Diskussion

"Die Schere ist größer geworden"

16. April 2010, 19:20

Was bringen Gentests? Und was hat sich dadurch in der Medizin geändert? Die Molekulardiagnostikerin Christine Mannhalter, der Humangenetiker Markus Hengstschläger und der Soziologe Alexander Bogner geben Antworten

Standard: Knapp zehn Jahren ist es her, dass die menschliche Erbsubstanz vollständig sequenziert wurde. Was hat es gebracht, alle Buchstaben unserer DNA zu kennen?

Hengstschläger: Für die Wissenschaft war der erfolgreiche Abschluss des Humangenomprojekts eine Sensation und ein echter Durchbruch. Für die Gesellschaft und die Medizin sieht das etwas anders aus: Da war es ein Schritt von vielen. Zum Teil waren die Erwartungen auch zu hoch gesteckt. Man sprach vom "Buch des Lebens" und hoffte, alle Krankheiten aus den Genen herauszulesen.

Mannhalter: Ich sehe das ähnlich ambivalent. Es wurden und werden dadurch gerade in meinem Fach große Fortschritte gemacht. Aber viele genetische Tests helfen in der patientenbezogenen Anwendung oft nicht wirklich weiter, da sie nur Wahrscheinlichkeiten für das Risiko für Erkrankungen angeben, für den einzelnen Menschen aber keine eindeutigen Aussagen zulassen.

Standard: Kann man sagen, dass die genomische Revolution bei den Patienten noch gar nicht richtig angekommen ist?

Hengstschläger: Ein Problem ist sicher, dass in den letzten zehn Jahren der Fokus der Humangenetik vor allem darauf gerichtet war, was man möglichst günstig und schnell über die DNA eines Menschen erfahren kann. So kam es zu einer Schere zwischen dem, was wir genetisch diagnostizieren können, und dem, was man damit medizinisch anfangen kann. Und diese Schere ist in den letzten zehn Jahren größer geworden.

Bogner: Ich bin mir nicht sicher, ob das Humangenomprojekt nur eine medizinische Innovation von vielen war, wie Herr Hengstschläger eingangs sagte. Ich denke, dass die Medizin diese Molekularisierung durch die Genetik schon auch dazu genützt hat, sich zu verwissenschaftlichen. Damit will ich nicht bestreiten, dass dieses Wissen in vieler Hinsicht segensreich ist. Was sich dadurch meines Erachtens aber auch verändert hat, sind die ganz neuen Ansprüche an die Patienten.

Standard: Wie meinen Sie das?

Bogner: Menschen, die Gentests machen lassen, müssen sich zum Beispiel mit Unsicherheiten der Diagnose auseinandersetzen. Überspitzt formuliert setzen solche Tests einen selbstbestimmten Klienten voraus, der aufgerufen ist, in Kenntnis dieses Wissens sein genetisches Schicksal vorsorglich zu managen.

Hengstschläger: Ich bin mir nicht sicher, dass das gar so neu ist. Steigende Anforderungen an den Patienten, neue Technologien, Wahrscheinlichkeitsangaben und Selbstkontrolle - das ist alles nichts Spezifisches für das genetische Testen. Im Grunde gilt das auch für die Röntgenbilder oder für den Cholesterinspiegel-Check.

Standard: Aber wenn es eh keine Besonderheiten gibt, warum muss man dann die genetischen Anwendungen so genau regeln?

Hengstschläger: Eine Besonderheit ist sicher, dass man solche Tests auch schon an Ungeborenen machen kann. Außerdem wird in Österreich jedes der rund 65.000 Neugeborenen zudem auf einzelne genetische Krankheiten wie zum Beispiel die Phenylketonurie untersucht. Die davon Betroffenen können eine bestimmte Aminosäure nicht abbauen, was zu geistigen Entwicklungsstörungen führen kann. Wenn man allerdings von dieser Anlage weiß, kann eine spezielle eiweißarme Diät die Symptome verhindern.

Mannhalter: Wobei Phenylketonurie in der Regel nicht mit einem DNA-Test ermittelt wird, aber trotzdem der Nachweis als genetischer Test zu werten ist. Im Jahr 2005 gab es eine Überarbeitung des Gentechnikgesetzes. Damals wurde festgelegt, dass unter genetische Tests alle Methoden fallen, die angeborene Anlagen einer bestimmten Eigenschaft detektieren können.

Hengstschläger: Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die Versicherungen und die Arbeitgeber nicht nach DNA-Tests fragen dürfen. Aber sie dürfen sehr wohl fragen, ob man Krebs oder neurodegenerative Krankheiten in der Familie hat. Das ist eine gewisse Diskrepanz.

Standard: Warum sah man sich veranlasst, die Humangenetik so strikte zu regeln?

Bogner: Für mich spielt da sicher der belastende Bezug zur Eugenik und zur Rassenhygiene eine Rolle. Zumindest noch in den 1980er-Jahren kamen die Vorwürfe, dass die Pränataltests dazu führen, dass keine Behinderten auf die Welt kommen - quasi als "Eugenik von unten" . Mittlerweile ist diese Diskussion verebbt - und ich fände es auch falsch, sie wieder anzuzetteln.

Hengstschläger: Was sie jetzt grad getan haben. Deshalb muss ich schon etwas dazu sagen. Wie bei jeder anderen genetischen Untersuchung soll auch die Pränataldiagnostik den Betroffenen einen Vorteil bringen, und es gibt etliche Krankheiten, die man durch Gentests entdeckt und schon im Mutterleib behandelt. Ein Problem ist aber auch hier wieder die Schere zwischen dem, was man diagnostizieren, und dem, was man behandeln kann.

Standard: Hat sich in den letzten Jahren diese Schere überhaupt irgendwo geschlossen?

Hengstschläger: Klar ist, dass wir heute viel mehr monogenetische Krankheiten testen können als vor zehn Jahren, also Erbkrankheiten, die durch eine einzige Genmodifikation verursacht werden. Natürlich gibt es immer noch viel zu viele unheilbare Erbkrankheiten wie Corea Huntington. Dass man das testen lassen kann, bringt den Betroffenen aus medizinischer Sicht wenig. Es gibt aber auch viele Tests, die Vorteile bringen: Denken Sie an das BRCA1-Gen, das eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs anzeigt. Bei Betroffenen ist die Vorsorge engmaschiger, um einen möglichen Tumor früh zu erkennen.

Bogner: Aber gerade auch an dem Beispiel des BRCA1-Tests zeigt sich die Ambivalenz des Ganzen. Auf der einen Seite ist es toll, dass es den Test gibt, der viele Leben rettet. Auf der anderen Seite werden dadurch natürlich auch Ängste und Unsicherheiten ausgelöst.

Mannhalter: Es gibt aber auch genetische Tests, die Unsicherheiten verringern helfen. Neue genetische Tests beim Prostatakarzinom zum Beispiel sind aussagekräftiger als die bisherigen PSA-Tests. Diese neuen Tests sind zwar teurer, sie können aber helfen, die Belastung des Patienten durch chirurgische Eingriffe einzuschränken, und reduzieren damit Folgekosten - was übrigens für viele Gentests gilt. Genanalysen können schließlich auch beitragen, bestimmte Krankheiten besser zu verstehen. So zeigten genetische Tests, dass sich die Tumorzellen bei einer bestimmten Leukämie genetisch unterscheiden. Basierend auf dieser Erkenntnis konnte man spezielle Therapien entwickeln - also in Richtung individualisierter Therapie arbeiten.

Standard: Apropos Individualisierung: Werden die vollständigen Genomanalysen für jeden von uns kommen?

Mannhalter: Das Durchsequenzieren der Genome von Einzelpersonen wird in absehbarer Zeit sicher zu einem erschwinglichen Preis zu haben sein. Ich sehe da keine technischen Begrenzungen.

Hengstschläger: Ich bin mir auch sicher, dass die Genomanalysen für alle nur eine Frage der Zeit sind und die Diagnosen immer differenzierter werden. Klar ist für mich aber auch, dass der einzige Weg, auf dem in der Zukunft bei den Therapien etwas weitergehen kann, die molekulare Grundlagenforschung sein wird. Nur so kann die Schere geschlossen werden. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2010)


Zu den Personen

  • Alexander Bogner (40) ist studierter Soziologe und seit 2002 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Technikfolgenabschätzung der ÖAW. Dort forscht er unter anderem im Bereich Biotechnologie und pränataler Diagnostik.
  • Markus Hengstschläger (41) ist Universitätsprofessor für Medizinische Genetik an der Med-Uni Wien und Vorstand des Instituts. Er ist außerdem u. a. stellvertretender Vorsitzender der Bioethikkommission und Autor populärer Sachbücher ("Die Macht der Gene" )
  • Christine Mannhalter (61) ist Professorin für Molekulare Diagnostik in der klinischen Chemie an der Medizinischen Universität Wien, Mitglied der Bioethikkommission und seit März 2010 Vizepräsidentin des Wissenschaftsfonds FWF.
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