"Genetik, die Physik des neuen Jahrtausends"

16. April 2010, 18:46
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    foto: regine hendrich

    Die raschen Entwicklungen werfen viele neue Fragen auf. Josef Penninger macht sich an ein paar Antworten.

Vor zehn Jahren wurde das menschliche Genom entschlüsselt - Wissenschafter Josef Penninger über die Euphorie von damals und die nüchterne Praxis von heute

Standard: Wie hat sich die Enthüllung des Bauplans des Menschen von Ihrer Warte aus abgespielt?

Penninger: Die Sequenzierung des menschlichen Genoms hat 13 Jahre gedauert, 18 Länder waren beteiligt, zwei Milliarden Dollar hat sie gekostet. Im Vergleich: Heute kostet die Sequenzierung eines Genoms zwischen 20.000 und 30.000 Dollar, und in der nahen Zukunft soll es noch viel billiger werden. Es gab eine wahre Technologie-Explosion. Dadurch entstanden auch vollkommen neue Möglichkeiten für Grundlagenforschung und medizinisch-angewandte Forschung. Ich persönlich konnte das wirklich nicht absehen, was da auf uns zukommt.

Standard: Wissenschaftlich oder kommerziell?

Penninger: Kommerziell war es absehbar. Zum Beispiel hat Anfang der 1990er-Jahre das Lebenswerk eines Top-Genetikers darin bestanden, dass er 200.000 Sequenzen lesen konnte. Das kann eine Maschine heute in fünf bis zehn Sekunden. Das ist kommerziell gesehen ein ungeheurer Fortschritt. Auf der anderen Seite bringt uns die Möglichkeit, Genome zu vergleichen, auf eine neue Ebene der Wissenschaft.

Standard: Wie weit ist der Weg von einer wissenschaftlichen Erkenntnis bis zur Anwendung?

Penninger: Wir haben '99 den ersten genetischen Beweis für das Knochenschwund-Gen RANKL geliefert. Nun, elf Jahre später, wird ein darauf basierendes Medikament auf den Markt kommen - falls die Behörden es zulassen. Bei diesen Dingen kommt es immer auf die Erkrankung an. Man muss sich auf solide Erkenntnisse stützen - alles andere ist ein leerer Hype.

Standard: Wo entstehen Innovationen?

Penninger: Die großen Firmen sind sehr innovationsresistent. Die agieren meistens spät. Die wirklichen Innovationen kommen von kleinen Biotech-Unternehmen, die ein Risiko eingehen, und akademischen Gruppen. Deswegen ist die Förderung der Grundlagenforschung und kleiner Start-ups essenziell.

Standard: Jeder will der Erste sein. Können Sie offen mit Information sein, wenn Sie riskieren, dass diese an jemanden gerät, der zwar nicht die Idee, aber im Augenblick die bessere Technologie hat?

Penninger: Absolut. Der Grund ist einfach. Wenn man mit zehn Leuten redet und ihnen alles sagt, dann stehlen zwei davon die Idee. Aber die anderen acht sagen einem ihre Idee, die vielleicht besser ist. Da ist Altruismus sinnvoll. Jedes Mal, wenn ich zu anderen Forschern nett war und ich etwas von denen fünf Jahre später brauche, genügt eine E-Mail. Meiner Meinung nach bringt Ultra-Competetiveness, die von manchen Leuten auch in Wien gepflogen wird, überhaupt nichts. Wie beim Fußball. Wir spielen, so hart wir können, wir wollen alle gewinnen. Aber nachher setzen wir uns zusammen und trinken ein Bier.

Standard: Jede Woche wird irgendein neues Gen entschlüsselt. Hauskatze, Sojabohne etc. Wozu?

Penninger: Man lernt sehr viel, wenn man Genome vergleicht. Das ist erstens sehr spannend, und zweitens ist man erst dadurch in der Lage, die essenziellen evolutionären Fragen zu stellen. Woher kommen wir? Wie funktionieren unsere Moleküle? Man kann sogar Fragen stellen, wie etwa Sprache entstanden ist oder welche Gene Altern, Leben, oder Tod regulieren?

Standard: Was kann man von der Gentechnik erwarten? Kann sie etwa das Welternährungsproblem lösen?

Penninger: Man muss es sich seriös anschauen, was genetisch veränderte Pflanzen hier beitragen können. Wenn man Pflanzen machen kann, die mit sehr wenig Wasser auskommen und sehr viel Ertrag haben, da wird's natürlich interessant, auch um die Umwelt zu schützen. Oder man denke nur an die Möglichkeiten, dass genetisch veränderte Pflanzen wie etwa Algen die zukünftigen Treibstoffe für unsere Autos machen werden. Es geht um eine kritische Beurteilung. Grundsätzliche Ablehnung bringt sicher niemanden weiter.

Standard: Kann Genetik Krankheiten beseitigen und uns sehr gesund sehr alt werden lassen?

Penninger: Gentechnik hat uns erlaubt, viele Krankheitsgene zu entdecken. Es gibt auch bereits wunderbare neue Therapien, die auf Gentechnik basieren, etwa Insulin für Diabetiker, Epo bei Blutarmut, neue Therapien für Krebs, oder diese neue Therapie gegen Knochenschwund, eine Erkrankung, die hunderte Millionen Leute betrifft - und wo wir mit unserer RANKL-mutierten Maus den ersten genetischen Beweis für das Wirkprinzip geliefert haben. Wenn man alt und gesund werden will, dann braucht man auch gesunde Knochen, und dies könnte bald Wirklichkeit werden. Jedoch muss man auch dazusagen, dass die häufigsten Erkrankungen wie Krebs, Fettsucht, Herzerkrankungen oder Diabetes in den meisten Fällen nicht durch ein Gen erklärt werden können, sondern diese Erkrankungen oft als ein Pingpongspiel unserer Gene mit der Umwelt, etwa unserer Ernährung oder Rauchen, entstehen.

Standard: Sind Gentests, die Wahrscheinlichkeiten für Krankheiten beziffern, aussagekräftig?

Penninger: Es gibt sehr gute Forschungsprojekte, die genetische "Landkarten" für Anfälligkeiten zu bestimmten Erkrankungen bei Menschen machen. Wie etwa in Island, wo man festgestellt hat, dass in manchen Familien, deren Stammbäume man hunderte Jahre zurückverfolgen kann, Herzerkrankungen oder Asthma vorliegen. Da kann man zwanzig, dreißig Gene bestimmen, die eine Anfälligkeit voraussagen.

Standard: Kann man durch die Wissenschaft der Genetik gesündere, schönere, intelligentere Kinder bekommen?

Penninger: Kinder macht man am besten zu zweit und überlässt das Ergebnis dem Zufall. Es gibt zum Beispiel Studien über den Faktor Körpergröße. Jeder weiß, dass, wenn große Eltern Kinder kriegen, diese auch groß werden. Es muss also in den Genen "liegen" . Die Er-gebnisse waren ernüchternd: Kör-pergröße muss von multiplen Gene reguliert werden. Die Komplexität, die ein genetisches Eingreifen bedeuten würde, wäre zum möglichen Resultat von einem Zentimeter plus völlig unverhältnismäßig. Wenn es dann um Dinge wie höhere Intelligenz oder Symmetrien von Körperpartien (Schönheit?) geht, steigt die Komplexität ins Unermessliche. Was wir in fünfzig Jahren können, ist aber natürlich nicht abschätzbar.

Standard: Hat die Entschlüsselung des menschlichen Genoms mehr Fragen beantwortet oder aufgeworfen?

Penninger: Biologie war eigentlich wie Astrophysik. Wir arbeiteten an fünf Prozent des Genoms - den sogenannten exprimierten oder Protein-codierenden Genen -, alles andere ist "dark matter" oder "Junk-DNA" . Jedoch sind die anderen 95 Prozent des Genoms auch höchst relevant, wie etwa MicroRNA oder sogenannte PiWi RNA. Dabei hat man etwa ein völlig neues Immunsystem entdeckt oder dass Springende Gene (Transposons) Entwicklung von Spezies regulieren könnten. Was in den letzten Jahren an genetischer Information bekannt geworden ist, versetzt uns in einen riesigen Ozean aus Möglichkeiten und völlig neuer Biologie. Wir schauen zurzeit nur auf die Oberfläche und zählen die Wellen. Es gibt unendlich viel zu entdecken, was es alles unter der Wasseroberfläche gibt. Was Physik für das 20. Jahrhundert war, ist moderne Genetik für das neue Jahrtausend.

Standard: Werden wir von Viren und Bakterien gesteuert?

Penninger: Ein Nobelpreisträger hat einmal als Bonmot gemeint, dass Viren und Bakterien uns lenken: Sie essen mit uns, brauchen sich um nicht viel kümmern und haben Sex erfunden, damit sie mal woanders hinkommen. Douglas Adams hatte also doch recht - nur die Spezies war wahrscheinlich die Falsche. (Bettina Stimeder/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2010)


Zur Person
Josef Penninger, geb. 1964 in Gurten/Oberösterreich. Studium der Medizin und Kunstgeschichte in Innsbruck. Promotion 1990. Von 1990 bis 1994 Postdoc am Ontario Cancer Institute, danach bis 2003 "Principal Investigator" für Amgen an der Uni Toronto. Seit 2003 ist er wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der ÖAW in Wien. Jüngste Entdeckung: Identifizierung des für Osteoporose verantwortlichen Gens.

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Posting 1 bis 25 von 37
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Herb All
00
30.4.2010, 21:22
Meine Güte

Die Autoren sollten sich mal oberflächlich mit patentrecht beschäftigen. Vieleicht wär dann nicht alles so toll was mit GT zu tun hat.
Aber ich schätze mal dass sie das gar nicht wollen...

lalle laller
00
22.4.2010, 20:08
Penninger

Super Wissenschaftler der ein ordentliches Output hat. Wünsche ihm weiter viel Erfolg!

Herr Plumm
20
20.4.2010, 11:40
die dunkle seite der zukunft für den wissenschaftler?

http://www.nature.com/nature/jo... 4007a.html

da kommen dann noch die FHs dazu und und und...

gutes interview...aber als forscher selber sehe ich die zukunft nicht so rosig...mechaniker zu werden scheint da die bessere alternative...

phaidros
00
20.4.2010, 16:43

ja, wer nicht weiss, ob er lieber mechaniker oder doch forscher werden will, bei dem liegt die nicht-rosigkeit der zukunft eher in der fehlenden faszination fuer die forschung. und ohne die wirds freilich nix mit jobs.
also, in solchen zweifelsfaellen besser mechaniker lernen.

Herr Plumm
00
20.4.2010, 20:19

ui. die "faszination" ... weil geld braucht man ja nicht

phaidros
00
21.4.2010, 16:42

freilich braucht man geld. aber wer die faszination nicht mitbringt, hat halt bei ausschreibungen wenig chancen, und kriegt halt dann das geld nicht.

mal ganz abgesehen davon: wer in die forschung geht, muss sich sowieso mit der aussicht auf sehr bescheidene verhaeltnisse, kombiniert mit enorm viel arbeit, abfinden.

wem das geld wichtigster anreiz fuer die berufswahl ist, fuer den ist wissenschaft grundsaetzlich nix.

Herr Plumm
00
21.4.2010, 19:44

das ist jetzt so. warum sollte man aber dies nicht einfach ändern? was spricht dagegen, wenn hochausgebildete akademiker in der forschung einfach 300 - 500 euro netto mehr bekommen. mit 2500 netto könnte man als postdoc schon halbwegs zufrieden sein. aber die ~ 2000 euro sind echt ein witz.

kunterbunter
00
24.4.2010, 00:35
selbst schuld, wenn man in österreich rumhängt.

2000 krieg ich fast am ende der diss. (öffentliche einrichtung). Wo sag ich jetzt aber nicht ;)

khaleb
02
17.4.2010, 16:11
Das menschliche Genom ist keineswegs entschlüsselt

es wurde nur abgeschrieben (sequenziert).

Alfred.E.Neumann
72
17.4.2010, 11:43

Ja, gut Herr Penninger, Kompliment, aber wieso müssen Sie wie die anderen Haberer auch, so eitel sein und kommen nicht umhin ihre RANKL Arbeit, die top war aber nicht das einzige was auf dem Gebiet abgeht, 2 x zu erwähnen. Wir wissen's eh, Sie sind gut aber besser noch wäre weniger X-chromosomales auf-die-BRust klopfen. Gibt es dafür eigentlich auch eine Genthereapie?

Herr Plumm
21
20.4.2010, 11:25

so ein topfen der da von ihnen kommt...unglaublich...

maxfax
01
17.4.2010, 13:07
Wieviel weniger X...

..als ein Y wollens denn noch?

www.maennerpartei.at
21
17.4.2010, 11:01
Mir macht das Ganze ein wenig Angst:


http://tinyurl.com/y3qlmtp

Vladimir III., Tepes
00
15.5.2010, 01:03

wie drohnen :-O

www.maennerpartei.at
00
18.5.2010, 18:46

Ist das eine Anspielung die ich nicht verstehe oder fandest du die Aussage einfach lustig?

Vladimir III., Tepes
00
18.5.2010, 22:12

oh ups sry - mein post bezog sich auf einen anderen link!

aber ja deren patentbestimmungen können einem angst machen

23
17.4.2010, 02:31
Diese andauernde Medienpräsenz des IMP oder IMBA ist schon sooooooo lächerlich.

Ich würde gern mal was von und vor allem über andere heimische Forscher lesen...

Österreichs Wissenschaftslandschaft mag zwar oftmals provinziell sein, aber andauernd nur sogenannte „Expertenmeinungen“ von den gleichen 3-4 Leuten darzustellen ist echt armselig (auch für ein kleines Land).

Ich weiß nicht was denen diese Mediengeilheit bringt? Das kann doch niemand mehr ernst nehmen.
„Was Physik für das 20. Jahrhundert war, ist moderne Genetik für das neue Jahrtausend. “ ? Das ist doch höchstens PM Niveau!

horsti
04
18.4.2010, 14:18
simma uns ehrlich.

Den meisten Wissenschaftern geht Oeffentlichkeitsarbeit an allem vorbei. Man will damit nicht wertvolle Arbeitszeit vergaeuden, und die Leut' checkens eh net. Vor allem muss man sich sehr sehr viel Zeit nehmen um sicherzustellen, dass man auch von Laien verstanden werden kann und, dass man richig zitiert bzw interpretiert wird. Wer macht das schon? Ein paar Wenige, und ich bin eher Dankbar dafuer. Wenn sich zeigt, dass Oeffnung zu den Medien auch einen Polititschen Vorteil bringt (offensichtlich), tun sich das in Zukunft moeglicherwiese meht Wissenschafter an, und die Bevoelkerung bekommt mehr Einsicht in Forschung und Wissenschaft.

erd berg er
10
17.4.2010, 14:25

dass sich die zur absoluten Lachnummer machen, wenn sie jeden Pfurz der in diesem Institut gelassen wird der Oeffentlichkeit mitteilen steht ja wohl eh ausser Frage.

Wenn ihm die Anerkennung in Fachkreisen nicht genug ist, soll er doch Politiker werden, da wir der mit solchen Aussagen und Interviews sicher ein ganz grosser.

phaidros
00
20.4.2010, 08:24

seh ich nicht so. immerhin wird die wissenschaft groesstenteils von der oeffentlichkeit gezahlt bzw hier liegen ihre derzeitigen finanzierungsschwierigkeiten. es braucht auch die anerkennung in der breiten oeffentlichkeit, nicht nur in fachkreisen, damit staatliche finanzierung von universitaeten den zahlenden buergern auch in zukunft noch wichtig ist.

so wenig wuenschenswert es waere, wenn wissenschaftler nur meh medial praesent sein wollen und sonst nichts mehr arbeiten, so wenig zielfuehrend ist auch der elfenbeinturm, in der sich die sogenannte fachwelt auf die schultern klopft und sich ihrer qualitaet zwar selber bewusst ist, sich aber zu schade ist, dies und sich selbst dem gemeinen fussvolk vorzustellen.

ra mses
00
17.4.2010, 15:17
Seh ich auch so.

Grosse headlines und meistens absolut nichts dahinter. Mediengeile Wissenschafter und ihre heisse Luft.

Eine Kreatur
02
17.4.2010, 10:56
sie verwechseln wohl den online-standard

mit einem fachjournal ..

Herb All
00
18.4.2010, 21:13
hehe

Hercules
43
16.4.2010, 23:15
Man sollte dem guten Mann...

...einmal Erwin Schrödinger´s Werk "Was ist Leben?" näherbringen.
Darin schreibt Schrödinger 1943! (in Buchform 1951) bereits über den Einfluß der Quantenmechanik im Genom.
Der Einführungssatz zum Buch lautet:"Die moderne Biologie ist nicht das Werk von Biologen".

Physik ist und wird immer das bleiben, was es ist:die Suche nach dem Ursprung, die Grundlage, auf der alles aufbaut.

serotonin
01
18.4.2010, 16:22

ich sehe nicht wo Penninger Schrödinger widerspricht...
Durch die Genforschung wird vielmehr immer klarer, was Schrödinger in seinem Buch zu erklären versucht: wir vergessen gerne, dass alle Physik nur Statistik ist...

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