Der Schweizer Wissenschaftsjournalist Beat Glogger hat das Thema Gendoping zu einem fiktionalen Thriller verarbeitet
Standard: Sie waren Hürdensprinter. Sind Sie da mit dem Thema Doping in Berührung gekommen?
Glogger: Die ganze Leichtathletik war damals, als ich das betrieben habe, noch nicht professionell organisiert. Doping ist erst dann ein Thema, wenn viel Geld im Spiel ist. The real dope is the money. Es gab natürlich Freaks, die irgendwelche Blätter gekaut, irgendein Zeugs probiert haben.
Standard: Der Sprung vom Freak zum Gendoping ist nicht so groß. Stehen Phänomene des Sports wie Sprintweltrekordler Usain Bolt unter Generalverdacht?
Glogger: Man kann es extrem sagen: Jedes Ausnahmetalent ist eigentlich ein genetischer Mutant. Am Beispiel Michael Phelps: Sie und ich, wir würden es nicht acht Stunden täglich im Wasser aushalten. Ein Körper, der das aushält, ist nicht normal. Ein Mensch, der 2,20 Meter hoch ist, ist auch nicht normal, aber ein guter Basketballer. Das sind Absonderlichkeiten, aber im positiven Sinn. Tatsächlich habe ich keine Indizien, zu glauben, dass Bolt gedopt ist.
Standard: Warum ist er so überragend? Verhält es sich so wie bei Ihrer Romanfigur Jesse Brown in "Lauf um mein Leben" , der als genetische Besonderheit für den Sprint gleichsam geboren ist?
Glogger: Bolt ist eine genetische Besonderheit, die natürlich nach besten medizinischen Kenntnissen betreut ist. Er ist 1,96 Meter groß. Zu meiner Zeit hätte man ihn zu den Hochspringern geschickt. Heute haben diese langen Lulatsche gelernt zu rennen. Sie haben gelernt, ihre Giraffenbeine zu bewegen. Die Trainer haben gelernt, wie der Bewegungsablauf sein muss. Wenn sein Fersenbein hinten einen halben Zentimeter weiter raus-steht, dann gibt das mit dem Muskel zusammen eine enorm höhere Hebelwirkung. Also hat er mehr Abdruck. Und wenn er am Schluss über 100 Meter acht Schritte weniger macht, und pro Schritt braucht man x Kalorien, dann verbraucht er im ganzen Lauf so viel weniger bzw. hat so viel mehr zur Verfügung.
Standard: Sie vertreten die oft bekämpfte Meinung, dass bestimmte Menschenschläge bestimmte sportliche Voraussetzungen haben.
Glogger: Ich verwende dafür sogar das Wort Rasse. Die Schwarzen sind uns in ganz vielen Bereichen athletisch überlegen. Früher hat man das die Ghetto-Theorie genannt, das ist aber Quatsch, weil die kommen heute alle aus Colleges. Westafrikaner haben eben ein längeres Fersenbein, wie sie eine dunklere Haut oder eine breitere Nase haben. Das kann man nicht wegdiskutieren.
Standard: Und Weiße sind eher für Kraftsportarten prädestiniert?
Glogger: Ja, Gewichtheben ist ein Beispiel. Wie viele schwarze Gewichtheber gibt es denn? Es ist ganz klar, dass es Sportarten gibt, die für die einen oder anderen besser geeignet sind.
Standard: Diese Erkenntnis wird genützt.
Glogger: Das haben ja schon die DDRler gemacht. Sie haben alle Kinder ausgemessen, haben gesagt, o.k., wenn du mit zwölf Jahren diese oder diese körperlichen Voraussetzungen hast, dann bist du unser künftiger Schwimmer oder Kugelstoßer oder Läufer. Jetzt könnte man hingehen und in Sportschulen nach Jungs wie Bolt schauen. Das wird ja gemacht. Ich habe in meinem Roman nur den kleinen Schritt in die Fiktion getan, da wird dem Sportler ein Gen genommen, um es bei anderen Sportlern zum Einsatz zu bringen.
Standard: Wird das praktiziert?
Glogger: Sie können sich heute im Internet einen Test auf das Gen ACTN3 besorgen, das für Geschwindigkeit zuständig ist, das Muskeln schnellkräftig macht. Da können Sie die Mundschleimhaut abstreichen, schicken die Proben ein und haben nach drei Wochen die Auskunft, ob Sie ein Sprinter oder ein Langstreckenläufer sind. Ich habe mir so einen Kit selbst in Australien besorgt. Wie zuverlässig aber solche Tests zurzeit noch sind, zeigt die Tatsache, dass man mir bescheinigt hat, ich sei für den Langstreckenlauf geeignet. Tatsächlich aber war ich im Nationalkader der Hürdensprinter. Momentan geht es hier nur ums Geschäft. So hat der Besitzer einer Firma, die solche Tests vertreibt, in der New York Times gesagt, dass in den USA jedes Kind vor dem dritten Lebensjahr genetisch darauf getestet werden soll, für welchen Sport es tauglich ist. Der nächste Schritt ist, dass man dem, der es hat, das Supergen wegnimmt.
Standard: Ist Gendoping deshalb abzulehnen, weil es nicht im Gehege des Sports bleiben kann?
Glogger: Da zitiere ich gerne den britischen Bioethiker Andy Miah, den ich in Liverpool für eine Arte-Dokumentation interviewt habe. Der ist herrlich provokativ und sagt, dass die genetische Veränderung des Menschen keine Gefahr, sondern eine Pflicht ist. Die Menschheit habe immer Technologien erfunden, vom Faustkeil bis zur Kernspaltung, um sich selbst als Spezies weiterzubringen. Warum sollte sie also vor der Gentechnik Halt machen? Ethisch, sagt Miah, gibt es keinen Grund, dem einen Riegel vorzuschieben. Er sagt, nehmt die Sportler, verändert sie und testet an ihnen, was es zu testen gibt. Macht das offiziell.
Standard: Und wie ist Ihre eigene Meinung dazu?
Glogger: Im ersten Moment ist da ein Erschrecken. Im zweiten Moment aber ein Nachdenken darüber, welche Technologien wir nicht schon abgelehnt haben, die heute gang und gäbe sind. Das ist ein schmales Feld. Miah denkt das Spiel nur zu Ende.
Standard: Stimmt der Eindruck, dass bei Entwicklung von Medikamenten oder Technologien erst die Labormaus und dann schon der Sportler kommt? Ist das bei der Gentechnologie so?
Glogger: Das ist zu befürchten. Und die Leute, die das befürchten, haben allen Grund dazu. Die Welt Anti Doping Agentur befürchtet, dass man die kontrollierten klinischen Versuche überspringt, weil im Sport das Geld drinnen und der Erfolgsdruck da ist. Dasselbe sagt die American Association for the Advancement of Science. Um das zu verhindern, müssen Wissenschafter, Ärzte und Dopingfahnder zusammenarbeiten. Das Problem ist, dass wir noch keine Nachweismethoden haben. Die gibt es nur indirekt, etwa durch Blutprofile über längere Zeit, die etwa Unregelmäßigkeiten beim Protein Myostatin, das für die Hemmung des Muskelwachstums zuständig ist, aufzeigen. Man könnte schließen, dass Myostatin durch Gendoping ausgeschaltet wird. Das ist aber vom Nachweis weit weg.
Standard: Wird es eine Welle von Todesfällen im Sport geben, bis Gendoping nachweisbar ist?
Glogger: Ich glaube ja. Epo hat es bewiesen. Das waren in den 90er-Jahren tote Radfahrer, von denen es viel mehr als zunächst gedacht gegeben hat. Heute stirbt keiner mehr an Epo, aber wenn etwas Neues im Markt ist, wird es auch Tote geben. (DER STANDARD Printausgabe 17.04.2010)
ZUR PERSON:
Beat Glogger (50) studierte inZürich Mikrobiologie undBiochemie. Zwischen 1985 und 1999 Moderator bzw. Leiter desWissenschaftsmagazins MTW des Schweizer Fernsehens, seither freier Wissenschaftsjournalist.Romane "Xenesis" (2004 Rowohlt) und "Lauf um mein Leben" (2008 Rowohlt, 384 Seiten, 8,95 Euro)