Undifferenzierte Ablehnung stiftet Identität, aber nutzt weder uns noch der Welt
Jede neue Technologie erfordert vor ihrem breiten Einsatz eine grund-legende Diskussion über Fol- gen und Risiken - ob technisch, politisch, gesellschaftlich und psychologisch. Dies wurde im Stammland der angewandten Gentechnik, den USA, in den vergangenen 30 Jahren sicherlich vernachlässigt. Auch wenn beim Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen noch kein konkreter Schaden aufgetreten ist, wurden manche Risiken im wissenschaftlich-geschäftlichen Eifer zu wenig beachtet.
In Österreich hingegen hat eine solche Debatte nicht einmal begonnen. Schon früh hat die öffentliche Meinung, gespeist von der Krone und einer Tradition der Fortschrittsfeindlichkeit, Gentechnik für grundsätzlich böse erklärt, und die Politik hat diese Haltung bereitwillig übernommen.
Wer für eine differenzierte Auseinandersetzung über Nutzen und Gefahren gentechnischer Agrarmethoden und -produkte eintritt, wird behandelt, als würde er Straffreiheit für Pädophile fordern. Das traut sich keine Partei und keine Lobby - selbst wenn die Hälfte der Österreicher laut Standard-Umfrage Gentechnik an sich befürwortet. "Österreich ist gentechnikfrei" , könnte ein moderner Leopold Figl heute im Belvedere verkünden.
Nun kann man einwerfen, dass das Land mit dieser Haltung bisher nicht schlecht gefahren ist. Für Österreichs Bauern bietet Bio-Marketing - und die erlaubt keinerlei Gentechnik - die beste Chance, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Und aus dieser Positionierung erwächst sogar eine neue nationale Identität, am besten verkörpert durch den sympathischen "Ja, natürlich" -Bauern und sein sprechendes Schweinderl.
Gentechnikfreiheit ist drauf und dran, die Neutralität als jene Eigenschaft zu verdrängen, über die sich Österreicher identifizieren. Und sie hilft uns, die sonst miserable Klima- und Ökobilanz des angeblich grünen Musterlandes zu vergessen. Wen stört es schon, dass wir EU-Schlusslicht bei den Kioto-Zielen sind, wenn auf jeder Milch "gentechnikfrei" prangt?
Doch letztlich ist dieser neue Mythos genauso verlogen wie der alte und führt moralisch und politisch in die Sackgasse. So wie die Neutralität stellt auch unsere Ökopolitik eine unsolidarische Trittbrettfahrt dar. Die Verbannung der Gentechnik von heimischen Feldern und Regalen nützt - anders als die Verringerung von CO2-Emissionen - nur der eigenen Befindlichkeit. Sie ist Ausdruck einer persönlichen Konsumpräferenz ohne globalen Nutzen.
Im Gegenteil: Angesichts von Wasserknappheit und Bodenerosion sind sich Experten einig, dass nur ein neuer Schub in der Agrartechnologie viele afrikanische Länder vor dem Massenhunger bewahren kann - und dazu gehört auch gentechnisch verändertes Saatgut, das gegen Dürre und Schädlinge resistent ist. Die Angst vor EU-Importverboten lässt viele Länder zögern und verhindert innovative Entwicklungsstrategien, die - anders als behauptet - nicht nur Monsanto und anderen Multis dienen würden.
In Europaist die Debatte über eine sinnvolle Regelung der Biotechnologie, die manches verbietet und anderes erlaubt, längst im Gang - und Österreich kann zu ihr nichts beitragen. Wer hört schon in Brüssel auf Einwände aus Wien, wenn man weiß, dass hierzulande der Gen-Fundamentalismus regiert? So werden andere über unsere gentechnische Zukunft bestimmen, denn eines ist sicher: Ewig werden weder Gentechnologie noch Genprodukte an den Grenzen haltmachen. (Eric Frey/DER STANDARD, Printausgabe, 17.4.2010)