Der rasante Fortschritt in den Biowissenschaften überfordert alle: Drei Orientierungshilfen für das Leben im Zeitalter der Postgenomik
Es war ziemlich genau vor zehn Jahren, dass Craig Venter die Entschlüsselung des vollständigen menschlichen Genoms ankündigte. Damit nahm er für sich in Anspruch, einen Wettlauf gewonnen zu haben, in den er erst zwei Jahre zuvor mit seiner Firma Celera Genomics eingestiegen war. Am Ende gingen sie dann doch gemeinsam durchs Ziel: Francis Collins als Vertreter des staatlichen Humangenomprojekts und Venter als Repräsentant eines privaten Biotech-Unternehmens.
Der Gen-Pionier hatte damit nicht nur enormen Schwung in den neuen Forschungsbereich gebracht. Er hat auch ganz wesentlich zu seiner Kommerzialisierung beigetragen: Unmittelbar nach Venters Bekanntgabe erhielt Celera 6000 Patente und publizierte gleichzeitig einen Teil der Ergebnisse, was zu heftiger Kritik in der Wissenschaftswelt führte. Denn Informationen über den Bauplan des menschlichen Lebens würden sich in Waren verwandeln.
In seiner Autobiografie Entschlüsselt erzählt Venter auf mehr als der Hälfte der 500 Seiten seine Version der Geschichte, wie er die Genomforschung revolutioniert, ehe er selbst zum Opfer der Kommerzialisierung wurde: 2002 drängt man den Herrn der Gene aus seiner Firma hinaus, der fünf Jahre später abermals von sich reden macht: Sein Genom ist das erste einer Einzelperson, das entschlüsselt und veröffentlicht vorliegt.
Der Gen-Pionier macht kein Geheimnis, was alles in seiner DNA zu lesen ist: Wenn es gerade thematisch passt, finden sich immer wieder Exkurse über Venters spezifische genetischen Besonderheiten - und was man heute bereits darüber weiß. Abgesehen davon gibt Entschlüsselt einen parteiischen, aber doch erhellenden Einblick in die jüngste Geschichte der Lebenswissenschaften. Und vor allem führt es einen neuen Forschertypus vor, der nicht nur von wissenschaftlichen, sondern von kommerziellen Ideen geleitet ist.
Die zurzeit wohl avancierteste Kritik an dieser "öffentlichen Privatisierung" der Lebenswissenschaften, für die Venter paradigmatisch steht, liefert der US-Wissenschaftsanthropologe Kaushik Sunder Rajan. Für sein künftiges Standardwerk Biokapitalismus beforschte der studierte Biologe ab 1999 die Genomik-Labors Kaliforniens, aber auch die im indischen Genome Valley in Hyderabad und verfolgte über Jahre als teilnehmender Beobachter den Biotech-Boom.
Um diese revolutionären Entwicklungen in den Lebenswissenschaften und ihre Folgen für die Gesellschaft auch konzeptuell zu fassen, greift Sunder Rajan tief in die Theorie-Kiste: Marx' Kapitalismuskritik dient ihm dafür genauso als Werkzeug wie Foucaults Begriff der Biopolitik, mit denen er etwa die Praxis von Pharmakonzernen auseinandernimmt, in den Slums von Mumbai Genmaterial für Biobanken sammeln oder die neuen Gentests darauf abklopft, wie sie uns alle zu Patienten machen.
Ähnlich anspruchsvoll, aber etwas essayistischer kommt im Vergleich dazu der Band Die gläserne Gene daher, in dem die österreichische Wissenschaftsforscherin und ERC-Präsidentin Helga Nowotny gemeinsam mit dem italienischen Stammzellforscher Giuseppe Testa einen Überblick über die komplexen Aus- und Wechselwirkungen der zeitgenössischen Lebenswissenschaften mit der Gesellschaft liefert.
Anhand anschaulicher Beispielen - inklusive der Entschlüsselung des menschlichen Genoms bis zu Craig Venters rezentem Gen-Fischzug durch die Weltmeere - geht das Autorenduo den großen Fragen des postgenomischen Zeitalters nach: Wem gehören die natürlichen und artifiziellen Organismen? Wer darf mit Brustkrebsgenen Gewinn machen? Patentlösungen liefern auch Nowotny und Testa nicht. Aber Die Gläsernen Gene hilft mit, das Leben im Zeitalter des Biokapitalismus durchschaubarer zu machen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 4. 2010)
- J. Craig Venter, "Entschlüsselt - Mein Genom, mein Leben" . € 25,60 / 576 Seiten. S. Fischer 2009
- Kaushik Sunder Rajan, "Biokapitalismus - Werte im postgenomischen Zeitalter". € 25,50 / 303 Seiten. Suhrkamp 2009
- Helga
Nowotny, Giuseppe Testa, "Die gläsernen Gene - Die Erfindung des
Individuums im molekularen Zeitalter" . € 10,30 / 159 Seiten. edition
Unseld/Suhrkamp 2009