Afrika

Warten auf den Wundermais

Marc Engelhardt , 16. April 2010, 19:39

Genetiker arbeiten in Afrika an gentechnisch verändertem Saatgut für Kleinbauern

Genetiker arbeiten in Afrika an gentechnisch verändertem Saatgut für Kleinbauern. Forciert wird die Nutzung der umstrittenen Pflanzen von der globalen Saatgutindustrie. 

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Nairobi - Simon Gichuki hat eine Mission. Der Chef des Biotechnologiezentrums an Kenias Zentrum für landwirtschaftliche Forschung (Kari) will den Hunger in seiner Heimat bekämpfen, und zwar schnell. "Zwei Jahre, dann haben wir das erste gentechnisch modifizierte Saatgut auf dem Markt", verspricht der Agrarökonom und Biologe, der außer in Kenia auch in Wien studiert hat. Ende der 80er-Jahre kehrte er zurück, um bei der landwirtschaftlichen Entwicklung seines Landes zu helfen. Seit mehr als zehn Jahren koordiniert Gichuki die Labortests und Feldversuche mit den auch in Kenia umstrittenen gentechnisch manipulierten Früchten. "Wir haben mit virusresistenten Süßkartoffeln begonnen", erinnert sich Gichuki. "Inzwischen testen wir Mais, der gegen den häufigsten Schädling hier immun ist, wir arbeiten an krankheitsresistenter Baumwolle und an Sorghum- und Cassava-Sorten, die nährstoffreicher und besser verdaulich sind.

Cashcrops auf Minifarmen

Wie in den meisten afrikanischen Ländern ist Landwirtschaft auch in Kenia das Geschäft von Kleinbauern. Mehr als eine Million Farmer, so schätzt das Landwirtschaftsministerium, produzieren gemeinsam das Hauptnahrungsmittel im Land, weißen Mais, der zu Mehl gemahlen und als fester Brei, Ugali genannt, verzehrt wird. Selbst Kaffee und Tee, neben Blumen die wichtigsten Cashcrops des Landes, werden überwiegend auf Minifarmen angepflanzt, die selten größer als ein Hektar sind.

Auf den wenigsten gibt es künstliche Bewässerung, die Ernte hängt stets vom Regen ab. Gentechnisch manipulierte Pflanzen sollen vor allem diese Abhängigkeit vermindern.

Doch Jeremiah Ngaya, dessen Felder auf der trockenen Ebene zwischen dem Hochland und dem Indischen Ozean liegen, hält nichts davon. Sein Saatgut, sagt der ausgebildete Tierarzthelfer, ist optimal auf die örtlichen Bedingungen abgestimmt. Unter anderem hat er vier alte einheimische Sorten Gras neu kultiviert - und eine Bohnenart, die riesige Erträge bringt. "Die Züchtung dieser Pflanzen ist so wichtig, weil es solche Samen nirgends zu kaufen gibt, die örtlichen Arten drohten zu verschwinden", so Ngaya. Pflege und Erhalt einheimischer Arten hält er auch deshalb für wichtig, weil das Saatgut anders als kommerzielle Produkte umsonst zu haben ist. Agrarforscher Gichuki berichtet dennoch, dass viele Farmer ihn drängen, sein Saatgut endlich auszugeben. "Die Erwartung bei den Bauern ist riesig, fast jeder, mit dem ich spreche, will die gentechnisch veränderten Sorten ausprobieren." Dass das Saatgut nur den Reichen nützt, hält Gichuki für falsch. "Ich habe mir in Südafrika die Felder von Kleinbauern angesehen, die auf ungefähr einem Hektar gentechnisch veränderten Mais angepflanzt haben: Die waren allesamt hochzufrieden", so Gichuki.

Südafrikanische Sorten werden wohl die ersten sein, die Kenias Bauern in zwei Jahren kaufen können. Im Hochsicherheitsgewächshaus, das gleich hinter dem schlichten Betonbau steht, in dem Gichukis Büro untergebracht ist, zeigt er stolz auf den fast erntereifen Mais. "Natürlich wollen wir auch eigene Sorten produzieren, aber das braucht sicher noch fünf Jahre oder mehr."

Geld aus der Schweiz

Wie schnell es wirklich vorangeht, hängt vor allem von den Forschungsgeldern ab. "Die Regierung zahlt unsere Gehälter, die Strom- und Wasserrechnung, aber für mehr ist kein Geld da", gibt Gichuki zu. Zu den Finanziers seines Programms gehören nicht zuletzt industrienahe Stiftungen wie die des Schweizer Saatgutgiganten Syngenta. Ihr Interesse ist klar: Was immer Gichuki für Sorten züchtet, die Gene selbst bleiben im Besitz der Patentinhaber, globalen Giganten wie Syngenta oder Monsanto - an sie werden, je nach Vereinbarung, Lizenzgebühren bezahlt. "Im Moment sind viele bereit, die Gene zunächst kostenfrei zur Verfügung zu stellen."

Kein Wunder: Denn der Kampf um die Anerkennung von genetisch verändertem Saatgut wird nicht mehr in Europa, sondern in den Entwicklungsländern geführt, wo man leichter Fakten schaffen kann.

Mehr als 90 Prozent der Farmer, die gentechnisch verändertes Saatgut nutzen, sind arme Kleinbauern auf der Südhalbkugel - so beschreibt es jedenfalls der "Internationale Dienst zum Erwerb landwirtschaftlich-biotechnologischer Güter" (ISAAA), eine der vielen Lobbygruppen, die in Afrika für Genpflanzen werben.

Kritiker beschreiben angebliche Initiativen, zu denen die wie ISAAA in Nairobi angesiedelte Gruppe Africa Harvest gehört, als Marionetten der Agrarindustrie. "Das Geld kommt von diesen Firmen", sagt ein kenianischer Umweltschützer, der seinen Namen geheim halten will. "Die Lobbyisten von Africa Harvest üben Druck auf Parlamentarier, Beamte und auch Journalisten aus." Zu den Vorwürfen äußern will sich bei Africa Harvest niemand. (Marc Engelhardt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.4.2010)

Castanaro
 
01
18.4.2010, 10:31

Wir haben einen Tierschutz, einen Umweltschutz und viele andere. Aber wir brauchen auch eine Schutzorganisation zugunsten armer Staaten gegen unsere eigene Industrie. Wahrscheinlich gibt es so etwas sogar in der UNO, aber das ist mindestens so wichtig, wie die Umwelt im kleinen Europa zu schützen.

Herb All
00
18.4.2010, 22:42
Gar keine schlechte Idee..

aber dass sogar sämtliche Standardartikel, vorallem zum Thema Gentechnik, derart einseitig und polarisierend sind, lässt nicht gerade hoffen..

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