Österreich ist gentechnikfrei

16. April 2010 18:39

Undifferenzierte Ablehnung stiftet Identität, aber nutzt weder uns noch der Welt

Jede neue Technologie erfordert vor ihrem breiten Einsatz eine grund-legende Diskussion über Fol- gen und Risiken - ob technisch, politisch, gesellschaftlich und psychologisch. Dies wurde im Stammland der angewandten Gentechnik, den USA, in den vergangenen 30 Jahren sicherlich vernachlässigt. Auch wenn beim Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen noch kein konkreter Schaden aufgetreten ist, wurden manche Risiken im wissenschaftlich-geschäftlichen Eifer zu wenig beachtet.

In Österreich hingegen hat eine solche Debatte nicht einmal begonnen. Schon früh hat die öffentliche Meinung, gespeist von der Krone und einer Tradition der Fortschrittsfeindlichkeit, Gentechnik für grundsätzlich böse erklärt, und die Politik hat diese Haltung bereitwillig übernommen.

Wer für eine differenzierte Auseinandersetzung über Nutzen und Gefahren gentechnischer Agrarmethoden und -produkte eintritt, wird behandelt, als würde er Straffreiheit für Pädophile fordern. Das traut sich keine Partei und keine Lobby - selbst wenn die Hälfte der Österreicher laut Standard-Umfrage Gentechnik an sich befürwortet. "Österreich ist gentechnikfrei" , könnte ein moderner Leopold Figl heute im Belvedere verkünden.

Nun kann man einwerfen, dass das Land mit dieser Haltung bisher nicht schlecht gefahren ist. Für Österreichs Bauern bietet Bio-Marketing - und die erlaubt keinerlei Gentechnik - die beste Chance, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Und aus dieser Positionierung erwächst sogar eine neue nationale Identität, am besten verkörpert durch den sympathischen "Ja, natürlich" -Bauern und sein sprechendes Schweinderl.

Gentechnikfreiheit ist drauf und dran, die Neutralität als jene Eigenschaft zu verdrängen, über die sich Österreicher identifizieren. Und sie hilft uns, die sonst miserable Klima- und Ökobilanz des angeblich grünen Musterlandes zu vergessen. Wen stört es schon, dass wir EU-Schlusslicht bei den Kioto-Zielen sind, wenn auf jeder Milch "gentechnikfrei" prangt?

Doch letztlich ist dieser neue Mythos genauso verlogen wie der alte und führt moralisch und politisch in die Sackgasse. So wie die Neutralität stellt auch unsere Ökopolitik eine unsolidarische Trittbrettfahrt dar. Die Verbannung der Gentechnik von heimischen Feldern und Regalen nützt - anders als die Verringerung von CO2-Emissionen - nur der eigenen Befindlichkeit. Sie ist Ausdruck einer persönlichen Konsumpräferenz ohne globalen Nutzen.

Im Gegenteil: Angesichts von Wasserknappheit und Bodenerosion sind sich Experten einig, dass nur ein neuer Schub in der Agrartechnologie viele afrikanische Länder vor dem Massenhunger bewahren kann - und dazu gehört auch gentechnisch verändertes Saatgut, das gegen Dürre und Schädlinge resistent ist. Die Angst vor EU-Importverboten lässt viele Länder zögern und verhindert innovative Entwicklungsstrategien, die - anders als behauptet - nicht nur Monsanto und anderen Multis dienen würden.

In Europaist die Debatte über eine sinnvolle Regelung der Biotechnologie, die manches verbietet und anderes erlaubt, längst im Gang - und Österreich kann zu ihr nichts beitragen. Wer hört schon in Brüssel auf Einwände aus Wien, wenn man weiß, dass hierzulande der Gen-Fundamentalismus regiert? So werden andere über unsere gentechnische Zukunft bestimmen, denn eines ist sicher: Ewig werden weder Gentechnologie noch Genprodukte an den Grenzen haltmachen. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2010)

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shubshub
14.11.2011 19:27
Interessante Initiative, um..

den Technologieverweigerern vielleicht einmal ein wenig die Augen zu öffnen....

http://chemiereport.at/chemierep... ies/10948/

motel
24.04.2010 21:00
Wurde dieser Artikel mit oder ohne Recherche geschrieben?

Nutzt undifferenzierte Befürwortung der Welt? Nutzt differenzierte Ablehnung der Welt?
Der Artikel zeigt auch nur ein weiteres verzerrtes, undifferenziertes Bild auf; einige Blickpunkte fehlen.

Wieso ist die Konsumpräferenz der gentechnikfreien Ernährung ohne globalem Nutzen? Anders: Was und WO ist der globale Nutzen einer GVO-Ernährung?

Weiters wird behauptet, dass sich Experten einig sind, neue Agrartechnologie können vor Massenhunger bewahren. Was ist mit Experten, die behaupten, Massenhunger müsse prinzipiell nicht stattfinden und Gentechnik muss nicht eine automatisch eine Lösung sein?

Ist man sofort "Gen-Fundamentalist", wenn man sich gegen Gentechnik entscheidet?

Usw. usf.

klausenpown
19.04.2010 14:21

In Zentralafrika kaufen sich internationale Konzerne ein, um mit High Tech Düngemitteln und Bewässerungssystemen Exportlebensmittel für Asien und Europa anzubauen. (Kein Bauer bekommt solche Kredite für Saatgut, Düngemittel + Bewässerung). Gleichezeitig rollen subventionierte Überschüsse aus Europa nach Afrika, um den Bauern die Lebensgrundlage am Binnermarkt zu zerstören.

Und jetzt sollen (natürlich patentierte und teure) Gentechnologien für den äthiopischen Kleinbauern der Heilsbringer sein? Das erhöht die Marktmacht der Großkonzerne und den Preisdruck auf den Kleinbauern.

Aber die Logik 'der Kleinbauer kann sich keine Bewässerungsinfrastruktur leisten, deshalb soll er resistentes Gentechniksaatgut verwenden' kann ich nicht folgen..

diamant
 
21.04.2010 20:41
Aethiopien liegt in Ostafrika....

Silvio Lackner
19.04.2010 08:48
Ich kann an der Gentechnik nix finden, was "gegen" die Natur wäre:

Zellen, Gene, DNA, Enzyme, Plasmide, Proteine, Transposons, Pflanzen, Menschen, Gehirne, Samen, Bacillen, Spinnen, Käfer, Hefen - Natur pur. Diese Technologie ist so grün - grüner wirds nimmer.

helmut hromadnik5
 
19.04.2010 22:07
Silvio Lackner: ......"Ich kann an der Gentechnik nix finden, was "gegen" die Natur wäre".....

ICH HABE SPEZIELL VON IHNEN AUCH NICHTS ANDERES ERWARTET !!!

Salz Burger
23.04.2010 22:03

Der Lackner hat aber recht. Auf die teilweise schon religiösen Züge der Technikverweigerer braucht die Wissenschaft nicht reagieren.

helmut hromadnik5
 
24.04.2010 09:21
Als ich "Salz Burger" las,

wusste ich in etwa bereits den inhalt ihres postings !

Horus3
18.04.2010 19:31
Wie bitte?

Gentechnikfreiheit ist drauf und dran, die Neutralität als jene Eigenschaft zu verdrängen, über die sich Österreicher identifizieren? Welche Neutralität denn, ich dachte seit dem EU-beitritt gibt es die ohnehin nur noch um es Kindern im Geschichtsunterricht zu erzählen. Mal abgesehen von dem EU-Heer das von Sarkozy und Berluskoni bereits besiegelt wurde. Dieser Verein sieht sowieso über all unsere Interessen hinweg, auch in der Gentechnikfrage mit der wir uns jetzt wohl eine neue Identität zugelegt haben. Und wir bezahlen Brüssel auch noch dafür! Die Bürger sehen vor Leuter Bäumen den Wald nicht mehr. Kein Wunder bei all diesen haarespaltenden Debatten (=Ablenkungsmanöver)!

diamant
 
18.04.2010 19:36
Wie kann man Teil eines Vereins sein, wenn sich der

ueber die 'eigenen Interessen' hinwegsetzt?
Ist das etwa so wie wenn im Briefmarkensammlerverein staendig ueber Fussball geredet wird?
Vielleicht sollten sie dann den Verein wechseln?

spekulant_in, realwirtschaftlich
18.04.2010 20:49
haha

http://derstandard.at/plink/127... 3/16379798

"ielleicht sollten sie dann den Verein wechseln?"

vllt.

ostap_bender
 
18.04.2010 19:48
sie werden müde

bitte, das ist schon ein peinlich, was sie jetzt von sich geben, aufwachen und weiterhackeln...
wie man teil eines vereines sein kann, und sich trotzdem darüber hinwegsetzen kann ?
nun, erste variante: alle sind gleich, manche sind gleicher...
zweite variante: omerta
aber diese würde ich ihnen nicht so empfehlen, es sei denn die andere gruppe besteht aus aliens, oder mindestens rosencreutzer...
aber jetzt hackelns was für ihre 30 silberlinge, und falls ihnen dies im nachhinein als zuwenig erscheint, pech das waren ihre gene welche ein grössere summer verhinderten...

wwwtom
18.04.2010 18:41
bla bla bla - Gentechnik und das alte Heilsversprechen

Nur weil eine Technologie neu ist ist sie noch lange nicht nützlich.
An den Keimbahnen pfuschen wird zu ebensolchen Ergebnissen führen, aber wo sind die Vorteile außer der Gewinnmaximierung der Konzerne über Patente auf Dinge die eigentlich schon da sind?
Was macht es für einen Sinn den Zuckeranbau und Tierfabriken mit hunderten Millionen Euro zu förern, statt den Anbau von Biogemüse?

Wenn wir das selbe Geld für die Erforschung und Entwicklung des sozialen gesellschaftlichen Lebens investieren hätten wir doch alle mehr an Lebensqualität.

KingAl
18.04.2010 19:57
Das ist exakt das, was der Autor anprangert,

es lebe das Pauschalurteil.

wwwtom
20.04.2010 18:01
Pauschal sind die Aussagen der Gentechnikfanaten

Da wird behauptet, es is alles so toll.
Wenn alles so toll ist und so produktiv, wieso brauchen die dann so viel öffentliches Geld?

Fakten: Biobauern in vielen Ländern müssen mit ihrem hart verdientem Geld Zertifikate kaufen, um zu beweisen, dass ihre Bäume die schon lange dort stehen nicht gentechnisch verändert sind. Das ist Absurd.

Das soll volkswirtschaftlich Sinn machen?
Das hat auch nix mit nachhaltigem Wirtschaften zu tun.
Das hat wieder so was von Risiken auf die Allgemeinheit abwälzen und Gewinne privatisieren. Davon haben wir schon genug.

Das kann ich pauschal sagen.

KingAl
21.04.2010 18:14

Entschuldigung, aber im Artikel steht da nichts davon. Und Sie haben schließlich genau diesen Artikel kommentiert.

Abgesehen davon halte ich es für absolut falsch, auf Pauschalurteile mit Gegen-Pauschalurteilen zu antworten. Aber von mir aus können sie pauschal sagen, dass Pauschalurteile Unfug sind, soweit kann ich Ihnen folgen ;-)

spekulant_in, realwirtschaftlich
18.04.2010 18:39
zufälle gibt's: nur ein tag früher schreibt ein weiterer GMO-experte einen standard-kommentar

nämlich:

"Reinhard Schlieker ist Wirtschaftsredakteur und Börsenspezialist beim "heute"-Journal des ZDF und lebt in Köln."

WOW! nobelpreis-verdächtig!

http://derstandard.at/127137453... -unter-uns

ostap_bender
 
18.04.2010 18:35
mengele in der bildung

ich kann ebenfalls an gentechnik nix finden was gegen die natur ist...

ich kann in die genetik von pflanzen eingreifen, und das ist vollkommen wurscht, da ja die pflanze in keinerlei kreisläufe eingebunden ist, oder so...

ganz so, wie vermutlich die wohnung eines gentechnikbefürworters aussieht, eine kopie der mona lisa, darunter ein dildo in rosabraun, das ganze umrandet von ner grünen wand, welche versehen ist mit schwarzen punkten, alles sieht für sich allein betrachtet "interessant" aus und das gesamtbild etc, na wen interessiert das schon, die/der soll gefälligst sein lagerfeuer woanders machen...

Felix Mountpatten-Puttenburg
 
18.04.2010 18:24
Jawoll, Gentechnik, Frei!

Österreich ist Gentechnik, frei! endlich.

spekulant_in, realwirtschaftlich
18.04.2010 18:04
wenn's die mehrheit nicht will,

dann ist das eben so - man nennt das demokratie, frey. die leute wollen das zeug nicht, haben halt andere konsumpräferenzen. und?

damit verabschiede ich mich hier aus der leidigen debatte, an der die GMO-fans nur als pöbler auftreten.

ist mir wirklich zu blöd, zeitverschwendung.

diamant
 
18.04.2010 20:24
Die Agrarpolitik ist reine EU-Materie und wird daher

in Bruessel beschlossen oder abgewiesen!
Ob die Mehrheit der EU-Buerger wie die Oesterreicher also dagegen sind wird sich weisen!
Ich hoffe aber sehr das sie auch deren Entscheidungen akzeptieren werden!

spekulant_in, realwirtschaftlich
18.04.2010 20:50
die EU ist nicht demokratisch legitimiert,

wie Sie sicher wissen. man wird mich im fall der fälle dazu zwingen, es zu dulden, aber mit akzeptanz hat das nichts zu tun.

diamant
 
18.04.2010 21:03
'die EU ist nicht demokratisch legitimiert'

Nein, ist sie nicht?
Helfen sie mir weiter!

Wer trifft den in der EU die Entscheidungen? Herman Van Rompuy? Der wohl nicht, denn der wurde gewaehlt, oder?

spekulant_in, realwirtschaftlich
18.04.2010 21:25
demokratie-defizit der EU

schon mal gehört?

haben Sie der verpflichtung zur kontinuierlichen aufrüstung der EU-armeen etwa zugestimmt? krass. ich nicht. andere auch nicht. für mich stellt sich das als problem dar.

auch durch den lissaboner vertrag hat sich das lange nicht in allen bereichen geändert - also nicht mal repräsentative demokratie im herkömmlichen sinne ist gegeben.

Silvio Lackner
19.04.2010 08:38
das Demokratiedefizit

gab immerhin den Anti-Biotechnologie-Lobbyisten die Chance, in der Kommission ein Forschungsmoratorium zu erwirken, weshalb heute bekanntlich die USA und Asien Technologieführer sind - und nicht mehr Europa.

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