Kommentar der anderen: Segensreiche Gebühren, glückliche Studenten?

15. April 2003, 12:11
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Zwölf Fragen an Bildungsministerin Gehrer von den ÖH-Vorsitzenden Andrea Mautz und Anita Weinberger

Vor einigen Tagen hat Ministerin Gehrer die "Studierenden-Sozialerhebung 2002" veröffentlicht - aber allem Anschein nach nicht gelesen. Andernfalls könnte sie die Studiengebühren wohl kaum als größten Segen interpretieren, der je über Österreichs Studierende gekommen ist. Die ÖH hat die Mühen der Lektüre nicht gescheut und erlaubt sich nun, die Ministerin mit ein paar Fragen zu behelligen:

1. Warum behaupten Sie beharrlich, dass nach Einführung der Studiengebühren die Studienbeihilfen ausgeweitet worden sind? Aus der Sozialerhebung geht hervor, dass 1998 20,1 Prozent der 230.076 Studierenden - also 46.245 Personen - Studienbeihilfe bezogen haben. Jetzt gibt es nur noch für 40.800 Studienbeihilfe und für weitere 5468 Studienzuschuss oder sonstige Stipendien.

2. Warum behaupten Sie, dass Studierende heute mehr Geld zur Verfügung haben als vor vier Jahren? In dem von Ihnen präsentierten Bericht können Sie nachlesen, dass einem studentischen Gesamtbudget von monatlich 1040 Euro Ausgaben von 1042 Euro gegenüberstehen. Jeder Student macht im Monat durchschnittlich zwei Euro Schulden. Vor vier Jahren blieben am Monatsende noch rund 100 Euro übrig.

3. Warum behaupten Sie, dass Studierende unabhängiger geworden sind? Ebenfalls in der Erhebung nachzulesen ist, dass die Zuwendungen der Eltern an die Studierenden von durchschnittlich 280 Euro im Monat vor vier Jahren auf nunmehr 430 Euro gestiegen sind. Müßig zu erwähnen, dass Studierende aus höheren sozialen Schichten mehr Geld von ihren Eltern bekommen als solche aus niedrigeren sozialen Schichten.

4. Warum behaupten Sie, dass die Studiengebühren akzeptiert sind? Nur 20 Prozent der Studierenden verneinen die Frage nach "erhöhtem finanziellen Druck", nur 30 Prozent jene nach einem "eingeschränkten Lebensstandard"; und 52 Prozent geben an, ihre "Erwerbstätigkeit ausgeweitet" zu haben.

5. Warum behaupten Sie, dass noch niemals so viel Geld für Bildung ausgegeben wurde wie zurzeit? Das Hochschulbudget 2002 betrug 2,398 Milliarden Euro; 2003 soll es nur noch 2,250 Milliarden betragen. Sogar 1999 war es mit 2,405 Milliarden Euro noch höher als jetzt.

6. Warum behaupten Sie, dass 56 Prozent der Studierenden ihr Studium beschleunigen wollen, und verschweigen damit die Hälfte der Wahrheit? Diese besteht darin, dass 48 Prozent der Studierenden ihre Studienaktivitäten aufgrund erhöhter Erwerbstätigkeit einschränken mussten, obwohl sie gerne schneller studieren würden.

Die Zahlen

7. Warum behaupten Sie, dass die Studiengebühren keine Auswirkungen auf die soziale Zusammensetzung der Studierenden haben? Der Bericht zeigt deutlich, dass bildungsferne Schichten von der Universität verdrängt werden. Kamen 1998 noch 47,3 Prozent der Studierenden aus Haushalten, in denen keiner der Elternteile Matura hatten, sind das nach Einführung der Gebühren nur noch 42,4 Prozent. Studierende, deren Eltern Hochschulabschlüsse haben, waren vor vier Jahren zu 10,8 Prozent vertreten, jetzt sind es 13,5 Prozent.

8. Warum behaupten Sie, dass die Studiengebühren keine Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis der Studierenden haben? Waren 1998 noch 47 Prozent der Doktoranden Frauen, sind es nach Einführung der Gebühren nur noch 43 Prozent. Nebenbei: Die Anzahl der Doktoranden ist insgesamt von 23.000 auf 17.850 gesunken.

9. Womit erklären Sie sich, dass es noch immer 22,6 Prozent "Scheinstudierende" gibt, wie Sie prüfungsinaktive Studierende zu nennen pflegen? Tatsache ist jedenfalls, dass zwei Drittel jener 22,6 Prozent, die auch nach der Einführung der Studiengebühren keine einzige Prüfung abgelegt haben, dies damit begründen, dass sie entweder durch ihre ausgeweitete Erwerbstätigkeit zu stark belastet sind oder dass sie an ihrer Diplomarbeit/Dissertation arbeiten. 10. Warum behaupten Sie, dass die Erwerbstätigkeit der Studierenden aufgrund der Studiengebühren um nur sechs Prozent zugenommen hat? 1998 war die Hälfte der Studierenden berufstätig, jetzt sind es zwei Drittel - das entspricht einer Steigerung um 16 Prozent innerhalb von vier Jahren.

11. Warum reagieren Sie nicht darauf, dass 35.000 Studierende erwägen, ihr Studium aus finanziellen Gründen abzubrechen? Nach den 45.000, die bereits bei der Einführung der Gebühren ihr Studium aufgegeben haben, erwägen das mittlerweile weitere 80.000. 35.000 begründen das mit finanziellen Problemen.

12. Warum sorgen Sie angesichts dieser Zahlen nicht dafür, dass die Studiengebühren abgeschafft werden? Die von Ihnen selbst in Auftrag gegebene und präsentierte Sozialerhebung gibt mehr als genug gute Gründe dafür.(DER STANDARD, Printausgabe, 15.4.2003)

Andrea Mautz und Anita Weinberger sind Vorsitzende der Österreichischen Hochschülerschaft.
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    Trotz Studiengebühren scheint sich an den chaotischen Zuständen an Österreichs Universiäten noch wenig verändert zu haben.

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