frage stellen: Sind die dumm? Die sind so auf einem Trip, dass sich die Frage nicht einmal stellt. Die Frage lautet: Kommen wir damit durch, und gewinnen wir damit Stimmen? Und die haben sie offensichtlich mit Ja beantwortet. Erstaunlich ist ja, dass Josef Pröll sehr hohe Vertrauenswerte besitzt. Und es ist auch erstaunlich, dass sich in den Umfragen noch kein Totalabsturz abzeichnet. Also offensichtlich lassen es die Leute ihnen auch durchgehen. Offensichtlich haben sie ihnen vorher eh nicht geglaubt.

derStandard.at: Das wird verziehen?

Strolz: Ja. Ich finde das schrecklich, weil es natürlich  zum x-ten Mal bestätigt: Der Politik kannst du nicht glauben, und du musst ihr nicht glauben. Ein wahres Beispiel: Eine Freundin hat mir erzählt, sie sitzt im Auto mit ihrem siebenjährigen Sohn. Der ist in der Volksschule und berichtet: "Mama, ich werde als Klassensprecher kandidieren." Und sie fragt den Sohn: "Wie stellst du das an?" Er: "Naja, ich hab mir überlegt, ich gebe den anderen Gummibärli. Dann wählen sie mich." Die Mutter lobt ihn: "Na, wenn es soweit ist, sag's mir, weil dann besorge ich dir Gummibärli." Da hat er gemeint: "Das brauch' ich nicht. Das versprech' ich ihnen, aber sie kriegen die nicht, weil dann haben sie mich eh schon gewählt." Er hat das Spiel total durchschaut.

derStandard.at: Es werden also Gummibärli versprochen, die es gar nicht gibt. Dem guten Regieren steht die Demokratie im Wege?

Strolz: Zum einen wählen die Wahlberechtigen entlang dieser Logik. Die Demokratie steht nicht im Wege, aber sie goutiert das offensichtlich. Sonst stünde eine Kraft auf, eine Partei, die sagt, sie macht das anders. Dann würde die, wenn die Leute das wollen, gewählt werden. Das sehe ich nicht. Natürlich gibt es sehr viele system-konservierende Kräfte in der Parteienlandschaft. Ich würde dabei gar nicht der Politik die Schuld geben, die Politik ist immer der Ausfluss einer Geisteshaltung, eines Mainstreams. Und das passt ja auch gut ins Bild. Wir sind ja alle als Bürger nicht anders veranlagt. Wenn wir Aktien kaufen, schauen wir, wie viel Prozent wir herausreißen können. Ob in dem Fonds irgendwo noch eine Rüstungsfirma mitschwimmt, interessiert dann nur die Minderheit.

derStandard.at: Sie kritisieren in Ihrem Beitrag für Erhard Buseks Buch "Was haben wir falsch gemacht?" die Ignoranz gegenüber Fakten. Übersieht die Politik die großen Fragen der Zeit, oder will sie diese vielmehr übersehen?

Strolz: Ich glaube, sie will sie übersehen. Es gäbe genügend kluge Köpfe in den Parteistäben und in den Ministerien. Auch haben beide Lager mit der Arbeiterkammer, der Gewerkschaft und der Wirtschaftskammer drei Riesen-Braintrusts, wo sehr viele Daten aufbereitet werden. Die Fragen sind an und für sich bekannt, aber natürlich gibt es so etwas wie eine Verdrängungshaltung, wenn die Fragen dem nächsten Wahlerfolg im Wege stehen.

derStandard.at: Zum Beispiel?

Strolz: Alle, die irgendwie bis zehn zählen konnten - und da gehört Josef Pröll dazu -, haben gewusst, dass es ohne neue Steuern nicht geht. Ich halte Pröll ja für sehr intelligent, er macht eine sehr gute Politik unterm Strich. Aber er kann nicht monatelang sagen, es wird keine neuen Steuern geben, und dann geht er hinaus und verkündet diese ohne schlechtes Gewissen. Das ist mir ein bisschen zu wurschtig.

Lesen Sie weiter: Strolz über utopische Wahlversprechen, übermütige Medien und die Wut auf die Regierung

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Zur Person:

Matthias Strolz, 36, ist Organisations- und Politikberater. Sein Zugang ist die systemische Beratung, die Unternehmen, Parteien und Vereine als soziale Wesen begreift. Von 1996 bis 1998 war Strolz ÖH-Vorsitzender der Uni Innsbruck. Nach Studien der Politikwissenschaft und der Internationalen Wirtschaftswissenschaften arbeitete der Vorarlberger zunächst als Trainee der Industriellenvereinigung, bevor er sich 2001 selbständig machte. Er ist heute Geschäftsführer von "Promitto", einer Organisations- und Politikberatung mit Sitz in Wien.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 221
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jacques05
23
25.4.2010, 11:53
m.m.n. ist der artikel lausig, tendenziös, unrichtig...

seit 1950, als man die letzten vertreter der arbeiterklasse aus der regierung entfernt hatte, teilen
sich rot und schwarz die republik.
mit ausnahme der ära kreisky.
er brach den proportz, bezog andere lager, anderes denken in seine politik ein.
und er erkannte die gefahren, die von der wirtschaft, der freien, insbesondere der geldwirtschaft ausgehen.
weiters, wer beschehrte uns das desaster?
die hohen schulden?
richtig, nicht die sozialpolitik unter kreisky, sondern die nach kreisky agierenden sp und vp wirtschafts verehrer.
die wirtschaft zockt, der hackler bezahlt.
zur klientel politik, die vp bediente und bedient ihre klientel vorbildlich.
die sp hat ihre klientel an die wirtschaft verkauft und
sie ging zu den braunen, logisch in ö.

King Of Kronenzeitung
10
27.4.2010, 17:44
m.m.n. ist der artikel lausig, tendenziös, unrichtig...

Wow! Ein tendenziöser Artikel im Standard! Nein! Sowas gab's ja noch nie!!!

Flowchi
10
24.4.2010, 12:40
tolle Fragestellung...

..."Dem guten Regieren steht die Demokratie im Wege?"

...sagt mal, gehts eigentlich noch? Versucht man hier beeinflussend vorzubauen?

...ertappt! ! !

greets Duke

Nothing else matters
 
015
22.4.2010, 15:23
Kriterien für die Wahlentscheidung auf den Punkt gebracht

Wer gibt mir am Meisten -> wählt SPÖ
Wer nimmt mir am Wenigsten -> wählt ÖVP
Alles Sch*** alle anderen (Ausländer , Eu, ...)sind schuld -> FPÖ
Die Welt ist schlecht aber mir gehts gut -> Grün
Kärtner zuerst (Haider = A. Hofer)-> BZÖ
Was auch immer es ist Pest oder Cholera -> ungültig
L*** mich alle am A*** -> bleibt zu Hause

King Of Kronenzeitung
00
27.4.2010, 17:48

*Wer verspricht mir am meisten zu geben -> SPÖ

Aber sonst vollkommen richtig! :D

Helmut-S
00
22.4.2010, 15:38
Brilliant!

Wahrhaft gut gelungen, vor allem die subtile Differenz zwischen SPÖ/ÖVP genau auf den Punkt gebracht.

fraustop
00
22.4.2010, 19:14
differenz zwischen spö und övp?

ich dachte es gibt in österreich nur mehr eine einheitspartei...die spövbzfpö-grünen.



ich geh jetzt und stampf den kartoffelbrei!

her wig
00
22.4.2010, 13:13
Klassensprecher

wird nicht etwa wer die Interessen der Klasse vertreten will, sondern wer die Klasse am besten austricksen kann. Mama ist begeistert. Und in ein paar Jahrzehnten sind die Ver-Führungspositionen dieses Landes von solchen Leuten besetzt.

Hoi S.
 
00
22.4.2010, 09:22
Seltsame Druckoption ...

will man den gesamten Beitrag ausdrucken, muss man zweimal drucken und zudem dazwischen den 2. Teil anwählen. "Einem geschenkten Gaul schaut man nicht aufs Maul ...", aber dennoch - der Spiegel online machts (nicht nur beim Druck) anders und besser ... Zum Beitrag selbst, die Anekdote mit den Gummibären (wenn sie denn wahr ist - gibt es wirklich Klassensprecherwahlen in der VS?) ist sehr treffend, ansonsten ... no, na. Herr Strolz sagt grösstenteil nichts Neues (Betriebsblindheit usw.), in den Konsequenzen für die Demokratie als ganzes sind die Entwicklungen aber fatal. Denn: Wer nimmt die teilweise auch noch kaum qualifizierten "Politik-Hanseln" noch ernst? Niemand! - So nimmt fatalweise auch die Glaubwürdigkeit der Demokratie ab ...

cipf
 
04
22.4.2010, 08:31

Der Herr übersieht, dass wir nicht von "Politikern" sprechen - wir sprechen von Parteischranzen die - oft über Generationen hinweg - nix anderes gemacht haben, als in die eigene Tasche und jene der Partei zu arbeiten (das ist jetzt metaphorisch gemeint, ich glaube NICHT dass, wie bei der FDP, immense Summen geflossen sind).
Diese Menschen haben, nachdem Sie jahrelang den sprichwörtlichen "Lahm" von einer Ecke der Parteizentrale in die andere geschaufelt haben und mitgeholfen haben, die Leichen ihrer Parteichefs draunter zu verbergen, sich einen Job "erarbeitet". Keiner von denen hat aber je etwas (nur) für Österreich getan.
Deshalb sind sie auch keine Politiker. Sie sind Parteiarbeiter. Zwar gute, aber sinnlos für unser Land!

jacques05
00
25.4.2010, 12:05
nur sehr selten tut jemand etwas für sein land...

eher für sich selbst, für seine familie, seine freunde.
nur sehr wenige erkennen, dass die wahren "leistungsträger" einer gesellschaft menschen sind, die in arbeit stehen, konsumieren, zufrieden sind.
menschen, die eine gewisse bildung haben, nicht nur schul, sondern herzensbildung.
deren ziel nicht reichtum und macht, sondern solidarität, friede und toleranz sind.
eltern, deren ziel es nicht ist, aus ihren kindern manager, sondern menschen mit moral, anstand und
vernunft zu machen.
bei der rechten ist das nicht zu erwarten, bei der linken schon.
jedoch hat sich die sp von den "werten" längst zu gunsten der gier und des neides auf die seite des kapitals geschlagen.
traurig, aber menschlich.

her wig
00
22.4.2010, 08:02
Handeln braucht Werte, aber keine Werte ohne Mut

und da hätten wir auch schon den Fehler entdeckt: diese Klientelpolitik ist eine mutlose, man fürchtet Stimmen zu verlieren und sucht dann nach Brotkrumen die man verteilen kann um vllt. doch hier und da eine Stimme zu erheischen. Die intelligenteren von den mutlosen Politikern optimieren das Spiel und tun nur so als ob sie Brotkrumen verteilen würden, bis dann irgendwas unvorhergesehenes dazwischen kommt, was interessanter Weise immer kommt, und dann kann man nix dafür...

A Voice
00
23.4.2010, 10:00
keine Werte ohne Mut?

wie kommen Sie auf das? Es steht auf ein paar Plakatständern, aber das macht es nicht wahrer. (Mut ist selber ein Wert)

jo, na, eh!
00
22.4.2010, 18:42

Ohne Mut, Keine Werte?

BarbaBianco
 
11
22.4.2010, 10:07
Jeder nur für sich


Tja, das ist eben das Problem. jeder will nur für sich etwas geregelt haben. Und dem, der am lautesten so tut, als ob er genau das tun könnte, der bekommt am Wahltag die Stimme. So funktioniert das eben.

Und desto besser es uns geht, desto unzufriedener sind alle. Umso wichtiger sind dann die Märchenerzähler. Sie werden vom System dazu gezwungen. Wer ist das System ? Ganz einfach - Interviewpartner wie oben angeführt und Medien, wie diese. Aber, es gilt eben die Medienfreiheit - und damit beginnt der Kreislauf von vorne.

Aber DENKEN ist uns allen nicht verwehrt.

her wig
00
22.4.2010, 12:41

Die individualistische Gewinnmaximierung. Bevor man draufkommt dass die auch eine Schattenseite hat, scheint alles ganz super zu sein.

ÖVP su:cks
00
22.4.2010, 07:57
super artikel

selten so super artikel, wenn überhaupt, im standard gelesen....

nur die mehrheit der ach so mündigen bürger kapiert das spiel mit den gummibären eben nicht.
die checken das einfach nicht

Nothing else matters
 
00
22.4.2010, 14:50
und die Gummibärengeschichte geht noch weiter

Nach der Wahl wenn dann klar wird das es gar keine Gummibären geben wird (oder nur wenn jeder vorher ein Monat lang auf die Schulmilch verzichtet damit einerseits die Gummibären angeschafft werden können und andererseits die dafür nötige Administration bezahlt werden kann), gibt es kurzes Gemurre aber dann sagen alle die Wahl war trotzdem ok, weil keiner zugeben will das er den nur wegen der Gummibärli gewählt hat.

Devian
02
22.4.2010, 02:50
schön

Hier sehe ich bergeweise Posts die sich mit der Glaubwürdigkeit und der Person und überhaupt die Frechheit des Standard so einen Artikel und der hat ja fast koane Hoar... befassen, nur kann mir bitte jemand dieser Kritiker seine Probleme mit dem Inhalt des Artikels darlegen?

Eine so treffende Analyse der österreichischen Politiksituation hab ich selten in einem Tagesmedium gelesen.

also dann ...
14
22.4.2010, 01:21
a l l e staatsbürger wissen, dass

niemals so viel gelogen wird, wie
im k r i e g
vor den w a h l e n
und nach der j a g d !

wieso gerade politiker...
alle 3 bereiche so blendend ausfüllen ... liegt
- erwiesenermassen - nicht an ihrer intellektualität !

unbequem
50
22.4.2010, 01:13
Das Schlimme ist nur...

...dass die Leute selbst wenn du ihnen die Wahrheit sagst, nämlich ,dass sie belogen werden, dann glauben sie dir nicht!
Nächsten Sonntag wird Dr. Fischer als Totalversager als Schützer unserer Verfassung wiedergewählt werden..noch dazu mit großer Mehrheit...
Politiker sind nicht klüger als die Masse sie sind nur die besseren Lügner weil sie keine Konsequenzen zu fürchten haben!!!

Ashdod
61
22.4.2010, 00:41
warum ich zweifel an der glaubwürdigkeit dieses herrn xy hab

x.)
Ich halte Pröll ja für sehr intelligent, er macht eine sehr gute Politik unterm Strich.
y.)
Eine Freundin hat mir erzählt, sie sitzt im Auto mit ihrem siebenjährigen Sohn. Der ist in der Volksschule und berichtet: "Mama, ich werde als Klassensprecher kandidieren." Und sie fragt den Sohn: "Wie stellst du das an?" Er: "Naja, ich hab mir überlegt, ich gebe den anderen Gummibärli. Dann wählen sie mich." Die Mutter lobt ihn: "Na, wenn es soweit ist, sag's mir, weil dann besorge ich dir Gummibärli." Da hat er gemeint: "Das brauch' ich nicht. Das versprech' ich ihnen, aber sie kriegen die nicht, weil dann haben sie mich eh schon gewählt." Er hat das Spiel total durchschaut.
aha, durchschaut

himbeerwasser
60
22.4.2010, 00:29
dieser mann ist eine romantische themenverfehlung.


Jim Kirk
00
22.4.2010, 09:56

Und, wo sind ihre gegenpositionen?

himbeerwasser
00
10.5.2010, 21:43
ich bin ein spontaner poster. sonst noch?

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