STANDARD-Interview

Jedes Ausnahmetalent ist ein Mutant

16. April 2010, 18:55

Der Schweizer Wissenschafts­journalist Beat Glogger hat das Thema Gendoping zu einem fiktionalen Thriller verarbeitet

Standard: Sie waren Hürdensprinter. Sind Sie da mit dem Thema Doping in Berührung gekommen?

Glogger: Die ganze Leichtathletik war damals, als ich das betrieben habe, noch nicht professionell organisiert. Doping ist erst dann ein Thema, wenn viel Geld im Spiel ist. The real dope is the money. Es gab natürlich Freaks, die irgendwelche Blätter gekaut, irgendein Zeugs probiert haben.

Standard: Der Sprung vom Freak zum Gendoping ist nicht so groß. Stehen Phänomene des Sports wie Sprintweltrekordler Usain Bolt unter Generalverdacht?

Glogger: Man kann es extrem sagen: Jedes Ausnahmetalent ist eigentlich ein genetischer Mutant. Am Beispiel Michael Phelps: Sie und ich, wir würden es nicht acht Stunden täglich im Wasser aushalten. Ein Körper, der das aushält, ist nicht normal. Ein Mensch, der 2,20 Meter hoch ist, ist auch nicht normal, aber ein guter Basketballer. Das sind Absonderlichkeiten, aber im positiven Sinn. Tatsächlich habe ich keine Indizien, zu glauben, dass Bolt gedopt ist.

Standard: Warum ist er so überragend? Verhält es sich so wie bei Ihrer Romanfigur Jesse Brown in "Lauf um mein Leben" , der als genetische Besonderheit für den Sprint gleichsam geboren ist?

Glogger: Bolt ist eine genetische Besonderheit, die natürlich nach besten medizinischen Kenntnissen betreut ist. Er ist 1,96 Meter groß. Zu meiner Zeit hätte man ihn zu den Hochspringern geschickt. Heute haben diese langen Lulatsche gelernt zu rennen. Sie haben gelernt, ihre Giraffenbeine zu bewegen. Die Trainer haben gelernt, wie der Bewegungsablauf sein muss. Wenn sein Fersenbein hinten einen halben Zentimeter weiter raus-steht, dann gibt das mit dem Muskel zusammen eine enorm höhere Hebelwirkung. Also hat er mehr Abdruck. Und wenn er am Schluss über 100 Meter acht Schritte weniger macht, und pro Schritt braucht man x Kalorien, dann verbraucht er im ganzen Lauf so viel weniger bzw. hat so viel mehr zur Verfügung.

Standard: Sie vertreten die oft bekämpfte Meinung, dass bestimmte Menschenschläge bestimmte sportliche Voraussetzungen haben.

Glogger: Ich verwende dafür sogar das Wort Rasse. Die Schwarzen sind uns in ganz vielen Bereichen athletisch überlegen. Früher hat man das die Ghetto-Theorie genannt, das ist aber Quatsch, weil die kommen heute alle aus Colleges. Westafrikaner haben eben ein längeres Fersenbein, wie sie eine dunklere Haut oder eine breitere Nase haben. Das kann man nicht wegdiskutieren.

Standard: Und Weiße sind eher für Kraftsportarten prädestiniert?

Glogger: Ja, Gewichtheben ist ein Beispiel. Wie viele schwarze Gewichtheber gibt es denn? Es ist ganz klar, dass es Sportarten gibt, die für die einen oder anderen besser geeignet sind.

Standard: Diese Erkenntnis wird genützt.

Glogger: Das haben ja schon die DDRler gemacht. Sie haben alle Kinder ausgemessen, haben gesagt, o.k., wenn du mit zwölf Jahren diese oder diese körperlichen Voraussetzungen hast, dann bist du unser künftiger Schwimmer oder Kugelstoßer oder Läufer. Jetzt könnte man hingehen und in Sportschulen nach Jungs wie Bolt schauen. Das wird ja gemacht. Ich habe in meinem Roman nur den kleinen Schritt in die Fiktion getan, da wird dem Sportler ein Gen genommen, um es bei anderen Sportlern zum Einsatz zu bringen.

Standard: Wird das praktiziert?

Glogger: Sie können sich heute im Internet einen Test auf das Gen ACTN3 besorgen, das für Geschwindigkeit zuständig ist, das Muskeln schnellkräftig macht. Da können Sie die Mundschleimhaut abstreichen, schicken die Proben ein und haben nach drei Wochen die Auskunft, ob Sie ein Sprinter oder ein Langstreckenläufer sind. Ich habe mir so einen Kit selbst in Australien besorgt. Wie zuverlässig aber solche Tests zurzeit noch sind, zeigt die Tatsache, dass man mir bescheinigt hat, ich sei für den Langstreckenlauf geeignet. Tatsächlich aber war ich im Nationalkader der Hürdensprinter. Momentan geht es hier nur ums Geschäft. So hat der Besitzer einer Firma, die solche Tests vertreibt, in der New York Times gesagt, dass in den USA jedes Kind vor dem dritten Lebensjahr genetisch darauf getestet werden soll, für welchen Sport es tauglich ist. Der nächste Schritt ist, dass man dem, der es hat, das Supergen wegnimmt.

Standard: Ist Gendoping deshalb abzulehnen, weil es nicht im Gehege des Sports bleiben kann?

Glogger: Da zitiere ich gerne den britischen Bioethiker Andy Miah, den ich in Liverpool für eine Arte-Dokumentation interviewt habe. Der ist herrlich provokativ und sagt, dass die genetische Veränderung des Menschen keine Gefahr, sondern eine Pflicht ist. Die Menschheit habe immer Technologien erfunden, vom Faustkeil bis zur Kernspaltung, um sich selbst als Spezies weiterzubringen. Warum sollte sie also vor der Gentechnik Halt machen? Ethisch, sagt Miah, gibt es keinen Grund, dem einen Riegel vorzuschieben. Er sagt, nehmt die Sportler, verändert sie und testet an ihnen, was es zu testen gibt. Macht das offiziell.

Standard: Und wie ist Ihre eigene Meinung dazu?

Glogger: Im ersten Moment ist da ein Erschrecken. Im zweiten Moment aber ein Nachdenken darüber, welche Technologien wir nicht schon abgelehnt haben, die heute gang und gäbe sind. Das ist ein schmales Feld. Miah denkt das Spiel nur zu Ende.

Standard: Stimmt der Eindruck, dass bei Entwicklung von Medikamenten oder Technologien erst die Labormaus und dann schon der Sportler kommt? Ist das bei der Gentechnologie so?

Glogger: Das ist zu befürchten. Und die Leute, die das befürchten, haben allen Grund dazu. Die Welt Anti Doping Agentur befürchtet, dass man die kontrollierten klinischen Versuche überspringt, weil im Sport das Geld drinnen und der Erfolgsdruck da ist. Dasselbe sagt die American Association for the Advancement of Science. Um das zu verhindern, müssen Wissenschafter, Ärzte und Dopingfahnder zusammenarbeiten. Das Problem ist, dass wir noch keine Nachweismethoden haben. Die gibt es nur indirekt, etwa durch Blutprofile über längere Zeit, die etwa Unregelmäßigkeiten beim Protein Myostatin, das für die Hemmung des Muskelwachstums zuständig ist, aufzeigen. Man könnte schließen, dass Myostatin durch Gendoping ausgeschaltet wird. Das ist aber vom Nachweis weit weg.

Standard: Wird es eine Welle von Todesfällen im Sport geben, bis Gendoping nachweisbar ist?

Glogger: Ich glaube ja. Epo hat es bewiesen. Das waren in den 90er-Jahren tote Radfahrer, von denen es viel mehr als zunächst gedacht gegeben hat. Heute stirbt keiner mehr an Epo, aber wenn etwas Neues im Markt ist, wird es auch Tote geben. (DER STANDARD Printausgabe 17.04.2010)

ZUR PERSON:

Beat Glogger (50) studierte inZürich Mikrobiologie undBiochemie. Zwischen 1985 und 1999 Moderator bzw. Leiter desWissenschaftsmagazins MTW des Schweizer Fernsehens, seither freier Wissenschaftsjournalist.Romane "Xenesis" (2004 Rowohlt) und "Lauf um mein Leben" (2008 Rowohlt, 384 Seiten, 8,95 Euro)

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Posting 1 bis 25 von 53
1 2
so go
00
24.6.2010, 12:22
Genetischer Determinismus

ist die Zukunft! Für mich steht nicht zur Debatte, ob wir dies- sondern lediglich wann und wie dies umgesetzt wird.

Deswegen investieren Firmen heute schon Millionen und patentieren Hunderte von Genen um in der Zukunft damit Milliarden zu verdienen.

Es geht hier nicht um den Menschen, sondern NUR ums Geschäft.

kurt haenel
 
00
21.5.2010, 20:33
Das haben ja schon die DDRler gemacht. Sie haben alle Kinder ausgemessen, haben gesagt, o.k., wenn du mit zwölf Jahren diese oder diese körperlichen Voraussetzungen hast, dann bist du unser künftiger Schwimmer

....

also das kann ich bestätigen...

f 3
00
23.4.2010, 23:03

dass beat glogger richtig viel ahnung vom laufen hat sieht man daran, dass er den vorteil eines längeren fersenbeins beschreibt, und das bei einem sprinter (= vorfußläufer).
es gibt kein abrollen, bzw. ausnutzen dieses besseren hebels beim 100m lauf.

Ahnungs Loser
00
20.4.2010, 20:03
herrlich

"Heute haben diese langen Lulatsche gelernt zu rennen. Sie haben gelernt, ihre Giraffenbeine zu bewegen."

you made my day!

lobo marunga
11
19.4.2010, 11:47

erst wenn alle auf allen kontinenten gleich gefördert bzw. gleiche voraussetzung haben und dann signifikante unterschiede heraus kommen kann man sagen die menschen auf diesem kontinent haben einen genetischen vorteil.
ansonsten ist das alles blödsinn...

so go
00
24.6.2010, 12:23

Nein, man muss nicht jedes Sandkorn analysieren um zu wissen wie Sand beschaffen ist.

rapidla01
00
17.4.2010, 16:31

ich glaub das ganze spießt sich am wort rasse weils vorbelastet ist... aber das es unterschiede gibt ist wohl nicht abzustreiten. Die Schlüsse die man daraus zieht sind allerdings gefährlich...

NONE
10
17.4.2010, 17:39

Was für Schlüsse? Der Mann ist verwirrt.

"Das haben ja schon die DDRler gemacht."

Was er vergisst zu erwähnen, die DDR hat extrem gedoped.

Punkt: Schwimmen

Man kann aus einer Frau einen Mann machen aber aus einem Mann keinen Fisch.

kurt haenel
 
00
21.5.2010, 20:34
@none

Dping schon. ist richtig.

Aber die erste Auswahl erfolgte bei den Schwimmern über grösse der Hand-und Fussflächen..

Micaela Sklubova
50
17.4.2010, 13:32

"Ich verwende dafür sogar das Wort Rasse."

wow, wie mutig!


könnte er nicht ein anderes wort verwenden als das, was eben zu rassismus führt???

nasenbaer1984
15
17.4.2010, 20:49
Meine Güte..

muss man denn überall diese verdammte Verbindung zum Nationalsozialismus/Rassismus/wasweißich suchen?? Kann man das Wort nicht mal einfach genauso wertneutral betrachten, wie man es z.B. bei Tieren tut?

bwzler
32
18.4.2010, 15:09

könnte man, wenn es denn verschiedene Menschenrassen gäbe. gibt es aber nicht.

ein weißer Pudel und ein grauer Pudel sehen auch anders aus, sind aber trotzdem beides Pudel....

nasenbaer1984
00
18.4.2010, 19:25

spricht ja auch niemand von 2 verschiedenfarbigen Pudeln, sondern eher von Pudel und Labrador oder was weiß ich für einem anderen Hund.
Aber darum gehts ja gar nicht - es gibt einfach Unterschiede im Körperbau zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Da muss man doch nicht groß herumdiskutieren, zwanghaft Rassismus reininterpretieren - das kann man doch auch einfach akzeptieren, solange es nicht (ab)wertend gemeint ist, oder?

f 3
00
23.4.2010, 18:05

egal wie es gemeint ist und ob was hineininterpretiert ist - wie "bwzler" schon richtigerweise geschrieben hat: es gibt nun einmal keine rassen beim menschen (wir sind eine rasse, wenn man so will).

Nick Not
01
18.4.2010, 23:45

und hier haben sie eh schon ein Problem, was bedeutet unterschiedliche Herkunft?

es ist einfach schwierig naturwissenschaftliche Begriffe die z.B. aus der Biologie stammen auf sozialwissenschaftliche Phänomene umzulegen. und die Wertneutralität wissenschaftlicher Begriffe ist auch ein heißdiskutiertes Feld besonders auch in den Sozialwissenschaften. Es zeigt sich bei sehr vielen Merkmalen das die Varianz innerhalb einer menschliechen Population größer ist als zwischen menschlichen Populationen (zumindest wenns um kognitive Fähigkeiten geht). Die Bildung von Gruppen die man vergleicht ist im übrigen auch nicht Wert- oder Beobachterunabhängig.

schwierige Diskussion und sicher nicht so leicht zu beantworten.

Topfenbaby
12
18.4.2010, 07:14
Das ist völlig ausgeschlossen

Wenn man der Meinung ist, dass es bei verschiedenen Ethnien genetische Unterschiede gibt, setzt sofort der ideologische Beißreflex ein.

Prolet
00
17.4.2010, 09:28
Wusste ich es doch - eine geistige Ausnahmeerscheinung muß es sein!

Jack Gooser
01
16.4.2010, 23:02
Gattaca

Topfenbaby
76
16.4.2010, 19:26
Ich verwende dafür sogar das Wort Rasse. Die Schwarzen sind uns in ganz vielen Bereichen athletisch überlegen."

Uih!

Da werden gleich die Ersten hier auftauchen und uns mit dem Hinweis auf Wikepedia erklären, dass es keine Rassen gibt.

Ahnungs Loser
00
20.4.2010, 20:04
dass es sie gibt, weiß jeder

nur dass man wegen eines rassenmerkmals unsympathisch ist (halloooo, das kann man nicht ändern!!), ist ziemlich unlogisch.

aber popuulistisch herumbrüllen und beleidigte statements von sich zu geben, weil man sich von der öffentlichkeit diskriminiert fühlt, führt auch zu keinem konsens.

Nebukadnezzar
00
18.4.2010, 00:41

Und? Das weiß doch jeder der sich mit Sportwissenschaften ein wenig beschäftigt

NONE
12
17.4.2010, 17:39

Es gibt auch unabhängig von Wikipedia keine menschlichen Rassen. Schau dir doch die biologische Definition von Rasse an.

Zhdophanti
01
17.4.2010, 15:15
Wenn beim Menschen

der Begriff Rasse gleich schnell angewendet werden würde wie bei Tieren (zB Katzen), dann wäre er durchaus gerechtfertigt. Aus historischer Sicht ist der Begriff aber negativ belegt und wird deswegen wahrscheinlich nicht sehr gerne verwendet.

standardniveau
12
17.4.2010, 11:31
das hab ich bei den schwarzen schwergewichtsboxweltmeistern auch immer vermutetet


aber sind dann die die schwarzen aus jamaika eine

besondere rasse oder den anderen schwarzen

genetisch überlegen ?

joergipoergi
00
23.5.2010, 10:48

sehen sie, deswegen ist der Begriff Rasse problematisch. Ein Schwarzer aus Jamaika hat mit einem Schwarzen aus sagen wir Südafrika soviel zu tun wie sie mit einem Tibeter. Natürlich ist er einem anderem Jamaikaner ähnlicher und natürlich gibt es genetische Gleichheiten in bestimmten Regionen. Aber nur weil jemand schwarz ist heist das nicht dass er allen anderen Schwarzen genetisch ähnlich ist.
mfg

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