Ein Grazer Projekt macht auf die Schattenseiten der DNA-Fahndung aufmerksam
Graz - Jeder kennt die Faszination, die zu Beginn von Serien wie CSI Miami oder Crossing Jordan ausging. Die schier unbegrenzten Möglichkeiten, die Ermittler dank der Doppel-Helix seit einigen Jahren zur Verfügung stehen, hatten etwas Beeindruckendes und gaukelten natürlich das Gefühl von mehr Sicherheit vor. Denn am Ende wird der Bösewicht - der seine DNA am Tatort hinterlässt, immer gefasst. In Wahrheit ist das freilich anders.
"Es reicht schon, wenn zwei oder drei verschiedene Menschen ihre DNA am Tatort hinterlassen, und die Spuren sind möglicherweise unbrauchbar, weil man die einzelnen Informationen nicht mehr auseinanderhalten könnte", erklärt der gelernte Chemiker Steffen Strassnig, der seit zwei Jahren eine Hälfte des Grazer Künstlerkollektivs zero-fivetwelve (0512) ist, im STANDARD-Gespräch. Und mit der Sicherheit sei das auch so eine Sache. Dass man sagt, die Polizei lege DNA-Datenbanken nur zur gezielten Überwachung von Verdächtigen an, und diese Daten würden gelöscht, wenn sich der Verdacht nicht erhärtet, überzeugt Strassnig und Martin Mathy, die andere Hälfte von 0512, nicht unbedingt. Denn man könne mit Genmaterial, das wir alle überall hinterlassen, erstens vielmehr über eine Person herausfinden, als für die Aufklärung eines Verbrechens notwendig ist, also mehr als etwa das Geschlecht, und zweitens den Grundstein zur Massenüberwachung legen.
Das Projekt "DNA Cover/Human Genetic Material Mixture", dass Mathy und Strassnig für den Prix Ars Electronica einreichten, macht genau darauf aufmerksam. Und auch darauf, wie man sich theoretisch gegen diese Überwachung wehren kann. Das Projekt besteht aus zwei Teilen: aus dem DNA Cover Pool, für den 0512 die DNA von hundert Freiwilligen mittels Mundhöhlenabstrich sammelten, und aus dem DNA Cover Spray, einer Pump-spraydose mit dem handlichen Volumen von 125 ml, das DNA-Fingerabdruck-relevante Fragmente der Desoxyribonukleinsäure aus dem Pool enthält. Dazu schafften sich die Künstler, die auch schon mit gänzlich un-naturwissenschaftlichen Projekten wie einer Arbeit über den Text-Mix in der Bibel oder eine akustische Abbildung des Wortes Allah für Aufsehen sorgen, auch ein kleines Heimlabor samt Ultrazentrifuge an.
Theoretisch kann man nun also mit dem Versprühen des Sprays auf diversen Oberflächen die dort befindlichen Gen-Informationen unbrauchbar machen. "Theoretisch", betonen Mathy und Strassnig, denn "das ist ein Kunstprojekt und soll nicht dabei helfen, dass sich jemand der Strafverfolgung entzieht."
"Es funktioniert im Prinzip wie Spamming", vergleicht Mathy die Wirkung des Sprays, "du überflutest jemanden einfach mit Informationen." Man könne es aber auch als eine neue Runde im Kreislauf der Einsätze von Technologien bezeichnen, die nicht immer den Interessen aller Menschen entgegenkommen: DNA-Hacking ist das Wort dafür. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD-Printausgabe, 17. 4. 2010)