Sympathischer Erwachsenwerden-Film: Lone Scherfigs "An Education"
Wien - Jenny ist Engländerin, aber eigentlich fühlt sie sich mehr als französische Intellektuelle. Nachmittags sitzt sie mit ihren Freundinnen in einem Londoner Vorstadt-Café, raucht und diskutiert die Existenzialisten. Sie tut dies mit jener erwachsenen Ernsthaftigkeit, die man rührend und enervierend zugleich finden kann. Denn Jenny (Carey Mulligan) ist sechzehn, Kleinbürgereinzelkind, gute Schülerin mit Aussicht auf einen Studienplatz in Oxford.
Es ist 1962. Die Eltern geben den Bewegungsspielraum vor. Viel mehr als die kleinen Fluchten im Kopf, begleitet von der dunklen Stimme von Juliette Gréco, ist da nicht möglich. Dabei wäre doch so viel vorstellbar. Dann macht Jenny eine Bekanntschaft. David, bedeutend älter als sie, fährt ein sportliches Auto und weiß, wie man Eltern die völlig berechtigten Sorgen nimmt. Bald darf Jenny ihn nicht nur zu klassischen Konzerten im Zentrum begleiten. Anders als die Lehrerinnen scheinen dieser Mann und das Leben so viel an nützlichem Wissen zu bieten. Die Verheißung von Freiheit könnte jedoch geradewegs auch in die Falle der Abhängigkeit führen.
Die renommierte britische Journalistin Lynn Barber lieferte die autobiografische Vorlage, nach der Autor Nick Hornby - eigentlich für männliche Identitätsfindung zuständig - ein Drehbuch schrieb. Inszeniert hat die dänische Regisseurin Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger; Wilbur Wants to Kill Himself). Und sie hat aus An Education mehr gemacht als Dutzendware. Der Film profitiert zwar auch vom Flair der Zeit, die er beschreibt. Die Ähnlichkeit von Carey Mulligan mit Audrey Hepburn wird bereits beschworen, und bei den Oscars war die demnächst 25-jährige Britin als Newcomerin neben Meryl Streep und Co nominiert. Aber im Unterschied zu anderen "period pieces", die sich an die Oberflächenreize verlieren, welche die Ausstattung und die Soundtrack-Abteilung bieten, wird hier ein größerer Zusammenhang angepeilt.
Scherfig erzählt die Geschichte mit Sinn für die Zwischentöne: Manchmal ist die Ambivalenz den Figuren förmlich ins Gesicht geschrieben und beim lässigen David blitzen plötzlich Angst und Kleinmut auf. Nach und nach blättert die Glamourfassade ab. David (Peter Sarsgaard) und sein Kumpel Danny (Dominic Cooper) finanzieren ihr Leben als Möchtegern-Dandies mit kleinen Betrügereien und Spekulationen. Jennys furchtlose Art wird von Skrupeln erschüttert. Wie weit folgt man noch selbstbestimmt der eigenen Neugier, und ab wann ordnet man sich fremden Vorgaben unter?
An der fein abgestimmten Ausführung dieser Frauenemanzipationsgeschichte haben nicht zuletzt die Darsteller Anteil: An Education ist auch eine schöne Ensembleleistung, bis in die Nebenrollen - Olivia Williams als Französischprofessorin und Emma Thompson als Schuldirektorin - solid besetzt. Sympathisch kluges Bildungskino. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 19.4.2010)