Mit "23andme" sind individuelle Gen-Analysen populär geworden - Das Einsenden einer Speichelprobe reicht, um im Internet die Ergebnisse abzurufen
War der Zugang zu individueller genetischer Information lange Zeit das Monopol von Wissenschaftern, bieten mittlerweile gut zwei Dutzend Firmen Genanalysen für jedermann über das Internet an. Für Preise zwischen 400 und 1000 Dollar versprechen sie Aufschluss darüber, ob im Genmaterial der Kunden Vorbestimmungen auf rund 20 Krankheiten wie Brustkrebs, Herzerkrankungen, Multiple Sklerose oder krankhaftes Übergewicht zu erkennen sind.
Kinderleicht
Die Tests sind kinderleicht und in wenigen Minuten gemacht. Der Kunde meldet sich im Internet für den Service an, bekommt das Testset nach Hause geschickt und sendet eine Speichelprobe zurück. Ein paar Wochen später kann er auf der entsprechenden Internetseite sein Erbgut ergründen.
Populär wurden diese Online-Genanalysen vor allem durch den US-Anbieter "23andme" (der Name bezieht sich auf die 23 Chromosomenpaare, die unsere DNA enthalten), eine 2007 von Linda Avey und Anne Wojcicki gegründete Biotechfirma. Wojcicki ist die Ehefrau von Google-Mitbegründer Serge Brin. Er und der Internetkonzern haben mehrere Millionen in 23andme investiert.
Avey and Wojcicki sehen in ihrer DNA-Entschlüsselung keine Diagnose, wie sie betonen. Sie hoffen vielmehr, dass sich "unsere Kunden gezielter und effizienter beim Arzt untersuchen lassen können".
Geteilte Meinungen
Wie hilfreich diese Genanalysen aus dem Internet für den Nutzer sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. "Es besteht die Riesengefahr, dass Konsumenten mit der online gebotenen Informationsflut nicht klarkommen", meint etwa Markus Hengstschläger, Professor für Medizinische Genetik an der Med-Uni Wien.
Ähnlicher Meinung ist der Soziologe Alexander Bogner vom Institut für Technologiefolgenabschätzung (ITA) in Wien. Auch er sieht die Gefahr, dass bei unbegleiteter Inanspruchnahme der Tests die Folgeschäden womöglich größer sind als der Nutzen.
Ärztliche Begleitung
Im Übrigen würde bei diesen Tests nur das mögliche Erkrankungsrisiko für multifaktorielle Krankheiten erfasst, für deren Ausbruch nicht nur Gene, sondern auch Umwelt oder Psyche eine Rolle spielen können, so Hengstschläger. "Die Tests sind zwar prinzipiell nicht verwerflich und auch völlig legal", stellt der stellvertretende Vorsitzende der Bioethikkommission klar, die Internet-Gentests kürzlich diskutierte. Er drängt aber darauf, sich dabei ärztlich begleiten zu lassen - wie das im österreichischen Gentechnikgesetz vorgesehen ist.
In Kooperation mit Medizinern könnten die Internet-Gentest durchaus einen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten. Indem etwa ein Mensch mit einer genetischen Prädisposition für Herzerkrankungen sich einen gesundheitsschonenderen Lifestyle aneignet.
(Karin Tzschentke, DER STANDARD/Printausgabe, 17.4.2010)