Ressortleiter der "taz" tauschen mit jungen Kollegen für eine Woche - Chefredakteurin wird Luise Strothmann, die vor allem auf die Verzahnung von Online und Print setzen will
Zum 31. Geburtstag schenkt sich die "taz" ein ganz besonderes Experiment: In der Zeit vom 19. bis zum 25. April übernehmen rund 30 Kollegen unter 31 Jahren das Steuer der "Tageszeitung". Die 24-jährige Luise Strothmann, die seit einem Jahr ihr Volontariat in der Redaktion absolviert, wird dann Chefredakteurin sein. derStandard.at hat mit ihr über ihre Print-Online-Pläne und den Job als Chefin gesprochen.
derStandard.at: Warum wurden gerade Sie zur Chefredakteurin auf Zeit auserkoren?
Luise Strothmann: Ich wurde ganz einfach demokratisch gewählt. Warum, das müssen Sie die Leute fragen, die mich gewählt haben. Das lief eben so, dass wir nicht gesagt haben: "Die oder der wird zur ChefredakteurIn bestimmt und dann überlegt er oder sie sich wie das Blatt anders sein soll", sondern da war am Anfang die Gruppe der U-31 in der "taz". Wir haben uns Sachen überlegt, die sich nach Ressorts aufgeteilt haben und je nach Interesse gewichtet wurden. Und ganz am Ende dann, letzte Woche, haben wir festgestellt, dass es auch Fälle geben wird, in denen irgendwer irgendwas entscheiden muss und wir können dann kein Plenum einberufen, sondern wir wählen eine Chefredaktion. Dann wurde eben diese Chefredaktion gewählt, das sind ich und mein Kollege Sebastian Heiser aus der Berlin Redaktion.
derStandard.at: Wie fühlt es sich an, die Macht zu haben?
Strothmann: So viel Macht habe ich gar nicht. Das ist aber grundsätzlich ein Charakteristikum der "taz", dass die Ressortleiter sich eigentlich am meisten ihre Spielwiese bestimmen können. Also die Redakteure haben auch teilweise sehr starke informelle Positionen, aber dann gibt es eben die Ressortleiter, die autonom entscheiden dürfen, was in ihrem Ressort passiert und die Chefredaktion entscheidet dann quasi in Konfliktfällen. Im Moment fühlt es sich vor allem anstrengend an, das liegt aber nicht so sehr an der Macht wie daran, dass ich der Ansprechpartner bin, dass eben viele Leute kommen. Der Chefredakteur ist mehr ein Manager, ein Organisator, aber von der großen Macht habe ich nicht so viel gespürt, mehr von dem "Mädchen für Alles" zu sein, aber ich glaube, das ist auch sehr "taz"-typisch.
derStandard.at: Wovor haben Sie am meisten Angst, dass es in dieser Woche schief gehen könnte?
Strothmann: Mein größter Horror wäre, dass keinem das Projekt auffällt, dass alles zu normal aussieht und vielleicht auch, dass die Leute zu große Erwartungen hineinprojizieren. Weil viele Sachen spielen sich hinter den Kulissen ab, da geht es um Kommunikation in der Redaktion, wie Leute auftreten, aber es sieht eben trotzdem nach einer Tageszeitung aus. Vor leeren Seiten habe ich aber keinen Horror, weil ich auch weiß, dass, wenn es dazu kommen würde, uns niemand einen Vorwurf machen würde, selbst unsere Leser nicht. Deshalb bin ich eigentlich ganz gelassen.
derStandard.at: In dieser Woche soll es vor allem auch zu einer Verzahnung von Online und Print kommen. In welcher Form wird das passieren?
Strothmann: Es wird jeden Tag einen thematischen Schwerpunkt auf "taz.de" und in der Zeitung geben. Das werden latent aktuelle oder tagesaktuelle Themen sein, mit denen wir uns besonders beschäftigen. Auf "taz.de" sollen dadurch Formen ausprobiert werden, die es teilweise noch nicht gibt: zum Beispiel Videokommentare oder Audioslideshows. Möglicherweise sogar Flash-Grafiken. Wir hoffen, dass unser System darunter nicht zusammenkracht. (lacht) Die Themen sollen dann online stattfinden und gleichzeitig aber immer auf die Zeitung rückkoppeln. In der Zeitung wird in Texten auf online verwiesen und online verweist auf einen superlangen Fließtext in der Zeitung, den man online gar nicht lesen will. Und so sollen quasi die beiden Systeme aufeinander abgestimmt sein und auch ausdifferenziert werden, je nachdem was online-typisch macht und was print-typisch ist. Außerdem sollen auch die internen Ablaufstrukturen, wie Online und Print zusammenarbeiten, verbessert werden. Es wird einfach in der Redaktionsstruktur einige Veränderungen geben.
derStandard.at: Sollen diese Änderungen dann auf Dauer bestehen bleiben oder gilt das nur als Testphase für die Zukunft?
Strothmann: Es ist erstmal ein Testlauf. Die Idee ist, dass es ein Anstoß zu einem Prozess ist. Natürlich, wenn man eine Woche Mikrokosmos hat, probiert man andere Sachen aus, als wenn man sagt: "So, wir denken uns jetzt was ganz Grundsätzliches aus." Man ist natürlich viel mutiger weil man diese Zeitbegrenzung hat, aber unsere Idee ist, dass wir uns danach als Projektgruppe zusammensetzen und sagen, welche Sachen in der Woche schiefgegangen sind und wo es geknistert hat und von welchen Sachen wir total begeistert waren, auf die wir dann langfristig abzielen können. Das heißt nicht, dass die ab dem Montag danach dann dauerhaft bleiben.
derStandard.at: Halten Sie Online generell wichtig für die Zukunft des Journalismus?
Strothmann: Ich glaube, dass Online sehr wichtig ist, aber ich glaube auch, dass die Zeitung wichtig ist. Wir müssen uns bei der "taz" und "taz.de" überlegen, wie man es schafft, dass beide, je nachdem was sie können, ausdifferenziert werden, also je nachdem welche Sachen einfach Online sind und welche Sachen Print sind. Man darf nicht einfach versuchen, Print in Online 1:1 zu übersetzen und andersrum, aber man muss gleichzeitig vermeiden, dass es völlig verschiedene Systeme sind, die nebeneinanderher leben. Beide Mediengattungen tragen den gleichen Markennamen "taz" und repräsentieren das was damit verbunden ist, etwa die Stellung bei bestimmten Themen.
derStandard.at: Was möchten Sie in der Woche vor allem lernen?
Strothmann: Vor allem Stressresistenz. Meine Aufgaben werden vor allem in drei Bereichen liegen, die meinem Alltag als Reporterin nicht entsprechen: das Erste ist Repräsentieren, was wir gerade machen, was wahrscheinlich aber nicht so wichtig ist. Außerdem muss ich kommunizieren und Konflikte lösen, das heißt, dann einzugreifen, wenn es Probleme gibt und die wird es bestimmt geben, weil es ein Riesenchaos ist weil wir noch eine alte Ressortleitung und eine neue haben. Meine dritte Aufgabe wird es sein, zu organisieren, bestimmte Sachen im Blick zu behalten und vielleicht lerne ich einmal, mir einen ordentlichen Terminkalender zu machen und eine ordentliche To-Do-Liste zu schreiben und einen Punkt nach dem anderen abzuhaken und nicht alles durcheinander zu erledigen.
derStandard.at: Was sind Ihre persönlichen Ziele im Journalismus?
Strothmann: Eigentlich zuerst einmal schöne Geschichte zu schreiben. Ich weiß, dass jemand diese Chefredaktion übernehmen muss und ich fühle mich auch als die richtige dafür, aber ich habe nicht vor, demnächst Chefredakteurin zu werden. Ich finde schon, dass man als Chefredakteur nicht soviel zu dem eigentlichen, für mich wichtigen, Teil des Journalismus kommt, dem Schreiben und Menschen treffen. Ich habe schon vor, zu schreiben, aber wo und wie und in welchem Ressort, das wird sich noch herausstellen. Auf jeden Fall erst einmal bei der "taz". (Bianca Blei/derStandard.at/19.4.2010)