Aufwertung durch Abnützung

27. März 2005, 00:18
posten

Kinoträume von Guy Maddin im Österreichischen Filmmuseum

Wien - "Mittlerweile habe ich mich länger mit den Zwanzigerjahren befasst, als die Zwanzigerjahre für sich selbst gebraucht haben!" Die Desperation, in die der kanadische Filmemacher Guy Maddin, befragt für das Porträt Waiting for Twilight (1997, Regie: Noam Gonick) verfällt - sie ist nur bedingt komisch. Aber schön der Reihe nach:

Freunde von Maddin erzählen in ebendieser Dokumentation Anekdoten über dessen sehr eigenwilligen Zugang zur Abnützbarkeit und Verletzlichkeit von Filmen, die er für cineastische Privatvorführungen akquirierte: Zuerst wurden diese an eine Hauswand projiziert und dabei auf Video abgefilmt.

Dieses Video wurde wiederum beim Abspielen selbst abgefilmt und die daraus entstehende Kopie wurde dermaßen oft gespielt und gezeigt, bis die Betrachter irgendwann bestenfalls erahnen konnten, wie gut das war, was sie da gesehen hatten. Aber - so könnte man jetzt wiederum weiterdenken - wirklich gut musste der Film ja sein, sonst wäre er nicht so oft gezeigt, gesehen, malträtiert worden.

Legt man dies um auf Guy Maddins eigene Kurz- und Langfilme, so stößt man auf eine ähnliche Strategie der Aufwertung durch Abnützung: Dem Vernehmen nach haben Festivaljuroren in Anfangsjahren ein Werk von ihm deshalb abgelehnt, weil sie den sorgsam aufgerauten Ton für zu schlecht befanden. Ähnlich verhält es sich mit der höchst akribischen Lichtkomposition: Manchmal wirkt es, als würde sich das Filmmaterial quasi in der Projektion selbst auflösen. Als ermüde das Kino selig in seinen eigenen Träumen - und das ist nur eins der vielen Paradoxa, die Maddin ständig evoziert.

Licht und Ton: Das Aufflackern bzw. Verlöschen der beiden erinnert einerseits stark an das expressionistische Kino (siehe oben: die Versenkung in die Zwanzigerjahre): Careful (1992), Maddins vielleicht populärste Annäherung an Ekstase, ist deutlich vom Cabinett des Dr. Caligari inspiriert. Auch frühe Bergfilme von und mit Leni Riefenstahl (Der heilige Berg) haben Pate gestanden: In einem Melodram im Schatten des Eiger, in dem nur die Kulissen Pappe und Sperrholz sind. Sonst: reinstes Herzblut in tragikomischem Verzweifeln über Inzest und Beengtheit.

Maddin, der solche Exotismen (siehe auch: isländische Selbstverletzungen in Tales from the Gimli Hospital, 1988) in familiärem Umfeld in Winnipeg, wo er 1956 geboren wurde, kreiert - er wird auch oft mit David Lynch verglichen. Vor allem sein geniales Debüt, der autobiografisch motivierte Kurz- und Gespensterfilm The Dead Father wurde oft in die Nähe von Eraserhead gerückt. Man könnte aber auch vermuten, dass Maddin (wie Lynch) sehr viel Edgar A. Poe gelesen hat, ja insgesamt einer unheimlichen angloamerikanischen Tradition stark verbunden ist, in der (vermeintliche) räumliche Weite und höchst persönliche Klaustro- bzw. Agoraphobie Hand in Hand gehen.

Ein großer Geistesverwandter ist da wohl auch der US-Halbgott unter den Pop-Avantgardisten, Kenneth Anger, dessen Fireworks und Eaux d'artifice vortrefflich in ein Programm neben Maddins Twilight of the Ice Nymphs gestellt werden könnten. Wie Anger ist Maddin stilbildend auch für die Musikvideoproduktion der Gegenwart. Wie dieser balanciert er auf einem schmalen Grat zum Geschmäcklerischen, aber nein, da ist dann wieder zu viel Verzweiflung: "Nur ein, zwei verhaute Einstellungen, und man kann den Film vergessen."

Überprüfen und bewundern kann man diesen leidvollen Perfektionismus derzeit im Österreichischen Filmmuseum, wo in Kooperation mit Sixpack Film eine Werkschau organisiert wurde. Heute, als Höhepunkt: Das Kurzfilmprogramm inklusive des Maddin-Porträts Waiting for Twilight. Die Kommentare spricht dort übrigens, sehr stimmig, kein Geringerer als Tom Waits. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Von Claus Philipp

Guy Maddin im
Filmmuseum:
Bis 26. April

  • Zerschrammte Träume: Kyle McCulloch in Guy Maddins irrwitzigem Berg- und Inzest-
Melodram "Careful" (1992).
    foto: sixpack film

    Zerschrammte Träume: Kyle McCulloch in Guy Maddins irrwitzigem Berg- und Inzest- Melodram "Careful" (1992).

Share if you care.