So viele Orte, Namen und Eindrücke ihm das Vergessen auch nahm, genügend Berggipfel, um zu benennen, wohin er nicht mehr musste, fielen ihm fast bis zum Ende ein
Martin Prinz (Reiseblog auf derStandard.at) über seinen Großvater.
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Ich muss nicht mehr auf den Hochschwab, sagte mein Großvater in den letzten Jahren oft, selbst wenn es nur darum ging, mit jemandem von uns auf dem Balkon seines Hauses auf und ab zu spazieren, und lächelte verschmitzt. Denn dass der Hochschwab als einer der mächtigsten Gebirgsstöcke der östlichen Kalkalpen bereits seit zehn, fünfzehn Jahren für ihn nicht mehr erreichbar war, wusste der über 90-Jährige trotz seiner Demenzkrankheit ganz genau.
Am liebsten saß er während der letzten Lebensjahre in seinem Fauteuil im Wohnzimmer, las Zeitung, löste Kreuzworträtsel oder sah fern. Und sagte: Ich muss nicht mehr. Ich muss nicht mehr auf den Ötscher. Ich muss nicht mehr auf den Dachstein. Dort oben war ich schon. Und ich muss auch nicht mehr auf den Großglockner oder den Mont Blanc.
Er kam in diesen Jahren, als die Krankheit seine Erinnerungen immer stärker verklumpen und zerrinnen ließ, gerade noch vor seine Haustür, hin und wieder gelangen ihm die dreihundert Meter zum Haus meiner Eltern hinunter, doch zumeist blieb es beim Weg zwischen Schlaf- und Wohnzimmer.
So viele Bilder, Orte, Namen und Eindrücke ihm das Vergessen aber auch nahm, genügend Berggipfel, um zu benennen, wohin er nicht mehr musste, fielen ihm fast bis zum Ende ein. Während ich in dieser Zeit, anstatt mich zu fragen, was seine stets wiederkehrenden Sätze bedeuten mochten, vor allem froh gewesen war, dass er zumindest das Schwinden der Körperkraft auf so ironische Weise hinnahm. Und so hatte ich ihn auch nicht gefragt, ob mit dem Müssen auch das Wollen weg war, schon gar nicht, wie viel Müssen womöglich schon lange im Wollen gesteckt hatte.
Was aber hatte ihn, den im leicht welligen Alpenvorland östlich von St. Pölten Aufgewachsenen, in all den Jahrzehnten so magnetisch in die Berge gezogen? War es die Osttiroler Herkunft seines Großvaters gewesen, der im 19. Jahrhundert wie so viele Bergbauernsöhne Hof und Heimat auf der Suche nach Arbeit hatte verlassen müssen? Oder hatte die Sehnsucht nach der Heimat in den Bergen den Heimatort als Besuchsgegend gerade aufgrund einer solchen Familiengeschichte zumeist ausgelassen?
Bilder von Glück
In Obertilliach hatte mein Großvater bei seinen seltenen Besuchen keinen einzigen der umliegenden Berge bestiegen. Vermutlich war er ebenso oft in Chamonix gewesen, um den Mont Blanc zu versuchen, wie in Obertilliach. Bereits 1932 hatte er den Dachstein erklommen, 1933 die Wildspitze, in den darauffolgenden Jahren die beiden Simonyspitzen, den Großglockner, das Kitzstein- und das Wiesbachhorn sowie immer wieder den nahen Ötscher. Allein vor dem Krieg füllen die Bilder dieser Berge ein halbes Dutzend Fotoalben. Ich kenne sie seit langem.
Zum ersten Mal genauer durchgeblättert hatte ich sie jedoch erst, nachdem ich 2006 vom Standard mit einer Geschichten-Folge zu historischen Österreich-Werbebildern beauftragt worden war. Denn die winkende Skifahrerin in der scheinbar unberührten Schneelandschaft auf dem ersten mir vom Standard geschickten Werbeplakat war in meinen Augen sofort meine Großmutter gewesen. Wie auf den Bildern in den alten Alben. Sie und mein Großvater, in den Dreißigerjahren, Bilder von Glück: im Gegensatz zu den Bildern aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Und hier auch die Frage, wann das Müssen begonnen hatte und welches Müssen es gewesen war. (...)
Nicht mehr weitergehen
So wenig mein Großvater in den letzten Jahren von seinem Leben aber noch gewusst hatte, umso klarer war ihm gewesen, dass es nicht mehr weitergehen durfte: Ich gehöre, so hatte er immer wieder gesagt, längst nicht mehr in mein Leben. Ich gehöre schon längst in mein Grab. Dass sein ältester Sohn seit 2001 tot im Schnee des höchsten Berges der Welt saß, hatte er ebenso vergessen wie die Tatsache, dass vor vier Jahren seine Frau gestorben war. Mich hielt der 96-Jährige oft für einen seiner Söhne, selbst den Namen meiner Mutter wusste er nicht immer, erstaunlich oft erkannte er meinen Vater, seinen Schwiegersohn. Sein eigenes Alter konnte er sich zumindest ausrechnen, wenn man ihm die aktuelle Jahreszahl und sein Geburtsdatum nannte. Während seiner letzten Wochen ging ihm auch dieses Vermögen verloren - selbst zu dem Zeitpunkt aber fürchtete ich noch, der Tod sei für ihn bereits ebenso unerreichbar wie all die Erinnerungen an sein Leben. Spätestens seit er den eigenen Sohn überlebt hatte und den von manchen geäußerten Vorwürfen, er trage Mitschuld daran. (...)
Meine Großmutter hatte den Tod, im Gegensatz zu meinem Großvater, alles andere als herbeigesehnt, sie hatte ihn gefürchtet, bis wenige Tage davor. Sie, die im Winter zuvor mit den Langlaufskiern noch in der Wiese vor ihrem Haus auf und ab gegangen war: Ski wie Stöcke, so hatte ich im Frühling 2006 die erste meiner Österreich-Bildgeschichten im Standard begonnen, liegen immer noch in der Garage des Hauses meiner Großeltern, als warteten sie. Genauso die damals von ihr noch neu gekauften leuchtend roten Langlaufschuhe ...
Nächtelang hatte ich damals für den Text die Fotoalben meiner Großeltern durchgeblättert. Vergnügt, so las ich als Bildunterschrift gleich unter der ersten Fotografie meiner Großmutter in dem kleinen alten Album aus dem Jahr 1935. Auf dem Bild daneben mein Großvater, wie viele Menschen auf Bildern aus dieser Zeit älter wirkend als junge Leute heute, doch mit einem Strahlen, wie man es in unserer Zeit kaum sieht, einem Strahlen, das nicht nur vom Gesicht, sondern von der Gestalt des ganzen Menschen ausgeht. Frecher die Großmutter, fast aufmüpfig froh. Auf immer neuen Wanderungen und Touren, auf nah gelegenen Bergen oder hohen Alpengipfeln, sommers wie winters. So unablässig unterwegs, als hätten sie gespürt, dass ihre glückliche Zeit kurz bemessen sein würde.
Denn so nahtlos die Ausflüge, die Bergtouren auch nach dem Krieg und der Heimkehr des Großvaters aus der Gefangenschaft in ihrem Leben weitergingen, das davor so innige, leichte Glück tauchte auf keiner der immer zahlreicheren Fotografien der Fünfziger- und Sechzigerjahre wieder auf. Vor allem nicht an meiner Großmutter, wie mir bei Recherchen für die Standard-Geschichte zum ersten Mal deutlich geworden war.
Diese Veränderung gleich nach dem Krieg hatte ich darin jedoch beiseite geschoben. Im Gegensatz zu jenen Nächten, die ich nach dem Tod des Großvaters zwei Jahre danach erneut mit den Alben verbrachte, nachdem mir beim Leichenschmaus so ausführlich wie nie zuvor Geschichten erzählt worden waren, wie er offenbar gleich nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft begonnen hatte, seinen 1944 geborenen Sohn mit ständigen Abhärtungsmaßnahmen zu traktieren. Gewusst hatte ich davon. Auch dass meine Großmutter von ihm wie eine Fremde behandelt worden war und überlegt hatte, sich scheiden zu lassen. Worauf sie vermutlich nur verzichtete, weil sie doch wusste, wie inständig er sich im Lager die Chance auf einen Neubeginn gewünscht hatte. In Briefen, die sie monatelang nicht erreicht hatten, genauso wenig wie ihre ihn. Im April 2008, kurz vor meiner Alpenreise, hatte ich die Schreiben der beiden zum ersten Mal gelesen. Gebannt. Von ihrem Mut, von seinem Bangen, von der Zärtlichkeit der beiden und ihrer vergeblichen Hoffnung.
Meine liebste Kläre! Nach längerer Pause kann ich Dir wieder schreiben. Ich hoffe zwar immer noch, daß Du schon Nachricht von mir hast, entweder direkt oder indirekt, aber es kann sein, daß dies die erste Nachricht ist, die Dich erreicht. Verzeih daher, wenn ich mich immer wiederhole, aber es erscheint mir notwendig. (...) Mir geht es gut und ich bin gesund. Nur die Ungewißheit über Euch richtet mich auf die Dauer zu Grunde.
Und was haben wir gehabt?
So steht es in seinem Brief vom 20. November 1945, der mit der intimsten Verabschiedung aller drei Schreiben endet: Hoffentlich kann ich Dich recht bald umarmen und küssen Dein Sepp. Gleichzeitig aber heißt es davor in einer Bitterkeit, in der selbst Gott nur mehr der Konjunktiv irrealis eingeräumt wird: Am 22. 12. sind wir 4 Jahre verheiratet und was haben wir gehabt? Gott gäbe es, daß es nun anders wird, daß wir glücklich uns wiederfinden und alles gut wird.
Er musste gespürt haben, dass ein Wiederfinden notwendig sein würde; nichts anderes wird er versucht haben. Warum aber war es nicht gelungen, fragte ich mich angesichts dessen, wie verhärmt ich sie miteinander erlebt hatte? Nun waren sie tot. Und ich saß in ihrem Haus vor der Karte und den beiden auf bereits zerfallendem, hauchdünnem Papier mit feiner Bleistiftschrift geschriebenen Briefen des Prisoner of War A 4882.247, Lt. Sepp Ganner, des britischen P.o.W. CAMP 2221.
Vielleicht war es die Angst gewesen. Die Angst, die mein Großvater in der Gefangenschaft und im Krieg empfunden hatte. Eine Angst, die ihn als ranghöchsten Soldaten einer kleinen, umstellten Einheit bei Bremen gegen den Oberbefehl die weiße Fahne hatte zücken lassen. Eine mutige und doch letztlich viel zu große Angst, gegen die er sich irgendwann nicht mehr wehren konnte, der er nicht mehr beikam, ganz im Gegenteil, die ihm unkontrollierbar wurde, irgendwann in diesen Wochen, in diesen Jahren, in denen sie weiterhin als Schock in ihm saß.
So war es womöglich auch diese Angst, wenn er seinen kleinen Sohn als Drei-, Vier- oder Fünfjährigen unentwegt mit bloßen Füßen über spitzes Gestein laufen ließ oder ihm befahl, auf die Startblöcke des Schwimmbads zu steigen, den Kopf immer wieder aufs Wasser gerichtet, um endlich den ersten Kopfsprung zu machen. Angst vor der Angst und der Wunsch, sein Sohn solle sich später vor nichts fürchten. Vermutlich nicht zuletzt dort, wo sie die meiste Zeit miteinander verbracht hatten, in den Bergen. Nun sitzt sein Sohn seit bald neun Jahren am Mount Everest. Knapp unterhalb des Gipfels, im Schnee. (...) (Martin Prinz, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 17./18.04.2010)
Dieser Text besteht aus gekürzten und zur Zusammenfügung
überarbeiteten Passagen aus dem am 19. April erscheinenden neuen Buch
von Martin Prinz: "Über die Alpen. Von Triest nach Monaco - zu Fuß
durch eine verschwindende Landschaft" . € 23,60 / 464 Seiten. C.
Bertelsmann Verlag, München 2010.
Hinweis:
Im Gespräch mit Claus Philipp erfolgt am 22. April um 19.30 im Wiener Stadtkino die Buchpräsentation.
Zur Person:
Martin Prinz, geb. 1973 in Wien, ist
Schriftsteller. Er studierte Germanistik und Theaterwissenschaften.
Sein Roman "Der Räuber" diente als Vorlage für den gleichnamigen Film
von 2010.