Diskussion

"Gentechnikfreie Insel der Seligen"

16. April 2010, 19:31
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    foto: ap photo/winfried rothermel

    Streitobjekt Gentechnik-Mais: Für den Genetiker schont er Mensch und Umwelt, für die Grün-Politikerin bedroht er die Biodiversität und nützt nur Monsanto.

Die Grün-Politikerin Eva Lachkovics, der Genetiker Erwin Heberle-Bors und der Technikfolgenabschätzer Helge Torgersen diskutieren über Pro und Kontra der grünen Gentechnik und deren (un)mögliche Risiken

Standard: Im internationalen Vergleich hat man den Eindruck, dass Österreich in Sachen Gentechnik so etwas wie das gallische Dorf ist, dessen Einwohner besonders Gentechnik-kritisch sind. Stimmt dieser Eindruck?

Torgersen: Seit fast zwei Jahrzehnten gibt es so genannte Eurobarometer-Umfragen zum Thema Gentechnik, und bei diesen Umfragen fällt auf, dass Österreich etwas anders ist - aber gar so anders dann auch wieder nicht. Die Österreicher waren von Beginn an und mit einem Höhepunkt rund um 1997, als das Gentechnikvolksbegehren stattfand, der landwirtschaftlichen Gentechnik gegenüber besonders kritisch eingestellt. Seither geht der Widerstand gegen grüne Gentechnik leicht zurück, möglicherweise nähern wir uns langsam europäischen Normalverhältnissen an.

Standard: Woher kam der besonders starke Widerstand?

Torgersen: Wichtig war neben einer generell nicht allzu ausgeprägten Wertschätzung von Wissenschaft, dass es hier kein starkes Pro-Gentechnik-Lager gab, weil man traditionell keine großen Saatgutfirmen im Lande hat. Es war also für die Politik recht „billig", dagegen zu sein. Dazu kommt, dass die Gentechnikdiskussion in Österreich parallel zur Diskussion über den EU-Beitritt lief. Und da passte es gut, für die EU-Gegner etwas aus dem Hut zaubern zu können, gegen das alle sein konnten.

Standard: Haben die Pflanzengenetiker womöglich auch etwas falsch gemacht? Die rote Gentechnik steht im Vergleich dazu doch viel besser da.

Heberle-Bors: Das liegt sicher auch daran, dass es in Österreich mehr Ärzte als Saatgutfirmen und Pflanzengenetiker gibt. Gentechnik in der Medizin hat für die Menschen natürlich auch unmittelbareren Nutzen als in der Landwirtschaft, zumal, wenn es um Leben und Tod geht. Es gab aber zugegebenermaßen auch einen Sündenfall meines Fachs: den Tullner Freisetzungsversuch im Jahr 1996, wo eine gentechnisch veränderte Kartoffel angebaut werden wollte. Das war damals illegal, weil auf mysteriöse Weise die Unterschrift das damaligen Gesundheitsministerin Christa Krammer fehlte. Das hat die Stimmungslage sehr verändert, zum Erfolg des Gentechnikvolksbegehren beigetragen - und seine Nachwirkungen bis heute.

Lachkovics: Der große Unterschied zwischen Gentechnik in der Landwirtschaft und in der Medizin ist aber wohl in erster Linie der, dass in der Landwirtschaft gentechnisch veränderte Organismen in die Umwelt freigesetzt werden. Das ist in der Medizin nicht der Fall. Grundsätzlich ist es einfach so, dass man Gentechnik in der Landwirtschaft nicht braucht, im Gegenteil: Sie stellt eine Bedrohung sowohl für die Existenz der Bauern und Bäuerinnen wie für die biologische Vielfalt dar. Insofern gibt es schon gute Gründe, warum die Gentechnik in der Medizin sehr viel mehr akzeptiert wird.

Standard: Sie haben eigentlich Biochemie studiert und sind jetzt als Grünpolitikerin entschiedene Gegnerin von Gentechnik in der Landwirtschaft. Wodurch hat sich das bei Ihnen gewandelt?

Lachkovics: Meine erste Vorlesung über Gentechnik an der TU Wien war eine sehr Gentechnik-kritische. Nach dem Uniabschluss war ich in der Entwicklungszusammenarbeit in Malaysia. Da ging es nicht um Gentechnik. Aber in meiner weiteren entwicklungspolitischen Tätigkeit danach habe ich mich intensiv mit biologische Vielfalt befasst. Dabei wurde ich zunehmend auf die negativen Auswirkungen von Gentechnik in der Landwirtschaft aufmerksam: Kontamination mit gentechnisch veränderten Organismen kann einfach nicht ausgeschlossen werden, und das beeinträchtigt unter anderem die natürlich vorkommenden Sortenvielfalt der betroffenen Pflanzenarten. Die meist-angebauten genetisch veränderten Pflanzen haben eine eingebaute Herbizid-Resistenz. Das führt zu Herbizid-Resistenzen bei Unkräutern, zu „Superunkräutern" wie etwa in Kanada und zu immer mehr Herbizideinsatz.

Heberle-Bors: Aber Kontaminationen durch „ganz normale " Pflanzen auch nicht ausschließen.

Lachkovics: Das ist richtig. Aber dazu kommt noch etwas anderes: um einen Organismus genetisch zu verändern, muss man ihm Gen-Konstrukte einbauen. Diese sind so zusammengesetzt, dass sie sich leicht in einen anderen Organismus einbauen.

Heberle-Bors: Nein, das stimmt nicht. Das sind ganz normale DNA-Sequenzen.

Lachkovics: Da sind andere Wissenschafter anderer Meinung als Sie.

Standard: Bevor wir in eine wissenschaftliche Fachdiskussion abgleiten: Welche Vorteile hat es denn, gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen? Und für wen?

Heberle-Bors: Nehmen wir den Bt-Mais. Der wurde gentechnisch so verändert, dass er für Schädlinge giftig ist. Die Bauern müssen nicht mehr Pestizide spritzen, sind deshalb gesünder, die biologische Vielfalt auf den Feldern ist erhöht, und die Konsumenten haben keine Pestizidrückstände im Mais. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass etwa in Indien mittlerweile 80 Prozent der Felder mit pt-Baumwolle bepflanzt sind.

Lachkovics: Das liegt wohl eher daran, dass Monsanto einen großen Einfluss auf die indische Regierung hat.

Heberle-Bors: Das glaub ich nicht, dass die indische Regierung bestimmen kann, was die Bauern anbauen. Denken Sie nur an Argentinien oder Brasilien: Da war man von staatlicher Seite auch die längste Zeit dagegen, während die Bauern den Anbau von gentechnisch veränderten Sojabohnen von sich aus vorantrieben. Heutzutage gibt es dort nur mehr gentechnisch veränderte Sojabohnen, und wir Europäer essen die auch.

Lachkovics: Ja leider.

Heberle-Bors: Was heißt leider? Ist jemand krank geworden?

Lachkovics: Das kann man nicht mit Sicherheit sagen. Es gibt jedenfalls Hinweise auf Gesundheitsgefährdung.

Heberle-Bors: Können Sie das beweisen?

Lachkovics: Das mit dem Beweisen ist schwierig, weil mit dem genmanipulierten Saatgut nicht geforscht werden kann und es entsprechend auch keine Langzeitstudien über die gesundheitlichen Risiken gibt. Nach dem Vorsorgeprinzip des Biosafety-Protokolls reichen aber Hinweise auf Gesundheitsgefährdung. Und deshalb muss Gentechnik in der Landwirtschaft auch aus gesundheitlichen Gründen untersagt werden.

Standard: Was sagt der Technikfolgenabschätzer als quasi neutrale Instanz zu den bisherigen Argumenten und Gegenargumenten?

Torgersen: Daran lässt sich sehr schön beobachten, dass es bei Gentechnikdiskussionen fast immer zur Vermischung unterschiedlicher Fragen und Ebenen kommt: also ob gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) ganz etwas anderes sind als alle anderen Organismen oder ob es ein Risiko der Gentechnik an sich gibt. Und dann gibt es noch viele andere Ebenen, also zum Beispiel die, ob die Bauern in Indien etwas von gentechnisch veränderter Baumwolle haben oder nicht.

Standard: Warum aber ist die Risiko-Diskussion so dominant?

Torgersen: Grundsätzlich kann man mit Risiko in den Medien gut Aufmerksamkeit erheischen.
Der andere ist, dass sich - wie man an dieser Diskussion sieht - über Risiko trefflich streiten lässt. Man braucht nur ein paar Experten mit unterschiedlicher Meinung und solange deren Gutachten sich widersprechen, kann die Politik machen was sie will. Dieser Mechanismus ist so omnipräsent, dass man schon fast eine Methode dahinter vermuten muss.

Standard: Und wie steht es aus Ihrer persönlichen Sicht mit dem Risiko?

Torgersen: Ich habe um 1995 einmal ein Interview mit einem führenden Mitglied einer großen Umwelt-NGO zu dem Thema gemacht. Und diese Person sagte mir damals: ,Einem Raucher gegenüber vom Risiko der Gentechnik zu sprechen ist eine Lachnummer.‘ Seitdem bin ich im Hinblick auf behauptete Risiken der Gentechnik etwas skeptisch und halte jedenfalls die auf dem Markt existieren Produkte für gesundheitlich unbedenklich.

Lachkovics: In dem Punkt bin ich jedenfalls ganz anderer Meinung.

Heberle-Bors: In Österreich ist die Risikodiskussion meines Erachtens auch deshalb besonders verfahren, weil es keine gute Sicherheitsforschung gibt. Es werden viele Studien veröffentlicht, die einer Prüfung nicht standhalten, wie zuletzt die, dass gentechnisch veränderter Mais angeblich Mäuse unfruchtbar macht. Die Studie musste vor kurzem zurückgezogen werden, weil das einfach falsch war. Dennoch bleibt das Gerücht.

Lachkovics: Ich sehe Gentechnik nicht nur als wissenschaftliches oder Sicherheits-Thema. Wenn man das nur aus dieser Warte betrachtet, dann fallen viele wichtige Aspekte und Folgen weg. Man muss das Thema aber in seiner ganzen Komplexität betrachten. Ich komme aus der Entwicklungspolitik und beschäftige mich schon lange mit den sozio-ökonomischen Folgen der Gentechnik. Und an der Firma Monsanto lässt sich eben sehr gut zeigen, welche negativen Folgen die Patentierung und der Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut eines Großkonzerns haben, wie Bauern dadurch in Abhängigkeit geraten und ein paar Multis sich den Saatgut-Weltmarkt aufteilen.

Standard: Ist das in der Gentechnik an sich angelegt, dass sie zu solchen monopolartigen Verhältnissen führt? Oder liegen die Gründe dafür wo anders?

Heberle-Bors: Ich denke, dass man Monsanto aus guten Gründen kritisch gegenüberstehen kann. Dass es zu der Monopolstellung kam, hat aber sicher nicht mit der Gentechnik zu tun, sondern viel mehr mit den besonders strikten Zulassungsbedingungen. Und die gehen auch auf Gentechnikkritiker wie Greenpeace zurück. Diese strengen Auflagen haben dazu geführt, dass die kleinen Saatgutfirmen dicht machen mussten, weil sie sich das nicht leisten können. Deshalb gibt es nur einige wenige Produkte am Markt, und all die anderen viel besseren Produkte werden nicht zugelassen, weil das zu teuer kommt.

Torgersen: Es geht da nicht nur um die Kosten, sondern um den ganzen gesetzlichen Rahmen. Ein ganz grundsätzlicher Fehler war, dass man gentechnisch veränderte Pflanzen als Pflanzenschutzmittel und damit im Grunde als Chemikalie behandelte. Und Monsanto war ja kein Saatgut-, sondern ursprünglich ein Chemieunternehmen. Und damit begann die Misere. Die einfachste Lösung wäre wohl, GVOs einfach wieder gesetzlich als Saatgut zu behandeln.

Lachkovics: Aber GVOs braucht man doch gar nicht! Ich habe hier die wichtigsten Thesen aus dem Weltagrarbericht, an dem über 400 Experten aus mehr als 50 Ländern vier Jahre lang gearbeitet haben, und der kommt zum Ergebnis, dass sich mit nachhaltigem ökologischem Landbau viele Probleme, nicht nur das der Welternährung, viel besser lösen lassen: vom Hunger in der Welt über die Biodiversität bis hin zum Klimawandel. Denn Biolandbau produziert weit weniger Treibhausgase als konventioneller Landbau inklusive GVO-Anbau.

Heberle-Bors: Ich denke, dass das eine das andere nicht ausschließt: ökologischer Landbau und grüne Gentechnik lassen sich im Gegenteil bestens kombinieren - und genau das könnte die Landwirtschaft der Zukunft sein. Wir sollten jedenfalls wegkommen von der Steuerung durch die Politik, da geb ich Ihnen recht.

Standard: Das waren jetzt die Wünsche von pro und kontra. Wie könnte die Zukunft der Gentechnik in Europa realpolitisch aussehen?

Torgersen: Da der Zulassungsprozess nicht so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat, wird die EU die Gesetzgebung wohl einer Revision unterziehen, und da gibt zwei Optionen: Entweder werden die Zulassungen mit Vehemenz europaweit durchgesetzt, was dem Prinzip der Einstimmigkeit entspräche. Oder man gibt einzelnen Ländern die Möglichkeit, sich davon auszunehmen, und darauf wird es wohl darauf hinauslaufen. Das heißt, Österreich wird die gentechnikfreie Insel der Seligen, und rundherum werden GVOs angebaut. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2010)


Zu den Personen

  • Erwin Heberle-Bors (62), Studium der Biologie in Stuttgart und Berlin. Postdoktorandin an der Boku bei Hermann Katinger und bei Ingo Potrykus in Basel. Ab 1987 Leiter der Abteilung Pflanzengenetik an der Uni Wien Seit 1989 Professor für Pflanzengenetik am Department für Mikrobiologie, Immunbiologie und Genentik der Max F. Perutz Laboratories von Uni Wien und der Med Uni Wien.
  • Eva Lachkovics (54) studierte Technische Chemie und Biochemie in Wien, arbeitet danach für das Wiener Institut für Internationale Zusammenarbeit unter anderem für die Erhaltung der pflanzengenetischen Vielfalt in Afrika und Asien. Seit Ende 2008 Abgeordnete zum Wiener Landtag und Gemeinderat sowie Gentechniksprecherin der Wiener Grünen.
  • Helge Torgersen (54) studierte Biologie in Salzburg, war Mitarbeiter am Institut für Molekularbiologie und dann am Institut für Biochemie. Seit 20 Jahren forscht er am Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Akademie der Wissenschaften in Wien unter anderem zum Thema Gentechnik in Österreich.
langsam
21
17.4.2010, 09:20
Risiko

Wie ich Herrn Torgersen verstehe, meint er als Experte Risikoabschätzung ist nicht so wichtig! Mit welchen Methoden die Forschungen über die Fruchtbarkeit bei Mäusen unterdrückt/verfälscht werden kenn ich aus Erzählungen von beteiligten Personen. Im übrigen hat Rumänien mittlerweile auch ein Gesetz das es faktisch unmöglich macht gentechnisch veränderte Pflanzen anzubauen.

Herb All
01
18.4.2010, 21:47
Das lässt zumindest hoffen..

davethecave
04
16.4.2010, 23:03

" Bevor wir in eine wissenschaftliche Fachdiskussion abgleiten: ...."
Lieber Standard, was soll das ? Nichts ist nötiger als eben diese. Was nach dieser Aufforderung
zu mehr Trivialität von Heberle-Bors und Lachkovics folgt, ist eigentlich nicht wert aufgeschrieben zu werden.

`gsi
02
17.4.2010, 11:32
RICHTIG

es geht NUR um die wissenschaftlichen fakten!
dann wär endlich ende mit der junk science von pseudo argumenten der fortschrittsgegner.

Chocoholic
51
17.4.2010, 19:14
Wissenschaftliche Fakten veraendern sich. Manchmal kommt man erst nach Jahrhunderten drauf, dass etwas nicht gestimmt hat.

Dann ist es schon zu spaet, wenn man ausschliesslich auf wissenschaftliche pseudofakten gesetzt hat.

STEF2500
21
19.4.2010, 16:03
Luddite

Es geht um eine Abschätzung von Risken und Vorteilen. Mit Ihrer Luddite Einstellung verkriechen Sie sich bitte in eine dunkle, kalte Höhle und verfluchen die Leute, die sich sicherlich ob der gefährlichen Technologie desa Feuermachens selbst vernichten werden.

Also Computer runterfahren und tschüss...

langsam
10
20.4.2010, 10:23
Risiken

Und wenn die Vorteile die Risiken überwiegen (!) wird's gemacht (siehe Atomkraft). Wenn's nur so einfach wär. Als ob unsere Wissenschaft objektiv ist und was ist das für eine Wissenschaft die nur noch auf Statistik aufbaut.

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