Die Verheißung von Freiheit als Falle

18. April 2010, 18:37
  • Kleine Fluchten im Kopf, begleitet von der dunklen StimmeJuliette Grécos: Carey Mulligan als Jenny.
    foto: sony

    Kleine Fluchten im Kopf, begleitet von der dunklen Stimme
    Juliette Grécos: Carey Mulligan als Jenny.

Sympathischer Erwachsenwerden-Film: Lone Scherfigs "An Education"

Wien - Jenny ist Engländerin, aber eigentlich fühlt sie sich mehr als französische Intellektuelle. Nachmittags sitzt sie mit ihren Freundinnen in einem Londoner Vorstadt-Café, raucht und diskutiert die Existenzialisten. Sie tut dies mit jener erwachsenen Ernsthaftigkeit, die man rührend und enervierend zugleich finden kann. Denn Jenny (Carey Mulligan) ist sechzehn, Kleinbürgereinzelkind, gute Schülerin mit Aussicht auf einen Studienplatz in Oxford.

Es ist 1962. Die Eltern geben den Bewegungsspielraum vor. Viel mehr als die kleinen Fluchten im Kopf, begleitet von der dunklen Stimme von Juliette Gréco, ist da nicht möglich. Dabei wäre doch so viel vorstellbar. Dann macht Jenny eine Bekanntschaft. David, bedeutend älter als sie, fährt ein sportliches Auto und weiß, wie man Eltern die völlig berechtigten Sorgen nimmt. Bald darf Jenny ihn nicht nur zu klassischen Konzerten im Zentrum begleiten. Anders als die Lehrerinnen scheinen dieser Mann und das Leben so viel an nützlichem Wissen zu bieten. Die Verheißung von Freiheit könnte jedoch geradewegs auch in die Falle der Abhängigkeit führen.

Die renommierte britische Journalistin Lynn Barber lieferte die autobiografische Vorlage, nach der Autor Nick Hornby - eigentlich für männliche Identitätsfindung zuständig - ein Drehbuch schrieb. Inszeniert hat die dänische Regisseurin Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger; Wilbur Wants to Kill Himself). Und sie hat aus An Education mehr gemacht als Dutzendware. Der Film profitiert zwar auch vom Flair der Zeit, die er beschreibt. Die Ähnlichkeit von Carey Mulligan mit Audrey Hepburn wird bereits beschworen, und bei den Oscars war die demnächst 25-jährige Britin als Newcomerin neben Meryl Streep und Co nominiert. Aber im Unterschied zu anderen "period pieces", die sich an die Oberflächenreize verlieren, welche die Ausstattung und die Soundtrack-Abteilung bieten, wird hier ein größerer Zusammenhang angepeilt.

Scherfig erzählt die Geschichte mit Sinn für die Zwischentöne: Manchmal ist die Ambivalenz den Figuren förmlich ins Gesicht geschrieben und beim lässigen David blitzen plötzlich Angst und Kleinmut auf. Nach und nach blättert die Glamourfassade ab. David (Peter Sarsgaard) und sein Kumpel Danny (Dominic Cooper) finanzieren ihr Leben als Möchtegern-Dandies mit kleinen Betrügereien und Spekulationen. Jennys furchtlose Art wird von Skrupeln erschüttert. Wie weit folgt man noch selbstbestimmt der eigenen Neugier, und ab wann ordnet man sich fremden Vorgaben unter?

An der fein abgestimmten Ausführung dieser Frauenemanzipationsgeschichte haben nicht zuletzt die Darsteller Anteil: An Education ist auch eine schöne Ensembleleistung, bis in die Nebenrollen - Olivia Williams als Französischprofessorin und Emma Thompson als Schuldirektorin - solid besetzt. Sympathisch kluges Bildungskino. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 19.4.2010)

Im Kino

ich kenne den Film nicht

aber die anderen Movies von Lone Scherfig und die sind durch die Bank gut.

Es reicht zu wissen, dass Nick Hornby das Drehbuch geschrieben hat. Qualität.

"fein abgestimmten Ausführung dieser Frauenemanzipationsgeschichte"

Barbara Rosenkranz hätte es nicht besser schreiben können. Kuschen, pauken und ja kein Sex: das ist Emanzipation.

Tja...

... hätten Sie den Film gesehen, wäre der Kommentar anders ausgefallen. Und nicht so peinlich gewesen.

Die Moral der Geschichte ist ...

Höre auf deine Lehrer, lerne brav und mach deine Prüfungen, aber lass dich ja nicht auf irgendwelche extravaganten Ideen ein. Sonst fällst du auf die Nase, und dann wirst du sehen was du davon hast.

Was in der Kritik verschwiegen wird:

David und sein Freund sind Juden. Dabei bedient die Filmemacherin viele antisemitische Vorurteile: Sie machen im Immobilienbereich auf moralisch höchst verwerfliche Art Geld, rücksichtslose Genusssucht, David ein notorischer Heiratsschwindler - sogar mit Kindern, ein Feigling, der sich nicht stellt, um seine seelische Grausamkeit einzugestehen, etc.

Dass der Film mit einem ultrareaktionären Gedanken endet (" Ich wäre so gerne noch nie in Paris gewesen." - hier wird an die verlorene Unschuld, an die verlorene Unbeflecktheit angespielt -, unterstreicht die Unerträglichkeit dieses Streifens.

Formal toll gemacht, schön erzählt, wunderbare Kameraeinstellungen, SchauspielerInnen großartig, inhaltlich jedoch antisemitisch & reaktionär.

Ich finde der Film nimmt mehrmals die antisemitischen Ressentiments der Leute aufs Korn (Vater, Direktorin) - was wohl in keinem antisemitischen film vorkommen würde.

also das im immobillienbereich

nicht alle mit moralisch integren mitteln arbeiten, ist doch spätestens seit grasser-meischberger ein gemeinplatz... deswegen antisemitismus hinein zu interpretieren, ist dann doch sehr weit hergeholt... ist doch klar das leute in verkäuferjobs einen hang zum schwindeln haben...

Aha, das kann man da also auch hineininterpretieren...

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