Politikberater Matthias Strolz erklärt, warum Politiker Fakten ignorieren und Wähler gerne belogen werden - und was das alles mit Gummibärli zu tun hat
"Diesmal wird es wehtun", sagt Matthias Strolz und meint damit die maroden Finanzen in Österreich. SPÖ und ÖVP müssten sich von ihrer "guten", alten Klientelpolitik verabschieden, konstatiert der Politikberater. "Jetzt ist nur mehr eins möglich: Klientelschutz - und dem anderen wehtun." Sollte die Große Koalition sich nicht bald etwas einfallen lassen, "werden die Leute einfach so angf'ressen sein", dass neuer Spielraum für andere politische Gruppen entstehe, prophezeit Strolz im Gespräch mit Teresa Eder und Lukas Kapeller.
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derStandard.at: Bundeskanzler Werner Faymann und sein Vize Josef Pröll versprachen sehr lange, es werde keine neuen Steuern geben. Jetzt wird es sie, wie alle
Wirtschaftsinstitute prophezeiten, doch geben. Hält die Regierung die
Wähler in manchen Fragen für dumm?
Strolz: Ich glaube nicht einmal, dass sie sich die Frage stellen:
Sind die dumm? Die sind so auf einem Trip, dass sich die Frage
nicht einmal stellt. Die Frage lautet: Kommen wir
damit durch, und gewinnen wir damit Stimmen? Und die haben sie
offensichtlich mit Ja beantwortet. Erstaunlich ist ja, dass Josef Pröll
sehr hohe Vertrauenswerte besitzt. Und es ist auch erstaunlich, dass
sich in den Umfragen noch kein Totalabsturz abzeichnet. Also
offensichtlich lassen es die Leute ihnen auch durchgehen. Offensichtlich
haben sie ihnen vorher eh nicht geglaubt.
derStandard.at: Das wird verziehen?
Strolz: Ja. Ich finde das schrecklich, weil es natürlich
zum x-ten Mal bestätigt: Der Politik kannst du nicht glauben, und du
musst ihr nicht glauben. Ein wahres Beispiel: Eine Freundin hat mir
erzählt, sie sitzt im Auto mit ihrem siebenjährigen Sohn. Der ist in der Volksschule
und berichtet: "Mama, ich werde als Klassensprecher kandidieren." Und sie
fragt den Sohn: "Wie stellst du das an?" Er: "Naja, ich hab mir
überlegt, ich gebe den anderen Gummibärli. Dann wählen sie mich." Die Mutter lobt ihn: "Na, wenn es soweit
ist, sag's mir, weil dann besorge ich dir Gummibärli." Da hat er gemeint: "Das brauch' ich nicht. Das versprech' ich ihnen, aber sie kriegen die nicht, weil dann haben sie mich eh
schon gewählt." Er hat das Spiel total durchschaut.
derStandard.at: Es werden also Gummibärli versprochen, die es gar
nicht gibt. Dem guten Regieren steht die Demokratie im Wege?
Strolz: Zum einen wählen die Wahlberechtigen entlang dieser Logik. Die Demokratie steht nicht im Wege, aber sie goutiert das offensichtlich. Sonst stünde eine Kraft auf, eine Partei, die sagt, sie macht das anders. Dann würde die, wenn die Leute das wollen, gewählt werden. Das sehe ich nicht. Natürlich gibt es sehr viele system-konservierende Kräfte in der Parteienlandschaft. Ich würde dabei gar nicht der Politik die Schuld geben, die Politik ist immer der Ausfluss einer Geisteshaltung, eines Mainstreams. Und das passt ja auch gut ins Bild. Wir sind ja alle als Bürger nicht anders veranlagt. Wenn wir Aktien kaufen, schauen wir, wie viel Prozent wir herausreißen können. Ob in dem Fonds irgendwo noch eine Rüstungsfirma mitschwimmt, interessiert dann nur die Minderheit.
derStandard.at: Sie kritisieren in Ihrem Beitrag für Erhard Buseks Buch "Was haben wir falsch gemacht?" die Ignoranz gegenüber Fakten. Übersieht die Politik die großen Fragen der Zeit, oder will sie diese vielmehr übersehen?
Strolz: Ich glaube, sie will sie übersehen. Es gäbe genügend kluge Köpfe in den Parteistäben und in den Ministerien. Auch haben beide Lager mit der Arbeiterkammer, der Gewerkschaft und der Wirtschaftskammer drei Riesen-Braintrusts, wo sehr viele Daten aufbereitet werden. Die Fragen sind an und für sich bekannt, aber natürlich gibt es so etwas wie eine Verdrängungshaltung, wenn die Fragen dem nächsten Wahlerfolg im Wege stehen.
derStandard.at: Zum Beispiel?
Strolz: Alle, die irgendwie bis zehn zählen konnten - und da gehört Josef Pröll dazu -, haben gewusst, dass es ohne neue Steuern nicht geht. Ich halte Pröll ja für sehr intelligent, er macht eine sehr gute Politik
unterm Strich. Aber er kann nicht monatelang sagen, es wird keine neuen Steuern geben, und dann geht er hinaus und verkündet diese ohne schlechtes Gewissen. Das ist mir ein bisschen zu wurschtig.
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Zur Person:
Matthias Strolz, 36, ist Organisations- und Politikberater. Sein Zugang ist die systemische Beratung, die Unternehmen, Parteien und Vereine als soziale Wesen begreift. Von 1996 bis 1998 war Strolz ÖH-Vorsitzender der Uni Innsbruck. Nach Studien der Politikwissenschaft und der Internationalen Wirtschaftswissenschaften arbeitete der Vorarlberger zunächst als Trainee der Industriellenvereinigung, bevor er sich 2001 selbständig machte. Er ist heute Geschäftsführer von "Promitto", einer Organisations- und Politikberatung mit Sitz in Wien.