Das Ende der Heroen

15. April 2003, 17:27
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Vom Popstar zum Versager: Gestern noch galten die Chefs als Wundermänner mit beinah übersinnlichen Führungsqualitäten, heute werden sie als Abzocker gesehen. Warum sich die Halbwertzeit des modernen Managers auf einmal so dramatisch verkürzt hat

Die Haffa-Brüder, Pixel-Gründer Neef, Telekom-Chef Ron Sommer, Rolf Hüppi, Konzernchef der Zürich-Versicherung - alle innerhalb kurzer Zeit aufgestiegen, schnell gefeuert. Beispiele für viele Manager, die derzeit ausgemustert werden.

Die oben genannten Namen sind nur die Spitze des Eisbergs. Im Mittelstand wird inzwischen viel schneller gefeuert als im Big Business, nur weniger schlagzeilenträchtig. Aber auch börsennotierte Großunternehmen trifft es hart: Einer Studie der US-Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton zufolge hat sich der Chefwechsel zwischen 1995 und 2002 mehr als verdoppelt (53 Prozent).

Dominoeffekt

Gestern noch galten die Chefs als Wundermänner mit beinah übersinnlichen Führungsqualitäten, jetzt gehen sie nur noch als Abzocker durch, die mit exorbitanten Abfindungen privatisieren und mit dem Vorwurf leben müssen, Versager zu sein. Warum kippen so viele Wirtschaftsführer plötzlich wie Dominosteine, auch wenn sie keine Bilanzen gefälscht oder gravierende Fehlentscheidungen getroffen haben?

Fredmund Malik, Professor an der Universität St. Gallen und sicher einer der besten Kenner der Führungskräfte-Szene in den deutschsprachigen Ländern, glaubt zu wissen, woran das liegt. Zwar sei jeder Fall anders, doch wer die Biografien der Geschassten vergleiche, finde "ein paar Grundmuster: solche, die es anderen zeigen wollen, die zu Personenkult und Privilegien neigen, die zu rasch erfolgreich waren, die zu schlecht ausgebildet sind, die niemals im Leben Rückschläge und Krisen meistern mussten, die deshalb ihre persönlichen Grenzen nicht kennen und sie auch nie erkundet haben, zum Beispiel via Sport".

Vor allem in den Neunzigerjahren seien innerhalb eines Jahrzehnts mehr Fehler auf Managementebene gemacht worden "als in den davor liegenden 300 Jahren zusammen. Jeder amerikanische Unfug - Wertsteigerungsdogma, Quartalsorientierung, New Economy, Stock Options, Rechnungslegungsvorstellungen, finanzwirtschaftliche Eindimensionalität - wurde unkritisch übernommen.

Tendenz zum Personenkult

Dazu kommt die stärker gewordene Tendenz zum Personenkult. Viele Manager sind anfällig für Heroisierung, Idealisierung und die Schmeicheleien der Medien. Einige haben einfach die falschen Berater gehabt und diesen blind vertraut." Das harsche Statement eines Beobachters, der für sich in Anspruch nehmen kann, stets vor der Hybris in den Geschäftsetagen gewarnt zu haben.

Malik argumentierte immer, es gebe "keine Alternativen zu über Jahre aufgebauten Top-managementteams", und attackierte den Glauben an die Kunst der Überflieger.

Der Preis für die wirtschaftlichen Exzesse der letzten Jahre, meint er, sei außerordentlich hoch. "Wir werden noch lange an den Fehlentwicklungen zu beißen haben: in Form von Arbeitslosigkeit und Wohlstandsabbau, einer scharfen, langen Rezession, wenn nicht einer deflationären Depression, sowie mit der Vernichtung gigantischer Scheinwerte an der Börse."

Heulender Superstar

Malik hatte ein exemplarisches Beispiel für Managementversagen direkt vor seiner Haustür, den Schweizer Superstar Rolf Hüppi, der als Konzernchef der Zürich-Versicherung den biederen Laden in Rekordgeschwindigkeit zum globalen Finanzdienstleister machen wollte.

Hüppi, ein hemdsärmlig auftretender Macher, um kein letztes Wort verlegen, wurde europaweit als "Schrittmacher der Versicherungsszene" gepriesen, musste im Mai vergangenen Jahres seinen Abschied nehmen und wurde auf der Generalversammlung von den Aktionären derart verhöhnt, dass er zu heulen begann. Und das als einer, der wie ein moderner Feldherr einen Eroberungsfeldzug angetreten hatte, der im Versicherungsgewerbe einmalig war. Hüppi baute seine Expansion nicht auf Prozessen und Strukturen auf, sondern wollte sie einfach, getrieben von einem starken Ego, durchpauken. Er kaufte, was ihm wertvoll schien, traf einsame Entscheidungen in Milliardenhöhe, ohne Rechenschaft ablegen zu müssen.

Ferdinand Malik vertritt die Ansicht, dass in den letzten Jahren so viele Fehler im Managementbereich gemacht wurden, "weil es keine systematische und fundierte Auseinandersetzung mit Führung gibt. Mich erstaunt die Tatsache immer wieder, wie wenig sich Manager mit Führungstheorien befassen."

Infantiler Glaube

Stattdessen hingen sie fest am "infantilen Glauben, dass diesmal alles ganz anders sei". Medien und Medienvolk wollen Stars statt gewissenhaft arbeitender Führungskräfte, Glamour statt Sachlichkeit, Vorstandsvorsitzende mit "Homestorys" in der "Gala" statt im nüchternen Arbeitsambiente. Selbst der Chef eines mittelständischen Betriebs ist nicht davor gefeit, sich toll zu finden, wenn er eine tolle Frau an seiner Seite hat, wohlerzogene Kinder vorzeigen kann und mit Insignien des Wohlstands ausgezeichnet ist. Eine "Schönwetterkonstruktion" nennt Malik das, "gescheitert, weil es die falschen Leute in die obersten Positionen bringt" und Kontrollgremien dazu verleite, "Universalgenies zu suchen, statt sich auf gut funktionierende Teams zu konzentrieren. Es hat sich eine Tendenz zur absolutistisch-monarchistischen Führung etabliert, ohne dass die hierfür unerlässliche Verantwortung und Haftung etabliert wird, wie sie etwa für den Eigentümerunternehmer unausweichlich ist."

Und nun? "Es wird lange dauern, bis Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Wirtschaftsführer wieder zurückkehrt", sagt Experte Malik. Er empfiehlt Gremien mit Kontrollfunktion, "die wirklich funktionieren und solide Kenntnisse in Unternehmensstrategie" besitzen.

Vor allem sollte eine Umorientierung auf "Customer Value" stattfinden. Nicht mehr schneller, höher, weiter, nicht mehr um jeden Preis wachsen und Global Player werden wollen, "sondern einfach die Kunden zufrieden stellen". Wer als Unternehmer bodenständig ist, dem gebührt Vollwertszeit. (Roland Mischke, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.4.2003)

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    Die einst bewunderten Brüder Thomas und Florian Haffa (v. li.) teilin ihr Schicksal als vom Podest ...

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    ... gestürzte Heroen ebenso mit dem Pixelpark-Gründer Paulus Neef wie mit dem langjährigen Chef ...

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    ... der Deutschen Telekom, Ron Sommer. Sie bilden dabei aber nur die Spitze des Eisberges

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