"Welche große Kaserne, dieses moderne Leben!"

20. April 2003, 15:06
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Zentralfigur der Moderne und Opfer eines Psychiatrieskandals: Vor 125 Jahren wurde Robert Walser geboren

Ein Jubiläum, aber kein Grund zu Betulichkeit: eine Geburtstagslektüre seines wilden, soeben neu aufgelegten Werkes, der riesigen "Mikrogramme".


Bei Robert Walser, der heute vor 125 Jahren am 15. April um drei Uhr nachmittags als eines von acht Kindern eines untüchtigen Spielwarenhändlers und einer schwermütigen Mutter geboren wurde, ist meist nur von seinem Verstummen im Irrenhaus die Rede und nicht vom 7000-Seiten-Werk. Das dreiundzwanzigjährige Nichtschreiben - von der Zwangseinweisung in die Klinik Herisau 1933 bis zu Walsers Tod im Schnee vor der Klinik am Weihnachtstag 1956 - ist ja auch ein Skandal. Ein gesellschaftlicher, nicht nur ein schweizerischer: Entsorgung des anarchischen Geistes in Heimen, um das eigene Heim ja unversehrt zu lassen.

Zunächst das Werk: Lesen Sie zu Beginn ja nicht die Kurzprosastücke, Hunderte Mosaiksteinchen der modernen Welt in der ironischen Brechung eines außenseiterischen Bewusstseins, aber viel zu schwierig für den Anfang. Lesen Sie Walsers ersten Roman, Geschwister Tanner (1907). Sofort wird klar, mit welch verdächtigem Subjekt man es hier zu tun bekommt. Was ist in einer Welt der Tüchtigen von einem zu halten, der wie hier die Figur Simon bei einer Bewerbung auf die Frage nach Referenzen sofort erklärt: "Einzuziehende Erkundigungen über mich würden nur schlecht lauten. Ich bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten." Denn: "Welch große Kaserne, dieses moderne Leben!"

Geschwister Tanner verarbeitet Autobiografisches, auch die eigenen Geschwister, vor allem aber die Haltung des andauernden Aufbruchs, die Walsers Leben in und zwischen den europäischen Städten kennzeichnet: Allein in Zürich zog er zwischen 1896 und 1907 etwa 17-mal um und wechselte neunmal die Arbeitsstelle, eben "aus reiner Lust am Austreten": Kontorist, Angestellter eines Rechtsanwalts, einer Buchhandlung, einer Maschinenfabrik, mehrerer Bankhäuser.

Die Welt der Angestellten, neu in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts - von Siegfried Kracauer soziologisch, von Franz Kafka literarisch registriert -, kannte Robert Walser im Detail. Aber jede dieser neuen Schicht vorgegaukelte Hoffnung lehnte er, wie Kafka, ab: "Sie untergraben sich Ihre Zukunft!", ruft ein Bankdirektor dem Simon bei einer Kündigung zu. Darauf dieser: "Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat man eine Gegenwart, so vergisst man, an eine Zukunft überhaupt nur zu denken."

Die Gegenwart nun notiert Robert Walser in jeder Weise mikroskopisch: 1924 - verehrt von Franz Kafka, Robert Musil und Walter Benjamin, doch ökonomisch desaströs - entwickelt Walser seine Schrift des Verschwindens aus der Gesellschaft in seinen Mikrogrammen Aus dem Bleistiftgebiet. Zum Jubiläum wurden sie jetzt endlich in einer erschwinglichen Ausgabe zugänglich (Suhrkamp): bis zu 350 Anschläge in einer Zeile, 100 Zeilen auf einem Blatt, transkribiert auf 4500 Seiten.

Mitten aus dieser Schreibbewegung heraus entfaltet sich hier etwa der Räuber-Roman: Dieser "Räuber" lehnt alles ab, was den wahren Räubern, uns, selbstverständlich ist, eigenen Vorteil und Sicherheit. Er tut, was niemand täte: "Einst ließ er aus Menschenfreundlichkeit hunderttausend Mark in den Händen andrer liegen."

Die dankten es ihm nicht, auch nicht im Leben: 1929 leidet Robert Walser an Angstzuständen und an Schlaflosigkeit. Ein Psychiater rät seiner Schwester zur Irrenanstalt Waldau bei Bern. Dort schreibt Walser noch. Aber 1933 wird er, gegen seinen Willen, nach Herisau im (gehassten) Heimatkanton Appenzell verlegt. Er will heraus. Die Geschwister wollen aber - wie das ja auch allgemein, etwa beim Abschieben in Altersheime, üblich ist - ihre Ruhe. Und die Ärzte konstruieren Symptome. Robert Walser kehrt den Anstaltsboden, falzt Papiersäcke, zwei Jahrzehnte lang: "Es ist ein Unsinn, auch in der Anstalt zu schriftstellern. Der einzige Boden, auf dem ein Dichter produzieren kann, ist die Freiheit." (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Von Richard Reichensperger
  • Robert Walser, der Flaneur: "Nur im Freien ist der Dichter frei."
    foto: suhrkamp

    Robert Walser, der Flaneur: "Nur im Freien ist der Dichter frei."

  • (Zum Vergrößern)Auch dies ist
ein
Widerstand
gegen brutale
Welt: In
winziger, in
zartester
Schrift – hier
auf einer
Quittung –
notierte
Robert
Walser die
kleinsten
Details aus
dem großen
Getriebe der
Moderne.
    foto: suhrkamp

    (Zum Vergrößern)

    Auch dies ist ein Widerstand gegen brutale Welt: In winziger, in zartester Schrift – hier auf einer Quittung – notierte Robert Walser die kleinsten Details aus dem großen Getriebe der Moderne.

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