Analyse: Die Massen- vernichtungswaffen-Rute im Fenster

14. April 2003, 21:19
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Mit Drohungen wollen die USA vor allem die Kooperation Syriens gegen irakische Regimeflüchtlinge erzwingen

Damaskus/Washington/Wien - "Ich denke, wir vermuten beispielsweise Massenvernichtungswaffen in Syrien", sagte US-Präsident George Bush reichlich vage. Heutzutage genügt das jedoch, um über Kriegsszenarien nachdenken zu müssen, hat man doch bereits erlebt, wie aus Denken und Vermuten eine - bis heute nicht bestätigte - Gewissheit geworden ist.

Nüchtern betrachtet kann man annehmen, dass die US-Drohungen vor allem einen Sinn haben: Syrien klar zu machen, dass es die USA nicht dulden werden, dass ihnen womöglich durch Syriens Schuld dasselbe mit Saddam Hussein widerfährt wie mit Osama Bin Laden.

Syrien ist dasjenige Nachbarland des Irak, von dem die USA am ehesten erwarten, dass es irakische Regimeasylanten aufnimmt oder ihnen weiterhilft oder dies schon getan hat - obwohl es eine historische Feindschaft zum Saddam-Regime aufzuweisen hat. Aber Syrien war der Anführer der Antikriegsfront in der arabischen Welt, und jeder syrische Freiwillige, der im Irak gekämpft hat, wird nun Damaskus direkt angerechnet - wobei es völkerrechtlich alles andere als geklärt ist, ob es illegitim gewesen wäre, dem Irak beizustehen. Aber außer sehr dumm wäre es angesichts der Natur des irakischen Regimes natürlich auch moralisch katastrophal gewesen (was wiederum nicht etwa heißen soll, dass die USA den Irak aus moralischen Gründen angegriffen haben).

Die Massenvernichtungswaffen-Geschichte ist eher marginal, nicht einmal Israel behauptet, dass Syrien eine echte Gefahr darstellt. Trotzdem äußerte sich Israels Verteidigungsminister Shaul Mofaz jetzt viel deutlicher als je ein israelischer Offizieller vor dem Irakkrieg - da wurde übrigens Israel auch explizit von den USA aufgefordert, sich nicht bejahend zu Wort zu melden. Große Freude wird Washington trotzdem mit dem israelischen "Forderungskatalog" an Syrien nicht haben - obwohl man sich bei der Bewertung der palästinensischen Organisationen, die in Damaskus ihre Büros haben, und der von Syrien gesponserten libanesischen Hisbollah durchaus einig ist.

Aber als möglicher Kriegsgrund wurde Syriens Unterstützung für Terrorgruppen, die unter dem Titel Kampf gegen die israelische Besetzung läuft, bisher in Washington nicht gewertet. Und der Eindruck, man würde bei der erwünschten Neuordnung der Region allein israelische Interessen im Auge haben, wäre für das Verhältnis zwischen USA und arabischer Welt nicht erwünscht - und übrigens auch ungerecht.

Syrien ist beim Golfkrieg 1991 auf der alliierten Seite gestanden - dieser Bonus, der zu einem respektvollen Umgang der USA mit Präsident Hafiz al-Assad führte, ist längst aufgebraucht - und hat nach dem 11. September 2001 im US-Kampf gegen Al-Kaida kooperiert. Aber der erste Vorwurf, Syrien beherberge geflohene Kaida-Mitglieder, konnte unter den gegebenen Umständen nicht ausbleiben, er wurde am Montag vom US-Magazin Time erhoben.

Konkret zum Kriegsszenario ist zu sagen, dass, wenn es einen Angriff auf Syrien gibt, dieser wahrscheinlich nicht Monate und Jahre, wie beim Irak, auf sich warten ließe. In Syrien würden die USA einer weit schwächeren, aber um vieles motivierteren Armee als im Irak gegenüberstehen.

Die Gefahr, dass sich Israel diesmal hineinziehen ließe, wäre größer als beim Irakkrieg. Während die befürchtete Eskalation mit der Hisbollah an der israelisch-libanesischen Grenze während des Irakkriegs ausgeblieben ist - ein Hinweis auf den syrischen Pragmatismus -, wäre er beim Syrienkrieg wohl unvermeidlich, weil erwünscht. Denn die aus dem Irakkrieg gezogene Lehre ist nun einmal, dass "Aufräumen" als Problemlösung angesagt ist, wenn es denn machbar ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

von Gudrun Harrer
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